Kommentar

Neue Schule braucht das Land

Sanierungsstau, Digitalisierung, Föderalismus-Debatten und dann noch Corona – In der Pandemie wurde überdeutlich und für alle sichtbar, dass das Schulsystem weder krisenfest noch zukunftsfähig ist. Die Zeit ist reif, um neue Wege einzuschlagen.

13.09.2021 Bundesweit Artikel Dr. Birke Bull-Bischoff
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Das Schulsystem in Deutschland braucht einen Neustart. Die Pandemie ist zwar noch nicht vorbei, doch wird es Zeit, endlich Lehren zu ziehen und nach vorn zu blicken: Wie soll die Schule der Zukunft aussehen? Dabei geht es nicht allein um Digitalisierung, sondern auch darum, den alten Trott zurückzulassen und Schritt für Schritt eine neue Schule zu entwickeln: Mit einem runderneuerten Bildungsverständnis, mit modernen Lern- und Prüfungskulturen, mit der Öffnung der Schule nach außen für neue Impulse, Kooperation und Kollaboration innerhalb und außerhalb des Lehrerzimmers, für mehr Bildungsangebote und -chancen für alle. Eine moderne neue Schule hat dabei durchaus einen hohen Bildungsanspruch – nur den Weg dahin gilt es zu überdenken. Dabei muss das Schulsystem als Ganzes betrachtet werden, anstatt immer wieder nur an der Stellschraube Schule zu drehen.

Die Mangelwirtschaft muss beendet werden

Etwa ein Viertel bis ein Drittel unserer Schulen und etwa ein Drittel aller Schülerinnen und Schüler sind mit Ungleichheiten belastet . Sanierungen, Lehrkräfte, Schulsozialarbeit, Digitalisierung: Überall fehlt es an Geld, vernachlässigte Schulen werden dabei meist weiter vernachlässigt und schöne Schulen noch schöner. Das Geld, das vorhanden ist, ist entweder von Beginn an ungleich verteilt oder wird durch den Bund mit dem Königsteiner Schlüssel auch wieder ungleich verteilt – wer hat, dem wird gegeben. Ohne genügend Mittel und ohne gerechte, bedarfsorientierte Verteilung wird sich die Ungleichheit nicht auflösen lassen. Leider ist Geld ein zentraler Schlüssel zu jeder anderen Veränderung, daran hängen digitale Ausstattung, gut qualifizierte Pädagoginnen und Pädagogen und multiprofessionelle Teams mit mindestens zehn Prozent Vertretungsreserve, neue und sanierte Schulen, freie und offene Lehr- und Lernmittel. Je besser Schulen ausgestattet sind, desto weniger anfällig sind sie auch für Lobbyismus und Kommerzialisierung von Bildung, wie sie im Zuge der Digitalisierung immer weiter fortschreitet. 

Denn moderner Lobbyismus ist facettenreich und kommt in vielen Gewändern daher, vom einfachen Sponsoring von Schulfesten, über kostenlose Unterrichtsmaterialien und digitale Geräte oder Fortbildungen für Lehrkräfte. Manchmal ist die Verbindung zu Unternehmen auf den ersten Blick gar nicht erkennbar. Dabei sind 20 von 30 DAX-Unternehmen mittlerweile im Klassenzimmer aktiv. Deutschland liegt beim Thema Lobbying durch Wirtschaft und Industrie signifikant über dem OECD-Durchschnitt von 63,7 Prozent. 

Bildungsungleichheit ist ein strukturell verankertes, ungelöstes und weitreichendes Problem mit Einflüssen auf die wirtschaftliche Entwicklung, Unzufriedenheit und Spaltung. Mehr Mittel, eine gerechtere Verteilung nach tatsächlichen Bedarfen, zum Beispiel mit einem Sozialindex, haben unmittelbaren Einfluss auf die Zukunft der Gesellschaft. 

