Restlaufzeit für Sonderschulen?

Seit März 2009 gilt in Deutschland die UN-Behindertenkonvention, die ein inklusives Bildungssystem für alle Kinder vorsieht. Sonder- und Förderschulen sollen demnach eher die Ausnahme sein. Doch noch ist das deutsche Sonderschulwesen höchst ausdifferenziert. Bis zu zehn verschiedene Sonderschultypen gibt es in den einzelnen Bundesländern. Mit den passenden Rahmenbedingungen, so Prof. Rolf Werning von der Leibniz Universität Hannover, könnten in Deutschland jetzt die entscheidenden Weichen für die Inklusion gestellt werden.

23.09.2010 Pressemeldung Cornelsen Verlag GmbH

Falsch wäre es, so der Pädagoge, jetzt nur ganz bestimmte Schulen, etwa die Hauptschulen als Inklusionsschulen ausrufen. "Das wäre kontraproduktiv oder man könnte sagen, es wäre ein Kunstfehler. Man kann aber ein Gemeinschaftsschulsystem etablieren, das stark genug ist, um eine wirkliche Heterogenität zu gewährleisten. Eine Schule also, in der genügend starke Schüler gemeinsam mit schwächeren Schülern unterrichtet werden." Nicht nur zum Nutzen der leistungsschwachen Schüler, denn "auch die starken Schüler profitieren. Wenn sie die schwachen Schüler unterstützen, strukturieren sie ihr Wissen um und das führt zu einer Vertiefung."

Wie Inklusion und Integration im Schulalltag aussehen, weiß Thomas Albert, Rektor der Schule Mastbrook im schleswig-holsteinischen Rendsburg. "Das Thema ist für uns nicht neu." Bereits seit vielen Jahren werden hier in allen Klassen Kinder mit dem Förderschwerpunkt Sprache und Lernen integrativ beschult und seit einem Jahr gibt es auch eine sogenannte Inklusionsklasse an der Schule. Hier stimmen die Ressourcen. Neben 13 Regelschulkindern lernen in dieser Klasse vier Kinder mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung und ein Kind mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Unterrichtet werden sie von zwei Lehrkräften: einem Grundschullehrer und einer Sonderschullehrerin. In allen übrigen Klassen sind die Bedingungen nicht so günstig. Dort muss die Schule mit wenigen Kooperationsstunden klarkommen. Das heißt, nur zeitweise unterrichten Klassenlehrer und Sonderschulpädagoge gemeinsam.

"Inklusion ist kein Selbstläufer", warnt denn auch Rolf Werning, "das ist eine pädagogische Herausforderung auf hohem Niveau. Man muss die Strukturen so verändern, dass man sonderpädagogische Ressourcen und Professionen in die Regelschulen bringt und man muss Teamstrukturen entwickeln." "Dem Thema Inklusion müssen sich alle stellen", bestätigt auch Klaus Metzger. Der Regierungsschulrat aus Schwaben hat jetzt in der Cornelsen Lehrerbücherei Grundschule das Buch "Inklusion – eine Schule für alle" herausgegeben. Lehrer erfahren hier, welche Erfahrungen andere Kollegen mit Inklusion und Integration gemacht haben.

Generell, so Rolf Werning, "liegt die Grenze für Inklusion nicht bei den Schülern, sondern im System: Wie integrationsfähig sind Schulen? Wenn man es mit der Inklusion tatsächlich ernst nimmt, dann muss eine politische Entscheidung getroffen werden", sagt er und wählt einen Ausdruck, der gegenwärtig in einer anderen politischen Diskussion eine große Rolle spielt: Restlaufzeit. "Wir könnten sagen, in fünf Jahren gibt es diese Schulform nicht mehr. In dieser Zeit müssten dann die anderen Schulen in die Lage versetzt werden, diese Kinder angemessen zu fördern."

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Das Projekt Perspektive: Bildung will den öffentlichen Diskurs über Bildung in Deutschland fördern. Schule steht im Vordergrund dieses Forums. Perspektive: Bildung dokumentiert den Bildungsalltag ebenso wie aktuelle wissenschaftliche und bildungspolitische Diskussionen und Entwicklungen sowie herausragende Projekte und entwickelt Visionen vom Lernen in der Zukunft.

Perspektive: Bildung - Ein Projekt von bildungsklick.de in Kooperation mit Cornelsen

Ansprechpartner

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