Russisch mit schwerem Stand
(dg) Russisch ist neben Englisch, Spanisch oder Mandarin eine der wichtigsten Weltsprachen. Doch bei deutschen Schülern ist das Interesse an russischer Kultur und Sprache gering. Die beruflichen Chancen, die gute Russischkenntnisse bieten können, werden zu wenig erkannt. Schulprojekte, Förderprogramme und Schülerinitiativen versuchen, das zu ändern.
24.01.2008 ArtikelDas Interesse an der russischen Sprache ist bei deutschen Schülern gering. Die beruflichen Chancen, die gute Russischkenntnisse bieten können, werden zu wenig erkannt. Angela Merkel beeindruckt immer wieder mit ihren guten Russisch-Kenntnissen. Zuletzt plauderte sie im Juni auf dem G8-Gipfel mit dem russischen Präsidenten Waldimir Putin bequem in dessen Heimatsprache. Und die Bundeskanzlerin ist kein seltener Fall: Neben den 142 Millionen Menschen mit Russisch als Muttersprache, sprechen weltweit weitere 110 Millionen Russisch als Zweitsprache. Zum Vergleich: Deutsch beherrschen neben den Muttersprachlern nur rund 28 Millionen Menschen (Ethnologue 2002). Diese Zahlen sind beeindruckend. Doch überraschend sind sie nicht, wenn man sich die geografische, wirtschaftliche und politische Größe Russlands vor Augen hält. Die Russische Föderation umfasst das größte Staatsgebiet der Welt, noch vor Kanada und den USA. Mit mehr als 17 Millionen Quadratkilometern ist Russland 47-mal so groß wie Deutschland. Es reicht von Norwegen bis China, von Polen bis zur Mongolei.
Unbekanntes Russland
Doch die deutschen Schüler wissen von Russland häufig kaum mehr als das, was sie im Geschichtsunterricht gelernt haben. Mit der englischen oder französischen Sprache kommen schon Grundschüler durch Lieder, Kochrezepte oder Fotos in Kontakt. Russisch bleibt dagegen oft auf Wahlpflichtkurse oder AGs beschränkt. Nur etwa 120 000 Schüler an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland haben im Schuljahr 2005/06 Russisch gelernt (Statistisches Bundesamt 2007). Damit liegt Russisch in der Liste der beliebtesten Sprachen nur auf dem fünften Platz – hinter Englisch, Französisch, Latein und Spanisch.
Und die Zahl der Russischschüler nimmt von Jahr zu Jahr weiter ab, wie der Deutsche Russischlehrer Verband e.V. (DRLV) feststellt. Besonders in den neuen Bundesländern lehnen Eltern Russischunterricht für ihre Kinder oft ab. In Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg geht der Trend dagegen seit 2003 nach oben.
Keine großen Hürden
"Russisch ist eine Sprache der schweren Wörter", erklärt Dr. Helgard Lörcher, erste Vorsitzende des Verbandes, "aber das ist Deutsch auch." Russisch sei nach einer ersten Phase der Eingewöhnung relativ leicht zu erlernen. Neben kyrillischer Schrift und anspruchsvoller Grammatik spielen häufig jedoch auch Vorurteile gegen Russland und die Russen eine Rolle. "Russisch hat ein bisschen ein Imageproblem. Die Darstellung von Russland in den Medien ist oft problematisch – da wirkt vielleicht die Politik des Kalten Krieges noch nach", vermutet Lörcher. Das Ergebnis ist ein wahrer Teufelskreis: Ohne Russischunterricht kein Wissen über die russische Kultur, ohne Wissen über die russische Kultur kein Russischunterricht.
Chancen nutzen
Doch wenn die deutschen Schulen den Russischunterricht schlicht ignorieren, nehmen sie ihren Schülern wichtige berufliche Chancen. Kaum ein anderer Markt eröffnet deutschen Schulabgängern so viele Möglichkeiten wie der osteuropäische: Ob Studium in Moskau, Praktikum in Rostow oder Zivildienst in Sankt Petersburg. Und auch für viele Studiengänge in Deutschland ist Russisch wertvoll, ob für Europäische Wirtschaft oder Internationale Erziehungswissenschaft. "Russisch bietet große berufliche Chancen", weiß auch Iris C. Seemann, die die Russisch-Redaktion des Ernst Klett Verlags leitet. "Wir entwickeln zurzeit Schulbücher für den Russisch-Unterricht, deren Inhalte an den Interessen der Schülerinnen und Schüler ausgerichtet sind. Sprachliche Kompetenzen und Fertigkeiten werden auf lebendige und zeitgemäße Art vermittelt", sagt Seemann. Ab dem Schuljahr 2008/2009 können die neuen Lehrwerke eingesetzt werden.
Schon 2004 hatten die Bundesrepublik und die Russische Föderation in einem Regierungsabkommen beschlossen, die Zusammenarbeit von deutschen und russischen Schülern und Jugendlichen auszubauen. 2006 wurde deshalb beispielsweise die Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch gegründet (www.stiftung-drja.de). Gesellschafter ist unter anderem das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Ziel: Aktive Völkerverständigung
Mit Fachkräftetagungen und Informationsreisen, deutschrussischem Jugendparlament und Austauschprogrammen sollen sich die russische und die deutsche Kultur näher kommen. Die Stiftung bietet auch finanzielle Förderung bei Aktionstagen oder Sprach-Olympiaden und stärkt so das Eigenengagement der Schulen. "Initiator sind immer die Kolleginnen und Kollegen an den Schulen", erklärt Dr. Lörcher vom DRLV. Mit Kochkursen und russischen Tagen wecken sie das Interesse der Schüler. Besonders ein Schüleraustausch kann Lust auf Russisch machen und ist auch für Schüler geeignet, die noch gar kein Russisch sprechen. Die Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch hilft bei der Suche nach einer geeigneten Partnerschule. Helgard Lörcher ist sich sicher: "Russisch-Unterricht ist ein Stück Völkerverständigung." Und deshalb ist durchaus auch die Politik in der Verantwortung. "Es wäre Aufgabe der Bildungsministerien, auf die beruflichen Chancen der Russisch- Sprecher aufmerksam zu machen. Hier ist positive Aufklärung nötig. Und nicht zuletzt muss auch die Politik an einem positiven Russlandbild mitarbeiten."
Weitere Infos
Der Deutsche Russischlehrerverband e.V. (DRLV) wurde 1962 gegründet und hat etwa 1140 Mitglieder in ganz Deutschland. Sein Anliegen ist die Förderung und Etablierung des Russischunterrichts an den Schulen. Der Verband ist Ansprechpartner für alle Russischlehrer. Er informiert über Entwicklungen und Trends, hilft und unterstützt die Kolleginnen und Kollegen bei der Einrichtung oder dem Erhalt von Russischklassen. Weitere Informationen unter www.drlv.de.
Obwohl Russland als politischer und wirtschaftlicher Partner für Deutschland immer mehr an Bedeutung gewinnt, ist das Interesse am Russischunterricht verhalten. Lust auf russische Sprache und Kultur können ein russischer Tag oder ein Schüleraustausch machen. Ein positives Russlandbild eröffnet den Schülern nicht nur wichtige berufliche Möglichkeiten, sondern trägt auch zur Völkerverständigung bei.
Erstveröffentlichung: Klett Themendienst
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