Gemeinsames Lernen für mehr Bildungsgerechtigkeit

Das gegliederte Schulsystem ist ein Brandbeschleuniger für Bildungsungleichheit. Die Anzahl der Schülerinnen und Schüler, die ohne Abschluss die Schule verlassen, wird seit Jahren nicht geringer, inklusive Bildung wird nur schleppend umgesetzt. Die Schulform hängt auch vom Geldbeutel der Familie ab: So bevorzugen privilegierte Familien immer noch das Gymnasium und erwarten nicht selten von der Schule eine entsprechende Empfehlung. Dieses System übt Druck auf Eltern, Lehrkräfte und Kinder aus. Dabei zeigt eine Untersuchung in Nordrhein-Westfalen, dass nur 21 Prozent der Abiturientinnen und Abiturienten tatsächlich eine Gymnasialempfehlung bekommen haben. Eine deutliche Mehrheit bestand die Prüfung, obwohl die Empfehlung ursprünglich anders lautete. Diese Verteilung nach angenommenen Bildungschancen muss aufhören, sie ist eine Belastung für Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern gleichermaßen und zudem nicht aussagekräftig. Die Gemeinschaftsschule ist die Schulform der Zukunft, weil sie gemeinsames Lernen von Klasse 1 bis zum Abschluss ermöglicht – eine Sortierung und Aufteilung im Kindesalter wird damit hinfällig. In Berlin ist die Gemeinschaftsschule bereits im Schulgesetz als reguläre Schulform verankert. Thüringen hat die Zahl der Gemeinschaftsschulen seit 2014 fast verdoppelt. Das sind gute Ansätze. 

In der Gemeinschaftsschule, die idealerweise gebunden ganztägig ist, kann auch inklusives Lernen besser entwickelt werden. Inklusive, nachhaltige und digitale Bildung gehören zusammen zur Lebenswelt in Stadt und Land dazu und brauchen mehr Unterstützung und Möglichkeiten. Die guten Erfahrungen mit Gemeinschaftsschulen müssen bundesweit als Vorbild dienen.

Neue Schule braucht neues Lernen

Sowohl die Reformierung der Finanzmittel als auch der Schulformen sind im System Schule eine hilfreiche Voraussetzung, auch das Lernen selbst zu modernisieren. Eine neue Lernkultur findet formal Eingang in die neue Schule über die Mitbestimmung von Schülerinnen und Schülern bei der Gestaltung des Schulalltags und der Öffnung von Schule nach außen, fächerübergreifendes Lernen und Ermutigungen der Schulleitungen hin zu mehr Kollaboration und Kooperation. Eine bemerkenswerte Erfahrung der Pandemie, die sich unbedingt durchsetzen sollte, sind neue und vielfältigere Prüfungsformate. Bundesweit haben sich die Abiturnoten in den Pandemie-Jahrgängen verbessert. In Berlin nimmt der Senat an, dass im Schuljahr 2019/20 erheblich weniger Schülerinnen und Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen haben, weil anstelle von schriftlichen Abschlussprüfungen die Abschlüsse auf Basis von Jahrgangsnoten und Präsentationsprüfungen absolviert werden konnten. Das muss Schule machen! Mit ständigem Leistungsdruck von Test zu Test, von Prüfung zu Prüfung werden Bildungsungleichheiten verfestigt, denn nicht alle können sich teure Nachhilfe leisten, um diesem Druck standzuhalten. Kreativität, Selbstbestimmung und Neugier gehen außerdem verloren.

Neue Schule braucht als non-formale Faktoren auch mehr Offenheit und Mut für eine Fehlerkultur. Beides können externe Fachleute einbringen, die von außen neue Impulse in die Schule hineintragen, Schülerinnen und Schüler mit anderen Augen sehen, verborgene Talente entdecken und motivieren können - “Systemsprengerinnen und Systemsprenger“ im allerbesten Sinne.

