Neu gedacht: Das Gymnasium im 21. Jahrhundert

Das Gymnasium in Bayern steht vor großen Herausforderungen: Explodierende Schülerzahlen, veränderte Sozialisationsbedingungen, die Diskrepanz zwischen alten Organisationsstrukturen, überfrachteten Lerninhalten und modernen Unterrichtsmethoden sowie schlechte Arbeitsbedingungen machen aus Sicht des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) eine Neuausrichtung dringend nötig. Mit dem heute in München präsentierten Positionspapier "Aufbrechen. Gymnasium neu denken" möchte der BLLV die Diskussion anstoßen.

24.02.2010 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

"Wir wollen keinen Reformaktionismus - die undurchdachte Verkürzung auf acht Jahre kostet Schülern, Eltern und Lehrer nach wie vor viel Kraft - der dem Gymnasium zugrundeliegende Bildungsbegriff muss aber neu definiert werden", erklärte BLLV-Präsident Klaus Wenzel. Ziel müsse sein, das Gymnasium zu einer inhaltlich profilierten und auf Förderung und Integration abzielenden Schulart zu entwickeln. "Es darf keine Denkverbote geben." Unterstützt wurde er vom Präsidenten der Technischen Universität München, Prof. Wolfgang A. Herrmann: "Das Gymnasium hat in einer modernen Innovationsgesellschaft vielfache Ansprüche zu erfüllen: mehr Methodenwissen und exemplarisches Faktenwissen vermitteln, für das Neue neugierig machen, für Verständniszusammenhänge begeistern, Talente entdecken und fördern, den Bildungshorizont erweitern. Die Lehrerinnen und Lehrer müssen in ihren Fächern sattelfest und gleichzeitig gerne und gute Pädagogen sein. Damit wird das Gymnasiallehramt zu einem der anspruchvollsten Berufe unserer Gesellschaft." Darauf wolle man als Spitzenuniversität in enger Zusammenarbeit mit den Gymnasien mit der neuen Fakultät TUM School of Education vorbereiten.

Das Gymnasium der Zukunft basiert aus Sicht des BLLV erstens auf einem neuen, ganzheitlichen und demokratischen Bildungsbegriff, zweitens auf stufendifferenzierten Inhalten, Didaktiken und Methoden mit schulorganisatorischen Konsequenzen, und drittens auf verbesserten Unterrichtsbedingungen.

Bildung dürfe nicht länger als Privileg definiert werden, sondern müsse als unverzichtbares Bürgerrecht für alle Menschen und Voraussetzung für die globale Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft verstanden werden. "Das Argument der Begabungstheorie, wonach es theoretisch und praktisch Begabte gibt, ist wissenschaftlich längst widerlegt. Hinzu kommt, dass sich die Anforderungsprofile moderner Berufe verändert haben. Die historische Tradition des Gymnasiums darf daher nicht im Widerspruch stehen zu den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen", forderten Wenzel und Herrmann übereinstimmend. Weil immer mehr Kinder auf das Gymnasium drängen, wird die Schülerschaft hinsichtlich ihrer Vorbildung, ihrer Lernmotivation und ihres familiären Hintergrundes heterogener: Besuchten im Jahr 1966 in Bayern 18,3% der Schüler das Gymnasium, sind es heute 40,3%. Allerdings schließen nur 22,9% der Schüler mit dem Abitur ab. Bayern liegt damit 8,2% hinter dem Bundesdurchschnitt und ca. 20% hinter dem europäischen Durchschnitt.

"Verändertes Freizeitverhalten, persönliche Probleme wie die Trennung der Eltern, finanzielle Sorgen, Vereinsamung, aber auch mangelnde Disziplin, Gewaltbereitschaft und Mobbing spielen eine zunehmend größere Rolle. Bei unzumutbaren Klassenstärken, physisch und psychisch belastenden Lern- und Arbeitsbedingungen - viele Kolleginnen und Kollegen unterrichten bis zu 300 Schüler -, völlig unzureichender Lehrerversorgung und nur geringen Möglichkeiten der Förderung von Schülern in Kleingruppen sind die Erwartungen dennoch hoch. Das führt dazu, dass die gymnasiale Lehrerschaft gefordert ist wie nie zuvor", analysierte der BLLV- Präsident. Gleichzeitig müsse sie mit dem Widerspruch zurechtkommen, dass sich die Fächer und damit die Stundentafeln in Aufbau und Struktur kaum verändert haben - bei gleichzeitiger Weiterentwicklung von Methodenwissen und Fachdidaktiken. "Das führt dazu, dass sich moderne Unterrichtsmethoden im Rahmen des existierenden Lehrplans, straff organisierter Stundentafeln und eines komplexen Prüfungswesens kaum organisieren lassen."

"Veraltete Strukturen müssen aufgebrochen werden", verlangte Wenzel. Kern müsse ein neues Lernverständnis sein, das die wachsende Heterogenität der Schülerschaft als Chance begreift und ein neues Bewertungssystem etabliert. "Ins Zentrum rücken Diagnose- und Fördermöglichkeiten. Lernen wird als individueller Prozess verstanden, bei dem es um die Vermittlung von Kompetenzen geht. Das Erstellen von Förderplänen sowie deren regelmäßige Evaluation müssen für das Gymnasium ebenso zu den selbstverständlichen Aufgaben gehören wie fest integrierte Fördermaßnahmen für Schüler mit Migrationshintergrund. Das setzt allerdings eine ausreichende Zahl qualifizierter Fachkräfte voraus", betonte Wenzel. In den Jahrgangsstufen fünf mit sieben soll der Unterricht in Einzelfächern und in Domänen wie z.B. naturwissenschaftlichen Fächern, organisiert werden. In den Jahrgangsstufen acht und neun liegt der Schwerpunkt auf Projektarbeit, ab der zehnten Jahrgangsstufe setzt der wissenschaftspropädeutische Unterricht in Einzelfächern ein. "Auch das setzt ein deutlich bessere personelle Ausstattung und mehr zugewiesene Lehrerstunden voraus."

"Dass dieser Anspruch Veränderungen in der Lehrerbildung voraussetzt, liegt auf der Hand", ergänzte Wenzel. "Wenn das Gymnasium im internationalen Vergleich standhalten und junge Menschen bestens auf Beruf und Studium vorbereiten soll, müssen die politisch Verantwortlichen diese Entwicklungen zur Kenntnis nehmen und darauf reagieren", forderte er. Die TUM habe mit der School of Education einen großen Schritt in die richtige Richtung unternommen. Herrmann und Wenzel hoffen nun auf eine rege Diskussion.

Weitere Informationen unter folgendem Link: gymnasium.bllv.de/diskussionspapier


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