Nachhaltigkeit in der Bildung: Quo vadis?
Eine neue Studie über Bildung für nachhaltige Entwicklung zeigt, welche Rolle das Thema in Schule, Ausbildung und Studium aktuell einnimmt. Obwohl Nachhaltigkeit seit einigen Jahren etwas häufiger in Bildungseinrichtungen behandelt wird, fühlen sich nur wenige junge Menschen dadurch befähigt, zur Lösung von Nachhaltigkeitsproblemen beizutragen.
24.01.2023 Bundesweit Artikel Anke Imgrund, Anna PetersenEin positives Ergebnis gleich vorweg: Lernende an Schulen, Berufsschulen und Hochschulen in Deutschland setzen sich inzwischen häufiger mit Nachhaltigkeit auseinander. In den letzten vier Jahren stieg der Anteil von 9 auf 14 Prozent der Gesamtunterrichtszeit. Das hat eine deutschlandweite Studie des Nationalen Monitorings zu Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) festgestellt, für die etwa 2.500 junge Menschen und 500 Lehrkräfte befragt wurden. Die Erhebung soll herausfinden, inwieweit formale Bildungseinrichtungen Schüler:innen und andere Lernende in die Lage versetzen, eine nachhaltige Zukunft mitzugestalten. Denn: Laut Agenda 2030 der Vereinten Nationen sollen bis 2030 Lernende weltweit die notwendigen Kenntnisse und Qualifikationen zur Förderung nachhaltiger Entwicklung erwerben.
Nachhaltigkeit im Unterricht
Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Zwar gaben 70 Prozent der befragten jungen Menschen an, dass Nachhaltigkeit in ihrer Bildungseinrichtung thematisiert worden sei. Fast ein Drittel jedoch kam in Schule und Co. kein einziges Mal mit dem Thema in Berührung. Eine querschnittliche Verankerung in allen Fächern gibt es laut Studie noch nicht, eine stärkere Auseinandersetzung mit nachhaltiger Entwicklung zeige sich vor allem in klassisch „BNE-affinen“ Fächern wie Erdkunde und Biologie.
Und tatsächlich: Mehr als 15 Jahre nachdem die Kultusministerkonferenz der Länder empfohlen hat, Bildung für nachhaltige Entwicklung in den Schulen zu stärken, haben nur vier Bundesländer diese verpflichtend in ihre Schulgesetze aufgenommen – darunter Hessen und Berlin.
Soziale Medien als Informationsquelle
Die Folge: Nicht in Schule und Co. kommen junge Menschen laut Studie heute am meisten mit Nachhaltigkeitsthemen in Berührung, sondern durch soziale Medien. Viele Befragte würden sich aber wünschen, im Unterricht mehr über nachhaltige Entwicklung zu sprechen – auch das zeigt der Studienbericht. „Da wird viel mehr gewollt, als momentan faktisch passiert“, sagte auch Prof. Dr. Gerhard de Haan in einem Interview mit „bildungsklick TV“ im letzten Jahr. Er ist Leiter des Institut Futur der Freien Universität Berlin und führt mit seinem Team seit 2015 das BNE-Monitoring durch. Sich in den sozialen Medien mit Infos zu versorgen, sieht der Forscher kritisch. „Viele informieren sich genau dort, wo die Fake News zu Hause sind. Gerade bezogen auf den Klimawandel ist das der Fall.“ Dem aktuellen Bericht zufolge leisten Bildungseinrichtungen in puncto BNE sogar so wenig, dass sich mehr als 40 Prozent der befragten jungen Menschen durch Schule, Ausbildung oder Studium eher nicht oder überhaupt nicht befähigt sehen, selbst „etwas Sinnvolles angesichts der Nachhaltigkeitskrisen“ auszurichten.
Beteiligungsmöglichkeiten
Das Nationale Monitoring zu BNE empfiehlt formalen Bildungseinrichtungen daher ganz klar, die Handlungsbefähigung junger Menschen gezielt zu fördern. Denn obwohl sich die Hälfte der jungen Befragten für eine nachhaltige Zukunft einsetzen möchte, hat sie gleichzeitig nur wenig Hoffnung, dass sich eine solche Zukunft überhaupt noch verwirklichen lässt. Daher reicht es laut Nationalem Monitoring nicht, nur über nachhaltige Entwicklung zu informieren und Probleme darzustellen. Lehrende müssten auch „kritische Hoffnung“ vermitteln und Problemlösungen und Beteiligungsmöglichkeiten aufzeigen. Das können beispielsweise schlicht Abwägungshilfen für alltägliche Entscheidungen sein, wie de Haan sie beschreibt: „Ich hätte gerne Bioprodukte gekauft, […] aber mein Geld reicht dafür nicht. Was muss ich machen, kann ich irgendwo etwas weglassen? […] Das sind Fragen, die wir versuchen mit [den Schülerinnen und Schülern] zu erörtern.“
Komplexe Situationen bewältigen
De Haan und sein Team arbeiten zurzeit in einem von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt geförderten Projekt an der Erstellung von Lehr- und Lernmaterial, um Schüler:innen beim Umgang mit solchen Dilemmata im Alltag zu unterstützen. Sie sollen lernen, auch angesichts komplexer Themen handlungsfähig zu bleiben. Besprochen werden beispielsweise der Konsum von Palmöl oder der Eingriff in die Natur zugunsten des Ausbaus regenerativer Energien. „Wir versuchen erstmal, das Thema zu erschließen“, erläutert de Haan, „um dann zu sagen: So, wie steht ihr selbst dazu?“. In insgesamt vier Lerneinheiten à 90 Minuten gehe es anschließend darum, vertieft zu recherchieren und herauszufinden, welche Argumente eigentlich schlagkräftig sind. Die Schülerinnen und Schüler sollen am Ende „in der Lage sein, sich argumentativ mit der Sache zu befassen und das auch nach außen tragen zu können“, so Forscher de Haan. Das Konzept samt Materialien wird aktuell an teilnehmenden Schulen erprobt und die Umsetzung wissenschaftlich evaluiert.
Wunsch nach mehr
Der Blick auf die formalen Bildungseinrichtungen in Deutschland zeigt: Am Ende sind es Schüler:innen, die im Unterricht und in Projekten noch am häufigsten mit dem Thema Nachhaltigkeit in Berührung kommen. Laut Studienbericht des Nationalen Monitorings zu BNE ist das bei den befragten Auszubildenden und Studierenden deutlich weniger der Fall. Da verwundert es nicht, dass sich die befragten jungen Menschen in allen drei Bereichen mehr Bezüge zu Nachhaltigkeitsthemen im Unterricht wünschen – an Schulen und Hochschulen eine Verdopplung des gegenwärtigen Umfangs, an Berufsschulen sogar eine Verdreifachung!
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