Schnellerer Weg zur Lehrstelle

(bt). Die Lehrstellensuche stellt viele Schulabsolventen vor Probleme. Viele wissen nicht, welcher Beruf sie reizen könnte, und bei denjenigen, die über klarere Vorstellungen von ihrer beruflichen Zukunft verfügen, scheitert die Stellensuche oft daran, dass sie Schwierigkeiten beim Zusammenstellen ihrer Bewerbungsunterlagen haben. Die Ortenbergschule im hessischen Frankenberg wartet mit einem vorbildlichen Beratungskonzept auf.

16.02.2004 Pressemeldung Ernst Klett Verlag GmbH

Das Zeugnis steckt fast in der Tasche und bei den meisten Schülerinnen und Schülern macht sich ein Gefühl der Freiheit breit: endlich eigenes Geld verdienen, endlich unabhängig sein. Und der erforderliche Ausbildungsvertrag wird sich schon finden, denken viele. Doch der Weg dorthin kann sich schwieriger gestalten, als manche Schüler und Eltern annehmen, denn zwischen Schule und Vertrag liegt ein entscheidender Schritt: die Zeit der Bewerbungsschreiben und Vorstellungsgespräche.

Meist werden die jungen Erwachsenen in dieser wichtigen, zukunftsbestimmenden Phase allein gelassen. Viele Schulen streifen das Thema mit ein paar Tipps zum Inhalt des Bewerbungsschreibens und raten den Schülern zu einem Besuch im örtlichen Berufsinformationszentrum (BIZ) im Arbeitsamt. Diese Maßnahmen sind sicher nicht falsch, greifen aber viel zu kurz. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit ist es besonders wichtig, nach innovativen Lösungen zu suchen, mit denen Jugendliche bei der Ausbildungsplatzsuche unterstützt werden können. Ein nachahmenswertes Modell hat die Ortenbergschule im mittelhessischen Frankenberg erarbeitet.

Die Ortenbergschule, eine Grund-, Haupt- und Realschule mit Förderstufe, deren Träger der Landkreis Waldeck-Frankenberg ist, überlässt Schüler mit ihren Berufswünschen nicht sich selbst: Wer nach dem Besuch der Grundschule nicht auf das Gymnasium geht, kommt in die Förderstufe und entscheidet sich erst nach Klasse 6 für die Haupt- oder Realschule.

Ein Pate unterstützt die Lehrstellensuche

Alle Haupt- und Realschüler der Ortenbergschule sind verpflichtet, an den berufsbezogenen Unterrichtsstunden teilzunehmen. Vor allem der Berufsorientierende Unterricht (BOU) und das Patenschaftsprogramm "Arbeit für Jugend" tragen dazu bei, den Übergang von der allgemein bildenden Schule in die Arbeitswelt zu erleichtern.

Das Patenprogramm "Arbeit für Jugend" gibt es seit rund drei Jahren. "Die Berufsausbildung in der Region sollte gefördert werden", erinnert sich Schulleiter Erhard Wagner an die Ursprünge. Die Idee ist simpel, erfordert aber Mut und Einsatz von allen Beteiligten: Ehemalige Arbeitnehmer aus der Wirtschaft engagieren sich, um Jugendliche in ihrer Berufsfindung zu unterstützen. "Ein Drittel unserer Schüler benötigt keine Hilfe bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz, aber die übrigen zwei Drittel sind zum Teil sehr dankbar, wenn sie die Möglichkeit haben, einen Paten zu bekommen", so Wagner.

Mittlerweile stehen 19 Frauen und Männer – darunter beispielsweise ein ehemaliger Personalchef, ein Einkaufs-leiter und ein ehemaliger Polizeichef – dem Programm ehrenamtlich zur Verfügung. "Die Berufsberatung beim Arbeitsamt ist wichtig", betont Rudolf Urbat, Sprecher der Paten, "aber unser Vorteil besteht darin, dass wir nur jeweils einen Schüler betreuen und uns viel intensiver um den Arbeitssuchenden kümmern können."

Die Suche nach dem richtigen Paten erfordert Fingerspitzengefühl: "Uns ist es wichtig, dass die Chemie zwischen Pate und Schüler stimmt, denn schließlich wird der Schüler im Idealfall zwei bis drei Jahre von seinem Paten begleitet", begründet Wagner die sorgfältige Auswahlphase, in der alle Beteiligten ihr Einverständnis geben müssen. Pate und Schüler müssen die Bereitschaft haben, unter vier Augen über die berufliche Zukunft zu sprechen. Außerdem ist es dem Schulleiter wichtig, dass die Eltern zustimmen, denn von Zeit zu Zeit entwickelt sich die Zukunft ihres Kindes mit Hilfe des Paten in eine andere Richtung, als Vater und/oder Mutter es sich gewünscht haben.

