Inklusion

„Niemanden an der Schnittstelle Schule-Beruf zurücklassen“

Schleswig-Holsteinische Ministerin Ernst und Prof. Baethge stellen Inklusions-Gutachten vor.

03.03.2017 Schleswig-Holstein Pressemeldung Ministerium für Schule und Berufsbildung des Landes Schleswig-Holstein
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„Wir wollen niemanden zurücklassen - das ist ein wichtiges Ziel der Landesregierung. Das Bildungsministerium hat 2014 ein Inklusionskonzept vorgelegt, zwei Jahre später ein Arbeitspapier mit vielen Initiativen für gelingende Inklusion. So wollen wir weitermachen“, sagte am 3. März Bildungsministerin Britta Ernst. Die Ministerin stellte gemeinsam mit Prof. Martin Baethge - Präsident des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (SOFI/Universität Göttingen) und Mitautor des nationalen Bildungsberichts 2016 - das „Gutachten zum Übergang Schule-Beruf in Schleswig-Holstein unter besonderer Berücksichtigung der Inklusion von Menschen mit Benachteiligungen und Behinderungen“ vor, das das Ministerium in Auftrag gegeben hatte.

„Es geht um die so wichtige Schnittstelle im Leben junger Menschen, es geht um den Übergang von der Schule in den Beruf“, sagte die Bildungsministerin. Das Land Schleswig-Holstein sei beim Thema Inklusion von Kindern und Jugendlichen in den Schulen seit den 90iger Jahren zwar weit vorn, man müsse aber die Frage stellen, was mit den Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf, mit Behinderung und Handicap nach dem Ende ihrer allgemeinen Schulpflicht passiere.

Das Gutachten sammelt und analysiert Fakten zu zehn zentralen Punkten:

  1. Problematische Übergangswege in berufliche Ausbildung: Doppelte Einschränkung für Jugendliche mit Benachteiligungen und Behinderungen: Es gibt nur ein begrenztes Spektrum an Berufen in einem vom Angebot her begrenzten Ausbildungsmarkt.
  2. Anhaltend hohe quantitative Bedeutung des Übergangssystems und Perspektiven seiner Reduzierung: Zahl der Neuzugänge ins Übergangssystem ist trotz leicht rückläufigem Trend  nach wie vor auf hohem Niveau.
  3. Fehlende Transparenz zu Übergangswegen von Jugendlichen mit Benachteiligungen und Behinderungen: Da Daten fehlen, ist es nur eingeschränkt möglich, ein konsistentes Bild zum Übergangsgeschehen der Jugendlichen zu zeichnen und damit gelungene Integrationsmuster sowie Schwierigkeiten herauszuarbeiten.
  4. Verbesserung des Informationsmanagements im Übergang: Es fehlt ein systematisches Übergangsmanagement zwischen den abgebenden Schulen und den Schulen der Berufsvorbereitung. Es gibt nur eine beschränkte Informationsgrundlage für Unterrichtsgestaltung und Berufswegeplanung.
  5. Neuinstitutionalisierung des Coaching: Einrichtung von Coach-Personalstellen ist großer Gewinn, aber Beschäftigungsverhältnis sollte neu geordnet werden.
  6. Sicherung von Praktika: Bedeutung der Praktika wächst, aber angesichts der schwierigen Ausbildungs- und Betriebsstruktur ist das quantitative und qualitative Angebot an betrieblichen Stellen begrenzt.
  7. Übergangsprozesse Förderschwerpunkt Lernen: Es gibt unzureichende Informationsflüsse beim Übergang der Schülerinnen und Schüler aus dem Allgemeinbildungssystem in das Berufsbildungssystem.
  8. Diskontinuität der sonderpädagogischen Förderung: Mit dem Abgang der Jugendlichen aus der Sekundarstufe I und dem Übergang in die berufliche Bildung endet die sonderpädagogische Förderung durch die Lehr- und Betreuungskräfte der Förderzentren.
  9. Besondere Situation des Schwerpunkte „Geistige Entwicklung“: Bei diesem Förderschwerpunkt ist den Jugendlichen in der Regel eine reguläre Berufsausbildung im dualen System oder eine Ausbildung in behindertengerechteren Berufen in der Regel verschlossen. Es gibt gute Modellprojekte, die ausgeweitet werden.
  10. Sicherstellung der sonder- und sozialpädagogischen Kompetenzen und des Personalbedarfs: Reklamiert wird ein erhöhter sozial- und sonderpädagogischer Kompetenz- und Personalbedarf.