Der Föderalismus braucht ein Update

Im System Schule geht nichts ohne eine gute Zusammenarbeit aus Bund und Ländern und das ist auch gut so. Dennoch muss der jetzige Bildungsföderalismus auf den Prüfstand, denn zu viele Strukturen, unklare Zuständigkeiten und weite Wege der Bürokratie haben für Stau und Frust gesorgt. Das Prinzip ‚Jeder kocht sein eigenes Süppchen‘ hat spätestens in der Pandemie auch die Bevölkerung mürbe gemacht. Eine neue Schule kann es mit diesen verkrusteten Strukturen nicht geben. In der Bildungspolitik gibt es eine ungewohnte Allianz über alle Parteien hinweg, dass es hier einer Neuordnung bedarf. Ein Weg kann sein, eine Gemeinschaftsaufgabe Bildung im Grundgesetz zu verankern, so dass die Finanzierung von Bildungsaufgaben durch den Bund uneingeschränkt und dauerhaft möglich ist. Eine Abkehr von befristeten Projekten sorgt für Planungssicherheit, entlastet Antragsverfahren, beschleunigt Veränderungen – all das brauchen wir für eine neue Schule.

So würde auch die Voraussetzung geschaffen für ein bundesweit geltendes Bildungsrahmengesetz, in dem gleiche Rechte, Ziele, Standards und vergleichbare Ausstattung in allen Ländern verankert werden. Schulwechsel und Umzüge würden für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte erleichtert, wenn alle Abschlüsse überall ohne Einschränkungen anerkannt werden.

Auch der Abbau der Bildungsungerechtigkeit muss als gemeinschaftliche Aufgabe von Bund, Ländern und Kommunen verstanden und gestaltet werden. Doch ohne Gleichwertigkeit und Gerechtigkeit bei gemeinsamen Rahmenbedingungen ist Bildungsgerechtigkeit nicht denkbar.

Schule muss krisenfest sein

Schulen müssen jederzeit geschützte Räume für Bildung und soziale Begegnungen sein. Die ersten Krisenerfahrungen in der Pandemie haben gezeigt, dass Schulen nicht vorbereitet waren und daher in ohnehin schweren Zeiten Kinder und Jugendliche am meisten leiden müssen und sich Ungleichheiten verfestigen – im Herbst 2021 immer noch. Hinzu kam im Sommer die Flutkatastrophe. In Nordrhein-Westfalen wurden 135 Schulen beschädigt, mehr als 60 konnten zum Schuljahresbeginn Mitte August nur eingeschränkt Unterricht anbieten.

Hieraus müssen Bund und Länder lernen und Schulen sicher machen. Die Betreuung für Kinder (in Not) muss gewährleistet sein, am besten in der Schule. Hier fließen Finanzierung und Zuständigkeiten zusammen – werden beide oben beschriebenen Veränderungen nicht angegangen, ist die Sicherheit von Schulen im wörtlichen Sinne in Frage gestellt. Sowohl zu gesundheitlichen als auch zu klimatischen Krisen müssen jetzt wissenschaftliche Empfehlungen eingeholt und befolgt werden. Es muss in genügend Räume und Personal investiert werden. Ist der Präsenz-Unterricht einmal erneut nicht möglich, braucht es stabile und leistungsfähige Zugänge zum Netz und zu digitalen Geräten, auch zuhause. Die besondere Unterstützung von schutzbedürftigen Familien muss jederzeit in jeder Krise sichergestellt sein. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber müssen für die Eltern unter den Beschäftigten vorsorgen mit Homeoffice-Ausstattung, reduzierter Arbeitszeit bei gleichbleibendem Lohn, zusätzlichem bezahlten Urlaub. Das war ganz sicher nicht unsere letzte Krise.

Die Zeit ist reif für eine neue Schule, damit Bildung endlich gerecht werden kann. Denn „Bildung für alle“  ist einer der Schüssel für eine sozial-ökologische Zukunft. 
 



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