Wagner schildert die Entwicklung eines Hauptschülers: Beim ersten Gespräch gab er an, Heizungsinstallateur werden zu wollen. Im Vier-Augen-Gespräch gestand er dem Paten, dass eigentlich die Eltern diesen Beruf ausgesucht hatten, er selber aber viel lieber als Koch arbeiten wolle. In einem solchen Fall vermitteln Pate und Schulleiter schon einmal innerhalb der Familie. "Bei manchen Jugendlichen ist es ganz wichtig, dass sie sich an eine dritte Person wenden können, die ihnen zur Seite steht, sich nicht mit den Eltern solidarisiert, aber auch kein Lehrer ist", weiß Wagner. Urbat ergänzt, wie entscheidend es ist, "dass die Jugendlichen ihre Probleme mit einer Person besprechen können, die keine Anforderungen an sie stellt, gegenüber der sie sich nicht rechtfertigen müssen. Und die Eltern sind meistens erleichtert, dass ihnen der Pate eine schwierige Aufgabe abnimmt."

In einem zweiten Fall, den der Schulleiter schildert, waren sich Eltern und Tochter durchaus einig: Die Tochter sollte und wollte Verkäuferin werden. Nach einigen Gesprächen zwischen ihr und dem Paten wurde aber klar, dass die Schülerin weitaus mehr Potenzial besitzt. "Auf Anraten des Paten ging das Mädchen weiter zur Schule und ist heute im zweiten Jahr auf der Berufsfachschule", berichtet Wagner stolz.

Die Paten helfen nicht nur in der Entscheidungsphase, sie besprechen beispielsweise auch Bewerbungsanschreiben oder recherchieren selbst, um ihren Schützling unterzubringen. Zudem stehen sie meist noch im ersten Ausbildungsjahr beratend zur Seite, etwa dann, wenn es Missverständnisse zwischen Azubi und Ausbilder gibt. Das zentrale Motto dieses Programms lautet jedoch "Hilfe zur Selbsthilfe". Im Klartext: Der Pate soll primär beraten, der Schüler selbst die Initiative ergreifen und seine Zukunft aktiv gestalten.

Handwerkliche Fähigkeiten ausprobieren

Die Teilnahme am Patenschaftsprojekt ist freiwillig. Verpflichtet sind alle Schüler des Haupt- und Realschulzweigs hingegen, in den Klassen sechs bis neun am BOU teilzunehmen. Er ermöglicht ihnen einen Einblick in verschiedene zentrale Bereiche der Arbeitswelt und soll dabei helfen, die eigenen Fähigkeiten besser einschätzen zu können. Jeder Schüler durchläuft die sechs Bereiche Hauswirtschaft, Textiles Gestalten, Holzbearbeitung, Metallbearbeitung, Tonverarbeitung und EDV jeweils ein halbes Jahr. Die Qualität dieses Unterrichts sichern seit rund zehn Jahren Handwerker. Sie unterrichten Schüler der Ortenbergschule in ihrem jeweiligen Metier. Die Schüler tragen ihre besuchten Kurse in ein spezielles Heft ein, das ihnen bei einer Bewerbung die Möglichkeit gibt, sich von den Konkurrenten abzusetzen, weil die potenziellen Ausbilder auf einen Blick erkennen können, welche handwerklichen Erfahrungen der jeweilige Schüler bereits gesammelt hat.

Zusätzlich müssen die Schüler an der Ortenbergschule ab Klasse 8 ein zweistündiges Wahlpflichtfach belegen. Angeboten werden u. a. Fototechnik, Tanz oder ein vertiefender Mathematikunterricht. "Mathematik wird oft von denjenigen Schülern gewählt, die wissen, dass sie einen kaufmännischen Beruf ergreifen wollen", erklärt Wagner.

Die verschiedenen Projekte zeigen, dass die Lehrenden an der Ortenbergschule nicht nur ihren Stoffplan verfolgen, sondern die berufliche Zukunft ihrer Schüler auch durch praktische Hilfestellungen verbessern wollen.

Schule

Ortenbergschule in Frankenberg (Eder) Ansprechpartner Erhard Wagner Ortenbergschule Schulleiter Ortenberg 3 35066 Frankenberg Telefon: 0 64 51-2 12 95 Fax: 0 64 51-2 35 19 Mail: ase.wagner@t-online.de

Klett Themendienst | Februar 2004 | alle Beiträge auch unter www. klett-themendienst.de | Presseabdruck aller Beiträge honorarfrei/Beleg erbeten

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