G8 oder G9?

Mit G9 kann man Inklusion besser realisieren

(red) - Gut zehn Jahre nach Einführung des achtjährigen Gymnasiums rudern einige Bundesländer – zumindest teilweise – wieder zurück. Den radikalsten Weg wird wohl Niedersachsen einschlagen: Ab 2015 will die neue Landesregierung zum neunjährigen Gymnasium zurückkehren. G8 oder G9 - welcher Weg ist richtig? Gibt es eine ideale Lösung? Antworten dazu von Prof. Dr. Dorit Bosse.

19.12.2014 Artikel
  • © privat

Frau Bosse, normalerweise brauchen Veränderungen im Bildungssystem eine sehr lange Zeit. Warum wurden die Entscheidungen für und dann auch gegen G8 relativ zügig gefällt?

Dorit Bosse: Das hängt damit zusammen, dass in vielen Bundesländern die Umstellung von G 9 auf G 8 vor einem Jahrzehnt von einer kontrovers geführten öffentlichen Diskussion begleitet wurde und die Kritik an der Verkürzung des gymnasialen Bildungsgangs, vor allem bei den Eltern, nicht abebbte. Es gab in den letzten Jahren eine Reihe von Umfragen zur Verkürzung, so erst jüngst in NRW im Rahmen der Evaluation des Schulversuchs "Abitur an Gymnasien nach 12 oder 13 Jahren". Eltern erhoffen sich von einer Rückkehr zu G 9 mehr Zeit für Bildung, mehr individuelle Fördermöglichkeiten, weniger Leistungsdruck und letztlich bessere Abschlussnoten für ihre Kinder. Von daher nehme ich es nicht so wahr, dass die Entscheidung zur Rückkehr zu G 9 - oder zur Wahlmöglichkeit zwischen G 8 und G9 wie in Hessen - zügig gefallen ist, sondern dass ein langjähriger öffentlicher Diskussionsprozess vorangegangen ist, der Druck auf die Bildungspolitik ausgeübt hat.

Etliche Bundesländer differenzieren: Das Gymnasium endet nach acht Jahren mit dem Abitur, Gesamtschulen, Sekundarschulen oder Stadtteilschulen lassen ihren Schülern neun Jahre Zeit. Wäre dies nicht für alle Bundesländer die beste Lösung?

Dorit Bosse: Ich vermute, hinter Ihrem Vorschlag steht der Wunsch, man könne Ordnung in das unterschiedlich ausgestaltete Schulsystem in Deutschland bekommen. Es kann schon deshalb keine Lösung sein, weil es Bundesländer wie Bayern gibt, wo keine flächendeckende Einführung von Gesamtschulen stattgefunden hat. Aus meiner Sicht macht es keinen Sinn, die Länge der Schulzeit, die zum Abitur führt, an Schulformen festzumachen. Es ist die Frage, was gewonnen wäre, wenn wir Schulen für schnellere Schülerinnen und Schüler hätten und Schulen für die Langsameren. Entscheidend ist, dass Kinder und Jugendliche wohnortnah ein vielfältiges attraktives Bildungsangebot haben, das ihnen die bestmögliche individuelle Förderung ermöglicht. Von daher sollten die Eltern gemeinsam mit den Lehrerinnen und Lehrern und ihrem Kind entscheiden, welche Schulform mit welcher Schulzeitdauer die richtige ist.

Warum konnte sich eigentlich das traditionelle neunjährige Gymnasium nicht mehr flächendeckend behaupten?

Dorit Bosse: Die Gründe für die Einführung von G 8 waren vielschichtig, z. T. steckten wirtschaftliche Interessen dahinter. Es wurde unter anderem beklagt, dass unsere Hochschulabsolventinnen und –absolventen im weltweiten Vergleich zu alt seien, und sicherlich war mit der Verkürzung des gymnasialen Bildungsgangs die Hoffnung verbunden, man könne langfristig mit Einsparungen rechnen. Nun ist aber vorgegeben, dass für den Erwerb der Allgemeinen Hochschulreife 265 Jahreswochenstunden erforderlich sind, egal, ob diese in 12 oder 13 Schuljahren absolviert werden. Von daher kommt es vor allem darauf an, wie in den einzelnen Schulformen diese Stundenvorgaben pädagogisch umgesetzt werden. Immerhin gibt es neben NRW, Niedersachsen und Hessen auch noch Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein, die z. T. im Rahmen von Modellversuchen an Gymnasien zu G 9 zurückgekehrt sind. Von daher würde ich nicht sagen, dass sich das neunjährige Gymnasium überholt hat. Denn mehr Zeit für Bildung ist nie verkehrt. Ein Parallelsystem mit Wahlfreiheit, wie es jetzt zum Beispiel in Hessen angeboten wird, ist nicht dumm. Hier können sich die einzelnen Schülerinnen und Schüler am Gymnasium zwischen dem G8- und dem G9-Zweig entscheiden. Das ist zwar für die Schulen mit einem immensen Organisationsaufwand verbunden - und ich möchte nicht mit dem Stundenplan-Verantwortlichen tauschen - aber für Schüler ist das ein tolles Angebot. Was man außerdem nicht vergessen sollte: Im neunjährigen Bildungsgang kann man Inklusion besser realisieren, weil man einfach mehr Zeit für individuelle Förderung, für gutes Üben und für die individuelle Zuwendung zu einzelnen Schülern mit und ohne Beeinträchtigung hat.

Zur Person

Dorit Bosse ist Professorin für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Gymnasiale Oberstufe und Vorsitzende des Zentrums für Lehrerbildung der Universität Kassel.

Dazu auf der didacta 2015 in Hannover

Dienstag, 24. Februar 2015

Schule in Niedersachsen: Chancen für jeden
Referentin: Frauke Heiligenstadt, Niedersächsische Kultusministerin, 14.00 bis 15.15 Uhr im Forum Bildung, Halle 16 / Stand E20

Donnerstag, 26. Februar 2015

Leistung ja oder nein: Kein Schulfrieden in Niedersachsen?
Podiumsdiskussion mit Jan Haude, Parteivorsitzender DIE GRÜNEN Niedersachsen, Ulf Thiele, Generalsekretär CDU Niedersachsen, Stefan Politze, Fraktionssprecher für Kultus der SPD-Fraktion im Niedersächsischen Landtag, 12.30 bis 13.45 Uhr im Forum Bildung, Halle 16 / Stand E20

Rückkehr zu G9: Chance für ein neues Gymnasium?
Podiumsdiskussion mit Heiner Hoffmeister, Abteilungsleiter Niedersächsisches Kultusministerium, Horst Audritz, Vorsitzender Philologenverband Niedersachsen, Sabine Hohagen, 1. Vorsitzende Landeselternrat, Prof. Dr. Dorit Bosse, Universität Kassel, Donnerstag, 14.00-15.15 Uhr im Forum Bildung, Halle 16 / Stand E20


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