Bildungstechnologien

Radio statt Lern-Apps

Die Unesco kritisiert in einem Bericht, dass der Zugang zu Bildungstechnologien weltweit sehr ungleich ist. Zudem würden bei der Auswahl von Technologien Forschungsergebnisse kaum berücksichtigt. Von Vincent Hochhausen

04.10.2024 Bundesweit Artikel didactaDIGITAL - Aktuelles rund ums Lehren & Lernen mit neuen Technologien
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Im Norden Nigerias leben mehrere Millionen Kinder im Schulalter, die aber kaum Schulen besuchen. Der Grund: Sie gehören zu nomadisch lebenden Bevölkerungsgruppen wie den Fulani, die fast das ganze Jahr über mit ihren Rinderherden umherziehen. Um auch diesen Kindern Zugang zu Schulbildung zu ermöglichen, entwarf die nigerianische Regierung in den Neunziger Jahren Lerninhalte, die per Radio gesendet werden. Trotz einiger Anlaufschwierigkeiten wurde das Programm seitdem immer wieder ausgebaut, interaktiver gemacht und mit anderen Maßnahmen wie mobilen Schulen kombiniert, die Lernmaterialien zur Verfügung stellen. Heute zeigen Evaluationsstudien, dass durch dieses Programm 77 Prozent der nomadisch lebenden Kinder erreicht werden und sich dadurch sowohl ihre Lese- als auch Rechenfähigkeiten verbessert haben.

Das Konzept dient mittlerweile Projekten in anderen Ländern wie Sambia oder Kongo zum Vorbild und ist eines der Beispiele aus dem 2023 veröffentlichten Weltbildungsbericht der Unesco. Die Beispiele aus dem Bericht belegen, wie innovativer Einsatz von Technologien dabei helfen kann, die Bildungschancen von marginalisierten Gruppen zu verbessern. Das Beispiel zeigt auch, dass es nicht darauf ankommt, dass die modernsten Technologien zum Einsatz kommen – Lern-Apps, adaptive Lernplattformen oder VR-Brillen hätten den Fulani-Kindern in der nordnigerianischen Savanne wenig gebracht, aber Radiogeräte sind bei ihnen weit verbreitet. Dieses Missverhältnis zeigte sich auch während der Coronapandemie: 91 Prozent aller Länder auf der Welt nutzten laut Weltbildungsbericht in dieser Zeit Online-Lernplattformen. Davon konnten aber lediglich ein Viertel aller Schülerinnen und Schüler weltweit erreicht werden.

Dass Bildungstechnologie nicht immer hochmodern sein, sondern zu den jeweiligen lokalen Bedürfnissen passen muss, ist eine Erkenntnis, die sich durch den gesamten 500 Seiten starken Bericht zieht. Eine andere ist, dass Politik, Schulträger und Schulleitungen bei der Implementierung neuer Technologien die Vor- und Nachteile sorgfältig abwägen müssen. Erschwert werde das unter anderem dadurch, dass die Forschung zu den Auswirkungen von digitalem Lernen auf die Bildungsqualität oft keine eindeutigen Ergebnisse zeige – viele Studien hätten zum Beispiel keine Kontrollgruppen, anhand derer man den Einsatz der erforschten Technologie vergleichen könne. Insgesamt deutet die Forschung aber daraufhin, dass insbesondere interaktive digitale Technologien das Lernen verbessern könnten. Gleichzeitig scheint zu intensive Technologienutzung – auch in der Freizeit – gutes Lernen zu erschweren. So ergab eine Meta-Analyse von Studien aus 14 Ländern zum Beispiel, dass ein hohes Maß an Handynutzung einen negativen Effekt auf die Lernergebnisse habe, der sich mit zunehmendem Alter verstärke.

Planen die Entscheider in Bildungssystemen den Einsatz von Bildungstechnologien, sollten sie laut den Unesco-Autoren also Aspekte der Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit ebenso berücksichtigen wie den jeweiligen Forschungsstand. Das sei derzeit aber noch die Ausnahme. Zwar seien digitale Technologien dabei, das Lehren und Lernen in fast allen Ländern stark zu verändern. Bei der Investition in Bildungstechnologien, so die Autoren, „scheinen Staaten von wenigen Ausnahmen abgesehen nicht darauf zu achten, ob ihre Investition zielführend war, sich auf das Lernen ausgewirkt hat, ob sie gerecht und inklusiv war, ob sie wirtschaftlich effizient war, und ob sie langfristig negative Auswirkungen auf Menschenrechte und Wohlbefinden hat.“

Empfehlungen des Weltbildungsberichtes

In ihrem Weltbildungsbericht formuliert die Unesco vier Leitfragen, die sich die Bildungsverantwortlichen vor Investitionen in neue Technologie stellen sollten:

1. Ist der Einsatz dieser Bildungstechnologie angemessen für den Einsatz im jeweiligen nationalen und lokalen Kontext?

  • Lehrpläne des Landes sollten auf das Erlernen von Grundkompetenzen für Technologien abzielen, die erwiesenermaßen das Lernen verbessern.
  • Lehrkräfte und Lernende vor Ort sollten in die Evaluation und Planung neuer Bildungstechnologien einbezogen werden.
  • Bildungstechnologien müssen den Lernkontexten angemessen sein, und in allen im jeweiligen Land gesprochenen Sprachen zur Verfügung stehen.

2. Benachteiligt der Einsatz dieser Bildungstechnologie bestimmte Lernende?

  • Bildungspolitik sollte den Fokus darauf legen, dass digitale Bildungstechnologien vor allem den am meisten benachteiligten Schülerinnen und Schülern helfen.
  • Die Politik sollte nationale Ziele für eine Anbindung aller Schulen ans Internet festlegen.
  • Die Politik sollte freie Bildungsmaterialien unterstützen und freien Zugang zu Lernplattformen und Programmen für alle Lernenden sicherstellen.

3. Ist der Einsatz dieser Bildungstechnologie skalierbar?

  • Bildungssysteme brauchen unabhängige Institutionen, die Bildungstechnologien evaluieren und die Ergebnisse der Bildungsforschung bei ihren Entscheidungen einbeziehen.
  • Pilotprojekte sollten die realen Kosten für Anschaffung, Implementation und Betrieb von Bildungstechnologien testen, vor allem für marginalisierte Gruppen.
  • Die Politik muss für Transparenz über Ausgaben und Vereinbarungen mit privaten Unternehmen sorgen und die Technologien möglichst effizient nutzen.

4. Bringt der Einsatz dieser Bildungstechnologie langfristige und nachhaltige Vorteile?

  • Lehrpläne für digitale Kompetenzen müssen breit aufgestellt und nicht auf die Nutzung einzelner Anwendungen ausgerichtet sein.
  • Die Politik muss Gesetze und Standards guter Praxis vorgeben, die die Menschenrechte und die Sicherheit von Lernenden und Lehrkräften garantieren, vor allem in Bezug auf Datenschutz, den Schutz vor Werbung in Schulkontexten oder den ethischen Einsatz von KI.
  • Bei der Auswahl von Bildungstechnologien müssen deren Ressourcen und Energieverbrauch berücksichtigt werden.

Dieser Artikel ist zuerst im Magazin didacta Digital Ausgabe 2/2024, S. 16-18 erschienen.



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