Individuell fördern

Ob im Deutschunterricht oder in der Mathematik: Vor der Förderung steht die Diagnose

(red) Wie kann ich jedes einzelne Kind bestmöglich fördern? Diese Frage beschäftigt Lehrer nicht erst seitdem die individuelle Förderung zu einem zentralen Begriff in der Bildungsdiskussion geworden ist. Individuell fördern kann aber nur, wer auch die Schwächen und Stärken jedes einzelnen Schülers und seine Leistungsentwicklung genau im Blick hat. Das ist nicht immer einfach. Unterstützung verspricht KEKS, ein diagnostisches Konzept zur "Kompetenzerfassung in Kindergarten und Schule". Entwickelt wurde es vom Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung und steht nun auch bundesweit zur Verfügung. Wir haben mit den beiden Herausgebern und Autoren von KEKS, Jasmine Bennöhr und Dr. Peter May, gesprochen.

08.01.2014 Artikel

Wie ist KEKS entstanden?

Peter May: In Hamburg sollten vor einigen Jahren Förderkonzepte für die sprachliche Entwicklung entwickelt werden. Dazu musste man aber erst einmal in der Lage sein, über einen längeren Zeitraum die Entwicklung der Lernstände zu beobachten. Dafür haben wir zunächst Sprachtests für viele Altersjahrgänge entwickelt. Dieses Testsystem haben wir dann über Jahre hinweg ausgebaut, und zwar für die drei Fächer Deutsch, Mathematik und Englisch sowie für einige Herkunftssprachen für Kinder mit Migrationshintergrund. Angefangen vom letzten Kitajahr über die gesamte Grundschule hinweg und darüber hinaus. Die Grundidee war, eine Antwort auf die Anforderungen der gegenwärtigen Pädagogik zu geben: Wie können Lehrkräfte allen Kindern ihren jeweiligen Lernvoraussetzungen entsprechend ein passendes Unterrichtsangebot machen?

Zunächst wurde KEKS also nur für Hamburg entwickelt, jetzt ist es aber bundesweit verfügbar?

Peter May: Als wir gesehen haben, wie praktisch dieses Instrument ist und wie gut es von den Schulen angenommen wird, haben wir die Kooperation mit einem Schulbuchverlag gesucht. Denn ein Landesinstitut ist ja nicht in der Lage, Materialien für ganz Deutschland bereitzustellen.

Tests zur Kompetenzfeststellung gibt es ja bereits etliche, was ist das Besondere an KEKS?

Jasmine Bennöhr: Es geht darum, Kompetenzen und Leistungen von Kindern über einen längeren Zeitraum zu erfassen. Eine Besonderheit von KEKS: Die Aufgabenstruktur ist immer die gleiche. Wenn Lehrkräfte also einmal KEKS durchgeführt haben, dann können sie den Test mit ihren Schülern im kommenden Jahr wieder machen, ohne groß erneut erklären zu müssen, wie die Aufgaben funktionieren. Außerdem sind die Aufgaben von einer Klassenstufe zur nächsten verknüpft. Es lässt sich also immer ein direkter Bezug herstellen. Das ist bei vielen anderen Tests nicht der Fall, dort gibt es in jedem Jahr neue Aufgaben, die nicht aufeinander beziehbar sind. Bei Längsschnittstudien geht es außerdem häufig nicht um individuelle Diagnostik, sondern um den Klassenvergleich. Bei KEKS steht die Entwicklung des einzelnen Schülers im Mittelpunkt.

Wie sehen Tests konkret aus?

Jasmine Bennöhr: Es gibt ein Lehrerhandbuch, Testhefte für die Schüler und die dazu passenden Durchführungshinweise für die Lehrkräfte. Die Lehrer müssen sich nur einmal einarbeiten, auch wenn sie ihre Schüler in verschiedenen Fächern testen. Grundschullehrer unterrichten ja in der Regel mehrere Fächer. Sie können sogar den Kindern den Anleitungstext vorlesen. Sie werden also im Grunde sehr stark an die Hand genommen. Die Auswertung geschieht dann entweder per Hand oder online. Wir empfehlen Letzeres: Das Layout auf dem Bildschirm entspricht 1 zu 1 den Testheften. Die Lehrer übertragen die Antworten der Kinder und erhalten dann auf Knopfdruck die Auswertungen - Klassenrückmeldungen ebenso wie Individualrückmeldungen.

Wie viel Aufwand bedeutet all dies für die Lehrkraft?

Peter May: Der Test selbst dauert eine Schulstunde und die Eingabe in die Online-Maske für alle Kinder einer Klasse insgesamt etwa zwei Stunden.

Dafür bekommt die Lehrkraft ein Kompetenzporträt der einzelnen Kinder und ein Profil des Leistungsstands in der Klasse, das sie mit eigenen Bordmitteln nicht erstellen könnte. Mit Klassenarbeiten oder mit informellen Leistungsüberprüfungen erhält man zwar auch profunde Einblicke in den Leistungsstand der Kinder, aber man hat keinen Vergleich zur Normstichprobe, keine Kompetenzstufen, kein Lernentwicklungsalter. Und man kann die Ergebnisse nicht mit denen der Vorjahre vergleichen. Man bekommt durch professionelle Tests also deutlich mehr an Ergebnissen als im Schulalltag. Insofern ist KEKS eine sehr gute Ergänzung. Und ich rate den Lehrkräften, mindestens einmal im Jahr einen solchen standardisierten Test durchzuführen.

Und der Ertrag? Ziel ist ja die bestmögliche Förderung der einzelnen Schüler, was leistet KEKS an dieser Stelle?

Jasmine Bennöhr: Beispiel Deutsch: Hier lässt sich anhand einer einzigen Testung ablesen, wie der Leistungsstand etwa in den Lernbereichen Hörverstehen, Wortschatz, Grammatik, Lesen und Rechtschreibung ist. Und je nachdem, wie das Kind abgeschnitten hat, können die Lehrer dann ganz gezielt eine individuelle Förderung anschließen.

Peter May: Es ist nur eine zusätzliche Hilfe. KEKS soll nicht ersetzen, dass die Lehrkraft sich auch weiterhin auf professionelle Weise einen Einblick in den Leistungsstand der Kinder verschafft. Aber der Test kann diesen Einblick objektivieren, weil man sonst als Lehrer vor allem den klassenbezogenen Maßstab vor Augen hat oder dementsprechend strengere oder mildere Maßstäbe. KEKS objektiviert das, Lehrer können ihr eigenes diagnostisches Urteil damit quasi "eichen" und werden so noch mehr zu Experten im Bereich Diagnose.

Liefert KEKS denn auch konkrete Förderempfehlungen?

Peter May: Die methodische Antwort auf den Förderbedarf muss der Lehrer selbst geben. Denn dafür sind Lehrer Experten. Die Kompetenzstufen geben Auskunft darüber, wo das Kind inhaltlich steht - also über welche Kompetenzen es schon und über welche es noch nicht verfügt. Wir wollen aber zukünftig auch konkrete Fördervorschläge liefern.

Welche Rückmeldungen geben Lehrer?

Peter May:Lehrer reagieren in der Regel sehr positiv und sind dankbar für diese ergänzenden Informationen über ihre Schüler. Manche Lehrer nutzen dies auch als Grundlage für die Elternberatung, zur Absprache mit Kollegen oder als Basis für Entwicklungsberichte oder Zeugnisse.

Ist KEKS ein fertiges Projekt oder wird es weiterentwickelt?

Peter May: Es wird weiterentwickelt. In Hamburg zum Beispiel gibt es die Multi-KEKS-Testreihe für Kinder mit anderen Herkunftssprachen und Tests für die Sekundarstufe I. Außerdem arbeiten wir an einem kompletten Online-Test, bei dem dann also nicht mehr mit Heft und Stift, sondern mit Maus und Tastatur gearbeitet wird.

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