Richtig leben

(jvg). Fragen der Ethik begegnen uns überall. Ob in der Frage nach dem Sinn des Lebens oder nach der Verteilungsgerechtigkeit in der Wirtschaftswelt: Ethik bietet Orientierung für eine faire und nachhaltige Lösung von Problemen und Konflikten – als angewandte Philosophie.

01.07.2008 Artikel
  • © klett.de

"Da hört bei mir die Freundschaft auf." In drei Minuten sollen die Schüler der siebten Klasse eines Gymnasiums im Land Brandenburg im Fach Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde (LER) Beispiele für diesen Satz notieren. Ihr Lehrer Peter Kriesel zeichnet eine Tabelle mit vier Spalten an die Tafel, in die die Beispiele stichwortartig eingetragen werden.

Grundregeln

"Wenn jemand Geborgtes nicht zurückgibt", "wenn jemand mich mit einer Drohung zu etwas bewegen will", "wenn mir jemand einen Freund oder eine Freundin ausspannt." Für jede Spalte wird dann eine Regel formuliert: Nicht stehlen, keine Gewalt anwenden, nicht lügen, keine Freunde ausspannen. "Damit haben die Schüler die vier Grundregeln des sozialen Verhaltens herausgefunden, die in allen Kulturen und Religionen gelten und die unter Freunden für wichtig gehalten werden", kommentiert Peter Kriesel.

In der Unterrichtsstunde wird anschließend diskutiert. Wie soll man auf Übertretungen dieser Regeln reagieren? Wie gehen Mädchen, wie gehen Jungen mit diesen Regelübertretungen um? Die Klasse arbeitet Merkmale einer Freundschaft heraus. Abschließend schreiben die Schüler ein Rezept: "Ich backe mir einen Freund/eine Freundin" oder eine Annonce: "Freund/Freundin gesucht", in denen sie ihre Erfahrungen und neu gewonnenen Erkenntnisse berücksichtigen.

Ethik im Alltag

Auf dem Weg zum Erwachsenwerden begegnen Schülerinnen und Schüler ständig Anforderungen, Problemen und Konflikten mit ethischem Gehalt. Das Zusammenleben in Gruppe, Familie und Schule konfrontiert sie mit der Frage von Fremd- und Selbstbestimmung. Eigene Ziele und elterliche bzw. gesellschaftliche Normen stellen Schüler oft vor ein moralisches Dilemma.

Bei der Suche nach einer Lösung dieser Fragen gibt es zunächst jedoch kein "Falsch" und "Richtig", sondern jeder soll sein individuelles Urteil und seine eigene Meinung vertreten. Im Unterricht werden dann Argumente gesammelt und diskutiert. Bei der Themenbearbeitung und der Diskussionsführung orientieren sich die Ethiklehrkräfte am Wertekonsens des Grundgesetzes und an den Menschenrechten.

In den Diskursen des Ethikunterrichts ist jedoch viel Wissen über Fakten und kontroverse Positionen vonnöten, und dieses Wissen der Schüler kann schließlich in Klassenarbeiten und Klausuren geprüft werden, ebenso wie ihre Argumentations-, Deutungs- und Darstellungsfähigkeit unter sachbezogenen Kriterien.

Erhöhter Ethikbedarf

"Der Ethikbedarf in unserer Gesellschaft hat sich erhöht", sagt Kriesel, Gründungsmitglied und Vorsitzender des Fachverbandes Ethik e.V. Entwicklungen in Wissenschaft und Technik eröffnen neue Möglichkeiten des Handelns, die einer ethischen Beurteilung bedürfen. "Viele Entscheidungen in Technik und Medizin sind ebenso ethisch relevant wie auch die Klimaveränderungen oder Probleme der Globalisierung." Im Ethikunterricht werden Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen und globalen Problemen und den alltäglichen Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen aufgezeigt.

Ziel ist dabei, soziale und interkulturelle Kompetenz sowie ethische Urteilsfähigkeit bei den Heranwachsenden zu fördern. Das Fach Ethik versteht sich deshalb nicht als Konkurrenz zum Religionsunterricht. Es vermittelt zwar auch Wissen über Religionen, nennt Zusammenhänge und stellt ihre aktuelle Relevanz dar. Aber: Ethikunterricht wird religiös und weltanschaulich neutral unterrichtet. "Religionsunterricht dagegen ist in Gegenstand und Zielsetzung konfessionell gebundener Unterricht", erklärt Peter Kriesel.

Der Religionsunterricht vermittele den entsprechen-den Bekenntnisinhalt und die Glaubenssätze, während Ethik einen Beitrag zur Entwicklung ethischer Urteilsfähigkeit sowie zum sozialen sowie religionskundlichen und interkulturellen Lernen leiste. Entsprechende Kompetenzen werden auch in den Bildungsstandards des Bundesverbandes der Ethiklehrer für ihr Fach gefordert. Sie werden konkret gefördert bei der Bearbeitung von Themen wie Individualität, Sozialität, Konflikte, Glück und Sinn, Werte und Normen, Medien, Natur, Religion oder Konsum.

Statusprobleme

Die Lehrerausbildung in diesem Fach ist allerdings bislang oft noch mangelhaft. Das "Neumann-Urteil" des Bundesverwaltungsgerichtes am 17. Juni 1998 hat festgestellt, dass der Status von Ethik als Ersatzfach nicht grundgesetzkonform sei. Eine "alsbaldige Korrektur" wurde verlangt. Seitdem wurden beispielsweise in Baden-Württemberg an sechs Universitäten grundständige Studiengänge für das Lehramt im Fach Ethik eingerichtet, das heute landesweit 1 500 Studierende verzeichnet. In Nordrhein-Westfalen wird das Fach nun auch schon ab Klasse 5 angeboten, der neue Lehrplan dazu tritt 2008 in Kraft.

Immer wieder gibt es Klagen gegen den Ethikunterricht, doch der setzte sich bislang immer durch. Zu Recht, findet Peter Kriesel. "Bei ca. 15 Millionen Bürgern in Deutschland mit Migrationshintergrund ein plausibles Anliegen, das nicht durch getrennten Bekenntnisunterricht von katholischen, evangelischen, orthodoxen, atheistischen, muslimischen, jüdischen und buddhistischen Kindern und Jugendlichen in der Schule zu lösen ist."

Kompakt

Zwar leidet das Fach Ethik immer noch unter Status- und Ausbildungsproblemen. Doch inzwischen ist es auf dem Vormarsch – und vermittelt neben wichtigen analytischen Kompetenzen erfolgreich Werte und Normen, die den Schülerinnen und Schülern auch nach ihrer Schulzeit bei der Orientierung helfen.

Ansprechpartnerin:

Janna von Greiffenstern
Telefon: 07 11-66 72-15 35,

Erstveröffentlichung: Klett Themendienst


Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden