Globale Entwicklung

"Schüler können selbst ihre Positionen entwickeln"

"Es geht um den Unterschied von Afrika und hier. Es ist anders, aber nicht besser oder schlechter. Es ist eben anders." Mit diesen wenigen Worten brachte der neunjährige Tammo im vergangenen Jahr auf den Punkt, was hinter dem etwas sperrigen Begriff "Lernbereich Globale Entwicklung" steht.

20.11.2013 Artikel
  • © aus dem Cover des Orientierungsrahmens

Er und seine Mitschülerinnen und Mitschüler der Osnabrücker Grundschule Atter standen damals auf dem Siegertreppchen. Für ihr Theaterstück "Komm rein und schau hinaus" hatte die Klasse 3a mit ihrer Lehrerin Anja Hirschmann den ersten Preis im Wettbewerb des Bundespräsidenten "Alle für Eine Welt - Eine Welt für alle" gewonnen.

Diesen Wettbewerb hatte der damalige Bundespräsident Johannes Rau vor zehn Jahren aus der Taufe gehoben. Im selben Jahr riefen die Vereinten Nationen die Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" für den Zeitraum 2005 bis 2014 aus. Damit verpflichteten sich die Staaten, den Gedanken einer ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltigen Entwicklung weltweit im Bildungswesen zu verankern. Vier Jahre später, im Juni 2007, gaben Kultusministerkonferenz und Bundesentwicklungsministerium mit dem Orientierungsrahmen "Globale Entwicklung" den Schulen, Lehrplanentwicklern und Schulbuchmachern die dafür notwendigen Werkzeuge an die Hand.

Als Bürger die Entscheidungen mitbeeinflussen

"Beim Lernbereich Globale Entwicklung geht es zum einen um die bekannten Globalisierungsentwicklungen, nämlich darum, dass weit entfernte Orte heutzutage eng miteinander verbunden sind. Wenn in China ein Mobilfunkgerät produziert wird, hat diese Produktion auch für uns Konsequenzen. Denn die beauftragenden Firmen sitzen in der Regel in Europa oder in Nordamerika. Auch die Abwanderung von Unternehmen gehört zur Globalisierung", erklärt der Politikdidaktiker Professor Dr. Bernd Overwien von der Universität Kassel. "Auf der anderen Seite gibt es heutzutage in großen Unternehmen Teams, die ganz bewusst multikulturell zusammengesetzt sind, weil man ja auch weltweit arbeitet. Das heißt, Globalisierung erfordert globales Denken bei uns allen. Zum einen, damit wir im Beschäftigungssystem handlungsfähig sind, zum anderen aber auch, damit wir als Bürger in der Politik die richtigen Entscheidungen mitbeeinflussen können."

Konkrete Anregungen

Lehrer finden im Orientierungsrahmen konkrete Anregungen für ihre Unterrichtsfächer, aber auch für fächerübergreifendes Lernen. "Der Lernbereich Globale Entwicklung entsteht durch den Beitrag aller Fächer. Es geht nicht mehr nur darum, was ein Fach allein macht, sondern was Fächer gemeinsam beitragen können, angefangen beim Fach Politik bis zur Mathematik", erklärt Hannes Siege. Er ist Mitautor des Orientierungsrahmens und außerdem Bundeskoordinator des Schulwettbewerbs "Alle für Eine Welt – Eine Welt für alle". Projekte und außerschulische Aktionen zum Themenbereich Globale Entwicklung hätten bereits Tradition, erklärt er. "Wir wollen aber den regulären Unterricht einbeziehen, denn der macht 80 Prozent des Lehrer- und Schülerhandelns aus. Es ist schließlich das Kerngeschäft von Schule. Und je konkreter der Orientierungsrahmen ist, desto leichter wird´s auch für Schule und Lehrer, diese Themen umzusetzen."