Bildungsministerin Ernst. „ Bei jungen Menschen mit sonderpädagogischen Förderbedarf gibt es viel zu tun. Das Gutachten ist unsere Grundlage für eine noch bessere Analyse und Fachempfehlungen. Wir werden die einzelnen Vorschläge sorgfältig prüfen und mit vielen Akteuren diskutieren.“

Prof. Baethge sei der Wissenschaftler, der sich als erster und sehr umfassend mit dem Übergangsbereich befasst hat, erläuterte die Ministerin. Ein wesentlicher Befund sei, dass der Übergang von der allgemein bildenden Schule in die berufsbildende Schule oder berufliche Maßnahme besser organisiert werden müsse. Über Jahre erworbenes Wissen über Unterstützungsbedarfe einzelner Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf sowie Kenntnis über ihre/seine Stärken ende an dieser Stelle abrupt. Das gelte für diejenigen mit einem ersten Schulabschluss ebenso wie für die, die das nicht erreichen konnten.

Übergangssysteme verbessern

Bildungsministerin Ernst: „Wir brauchen künftig ein besseres Management am Übergang, zum Beispiel systematische ‚Übergabekonferenzen‘ könnten nicht nur eine kontinuierliche Förderung gewährleisten, sie könnten auch die notwendige Kooperation der verschiedenen Schularten fördern.“ Vor diesem Hintergrund sei sie froh darüber, dass der Ausbau der erfolgreich gestarteten Jugendberufsagenturen in Schleswig-Holstein weitergehe.

Ernst sagte, ein besonderes Augenmerk in dem Baethge-Gutachten gelte dem Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“. Dass Schülerinnen und Schüler mit diesem Förderschwerpunkt automatisch ihre Berufsschulpflicht in der Werkstufe der Förderzentren absolvierten, um dann direkt in die Werkstätten für Menschen mit Behinderungen einzumünden, müsse nicht so sein. Dies zeigten die Modellprojekte in Schleswig-Holstein. „In einigen Regionen ist das schon geschehen - das wollen wir in der kommenden Legislaturperiode vorantreiben.“

Prof. Martin Baethge betonte: „Schleswig-Holstein ist mit dem neuen Modell der Ausbildungsvorbereitung und mit seiner Inklusionspolitik auf einem guten Weg. Um die immer noch beträchtlichen Übergangsprobleme zu lösen, schlägt das Gutachten eine Reihe von Maßnahmen vor, für deren Umsetzung gute Voraussetzungen bestehen. Aber ohne verstärkte Anstrengungen der Wirtschaft bei der Bereitstellung von Ausbildungsstellen droht auch die beste Ausbildungsvorbereitungspolitik zu versanden."

Workshop im Herbst

Bildungsministerin Ernst kündigte einen Workshop im Herbst an, um dort auf Basis des Gutachtens und im Dialog mit allen Beteiligten Konzepte zu entwickeln. „Das Informationsmanagement muss verbessert, die Unterstützungssysteme müssen koordiniert und ausgebaut werden und wir müssen noch mehr um Praktikumsplätze für die jungen Menschen werben“, sagte Ernst. Zudem müsse weiterhin die Unterrichtsversorgung an den berufsbildenden Schulen verbessert werden.

Zur Person Prof. Martin Baethge
Prof. Matin Baethge hatte unter anderem von 1973 - 1996 den Lehrstuhl „Allgemeine Soziologie mit dem Schwerpunkten Bildungs- und Berufssoziologie, Soziologische Methodenlehre“ an der Universität Göttingen inne und war von 1996 bis 2004 Professor für „Soziologie – mit den Schwerpunkten Industrie-, Bildungs- und Jugendsoziologie“ ebenfalls an der Universität Göttingen. Er ist Präsident des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (SOFI) und ebenfalls Mitautor des nationalen Bildungsberichts 2016. Er hat sich als erster und umfassendsten mit dem Übergangsbereich befasst und sich intensiv mit den Folgen des „Systemwechsels“ von der allgemein bildenden Schule in die berufsbildende Schule beziehungsweise dem Wechsel in die Zuständigkeit von BA oder Reha-Trägern befasst.


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