In der Lehrerausbildung allerdings ist der Lernbereich Globale Entwicklung noch nicht flächendeckend angekommen. "Es handelt sich eher um einen bunt gemischten Flickenteppich", beklagt Overwien. "Aber Projekte wie der Orientierungsrahmen können bewirken, dass sich solche Themen auch in der Lehrerbildung ausbreiten."

Nicht nur die Nebenfächer

Gegenwärtig wird der erste Orientierungsrahmen bereits überarbeitet, denn im sogenannten Globalisierungszeitalter schreitet die Entwicklung rasant voran. "Schließlich hat sich in den vergangenen sechs Jahren einiges verändert", meint Overwien, der mit anderen Experten an der Aktualisierung arbeitet. "Außerdem wurden bislang noch nicht alle Fächer im Orientierungsrahmen berücksichtigt. Es waren mehr oder weniger die Nebenfächer. Jetzt werden unter anderem auch die Fächer Deutsch und Mathematik sowie die Fremdsprachen einbezogen."

Auch wenn es in vergangenen Jahrzehnten mitunter üblich war: Der moralische Zeigefinger oder gar Schuldzuweisungen haben beim Lernen nichts zu suchen. Zum Glück sei man längst davon abgekommen, bei diesem Themenbereich auf das schlechte Gewissen zu setzen, etwa indem Umweltkatastrophen in den Vordergrund gestellt würden, bestätigt Overwien. "Wenn wir den Lernenden ein eigenständiges Denken zutrauen, dann müssen wir auch davon ausgehen, dass sich die Schüler selbst ihre Positionen entwickeln. Wenn man mit moralischen Vorhaltungen Schüler konfrontiert, dann manipuliert man, aber man bildet nicht."

Schulwettbewerb und Orientierungsrahmen ergänzen sich mittlerweile beinahe ideal. "Wir haben relativ schnell die beiden Projekte aufeinander bezogen", erklärt Hannes Siege. "Der Wettbewerb orientiert sich mit seinen Themen am Orientierungsrahmen und seinen Kompetenzbeschreibungen. Und bei Vorträgen zum Orientierungsrahmen kann ich immer wieder Beispiele aus dem Schulwettbewerb vorzeigen."

Aus der Grundschule Atter kann Hannes Siege gleich zwei Projekte präsentieren. Denn bereits 2008 war die Schule ausgezeichnet worden. Auch damals war es Anja Hirschmann, die mit ihrer Klasse teilgenommen hatte. Dabei war für sie von vorneherein eines klar: "Wenn ich das mache, dann muss es auch authentisch sein." Einer Freundin, die nach Malawi flog, gab sie kurzerhand den Auftrag mit, nach einer Partnerschule zu suchen. Die war schnell gefunden. Und mittlerweile ist aus dem Kontakt nach Malawi ein Projekt entstanden, in das die gesamte Schule involviert ist: Lehrer, Kinder und Eltern. Der Verein Magi e. V. - von Anja Hirschmann mit Eltern der Siegerklasse initiiert - arbeitet ehrenamtlich dafür, Mädchen in Malawi vor einem Leben auf der Straße zu schützen. Er organisiert vor Ort ein Mädchenhaus, in dem gegenwärtig elf Mädchen wohnen.

Teil des Schulprogramms

Whole school approach, so lautet der angloamerikanische Begriff dafür, wenn Nachhaltigkeit und Globales Lernen Angelegenheit der gesamten Schule und Teil des Schulprogramms sind. Dieser Ansatz wird auch im überarbeiteten Orientierungsrahmen eine wichtige Rolle spielen. "Es geht darum, was Schule insgesamt macht, dazu gehört dann auch, wie Schulen beispielsweise mit Abfall und Energie umgehen." Beispielhaft zeigen können Schulen das ebenfalls beim Wettbewerb. Dort werden nämlich nicht nur Klassenprojekte ausgezeichnet, schon zum dritten Mal wird auch ein Schulpreis vergeben. Das Thema der aktuellen Wettbewerbsrunde lautet:"Global und lokal denken und handeln – ´Die Welt beginnt vor deiner Tür!`".

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