Bericht

Schul-Barometer

Das Schul-Barometer in Deutschland, Österreich und der Schweiz beschäftigt sich mit der aktuellen Situation der Schulen im Rahmen eines Stimmungsbilds und möchte damit einen Beitrag zum Erfahrungsaustausch leisten.

14.04.2020 Bundesweit Pressemeldung Institut für Bildungsmanagement und Bildungsökonomie IBB
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Es wurde von Prof. Dr. Stephan Gerhard Huber lanciert, Leiter des Instituts für Bildungsmanagement und Bildungsökonomie der Pädagogischen Hochschule Zug, Schweiz. Befragt wurden bisher über 7.100 Personen (Schulleitungen, Lehrerinnen und Lehrer und weitere Mitarbeitende, Eltern, Schülerinnen und Schüler, Vertreterinnen und Vertreter der Schulaufsicht/Schulverwaltung und des Unterstützungssystem). Erste Ergebnisse liegen inzwischen vor.

Zentrale Aussagen

Die Schulschließung stellt für alle Akteure im Bildungs- und Schulkontext eine sehr große Herausforderung dar. Die aktuelle Situation mag aber auch eine Chance erkennen lassen. Diese betrifft etwa den Bereich der Digitalisierung, der aufgrund der vorliegenden Notwendigkeit einen enormen Aufschwung erlebt. Lernen mit und durch Technologie sowie über Technologie ist gefragt. Digitalisierung könnte ein Mehr an Differenzierung ermöglichen. Dieses Potenzial ließe sich jetzt und in der nächsten Phase verstärkt nutzen.

Insgesamt liegt die Vermutung nahe, dass es einen Schereneffekt gibt, bei Schülerinnen und Schülern, Eltern sowie innerhalb und zwischen Schulen. Wir gehen davon aus, dass sich in Krisensituationen verschiedene Schulqualitäten deutlicher auswirken, vorhandene Unterschiede sich noch vergrößern - z.B. hinsichtlich guten Unterrichtens bzw. der (Aus-)Gestaltung von Lehr-Lern-Arrangements, der Kooperation innerhalb der Fachschaften und Jahrgangsteams/Stufenteams und in Gesamtkollegien, der Qualitäten von Führungspersonen. In der Konsequenz zeigen sich große Herausforderungen hinsichtlich Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit. „(Bildungs-)Verlierer“ in der aktuellen Situation sind, so ist zu befürchten, wahrscheinlich Schülerinnen und Schüler aus sozio-ökonomisch (hoch) benachteiligten Elternhäusern. Schulen mit einem hohen Anteil an benachteiligten Schülerinnen und Schülern stehen vor besonders großen Herausforderungen.

Gründe sind sicherlich ein Zusammenspiel von verschiedenen Merkmalen wie technische Bedingungen (schlechte Austattung mit Geräten und aktueller Software), räumliche Situation (mit vielen Personen auf engem Raum), geringe zeitliche und emotionale Ressourcen der Eltern oder der Geschwister.

Daher wird nach der Wiederöffnung der Schulen eine große Aufgabe das Bemühen um eine Kompensation der Schereneffekte bei den Schülerinnen und Schülern sein.

In Betrachtung der Befunde zu den Schülerinnen und Schülern fallen zwei Gruppen auf: Die einen finden es gut, in ihrem eigenen Lerntempo und -rhythmus selbstbestimmter zu arbeiten, sie lernen nach eigenen Aussagen jetzt effektiver, kommen gut mit der Situation zurecht. Die anderen haben Probleme, u.a. im Hinblick auf die Strukturierung ihres Tages, ihrer Aufgaben und ihrer Motivation. Ihre tägliche Lernzeit liegt zudem deutlich unter dem Durchschnitt. Hier werden perspektivisch Anstrengungen der Kompensation dieser Defizite sehr bedeutsam werden.

In den Befunden des Schul-Barometers zeigt sich zudem eine hohe Wertschätzung und Anerkennung gegenüber der Institution Schule und der Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer, gerade auch von den Elternhäusern. Genauer zu analysieren und zu diskutieren ist die “elterliche Lehrerrolle” und die diesbezüglichen Erwartungen der Schule, die eine am Schul-Barometer teilnehmende Lehrperson so formuliert: “Je mehr wir im Homeschooling von den Elternhäusern erwarten, desto größer wird die Schere am Ende sein.”

Als Perspektive für die Zeit nach der Schulschließung werden Blended learning-Konzepte und Kompensationsbemühungen eine große Rolle spielen.

Detailliertere exemplarische Analysen in Kurzform

Zum Beispiel zur Situation zuhause:

  • 31 Prozent der Eltern denken, dass es ihren Kindern nicht gefällt, früh aufzustehen und einem geregelten Tagesablauf nachzugehen. Bei den Schülerinnen und Schülern ist dieser Anteil mit 37 Prozent etwas höher.
  • Jeweils rund die Hälfte der Befragten, insbesondere ein Drittel der Eltern, gibt an, dass es ihren Kindern nicht gelingt, sich auf die anderen Lernweisen/Lernmethoden einzulassen. Die Kinder würden zuhause selbstständig an ihren Aufgaben arbeiten, aber in der aktuellen Situation viel Unterstützung bei der Bewältigung der schulischen Aufgaben benötigen.
  • Für ein Drittel der Eltern ist es eine echte Herausforderung, ihr Kind/ihre Kinder zuhause bei den schulischen Aufgaben zu unterstützen.
  • Nur ein Viertel der Schülerinnen und Schüler lernen gemeinsam mit ihren engsten Freunden via bspw. Telefon oder Skype.
  • Die Hälfte der Schülerinnen und Schüler geben an, dass sie beginnen, die Schule (eher) zu vermissen. Ein Drittel der Schülerinnen und Schüler geben an, dass ihnen jetzt schon die Decke auf den Kopf fällt. Nach der ersten Woche war dieser Anteil etwas höher: 37 Prozent der Schülerinnen und Schüler stimmten der Aussage (eher) zu.

Zum Beispiel zur Lehrer-Schüler-Kommunikation:

  • 25 Prozent der Mitarbeitenden der Schule geben an, dass etwa fünf Prozent der Schülerinnen und Schüler nicht erreichbar sind. Weitere 14 Prozent geben an, dass 10 Prozent der Schülerinnen und Schüler nicht erreichbar sind. Nur 24 Prozent geben an, dass alle erreichbar sind. Gründe dafür werden in der offenen Frage nach der Erreichbarkeit vor allem in der unzureichenden Ausstattung mit digitalen Endgeräten in den Familien sowie in instabilen Internetverbindungen gesehen.
  • 12 Prozent der Schülerinnen und Schüler geben nach der zweiwöchigen Befragung an, dass die Absprachen mit der Lehrperson nicht gut funktionierten. Nach einer Woche waren dies noch 18 Prozent.
  • Für die Kommunikation mit Schülern ist der E-Mail-Verkehr aus Sicht aller Befragungsgruppen das am häufigsten verwendete Medium (Schüler: 83%, Mitarbeitende der Schule: 66%, Schulleitungen: 65%, Eltern: 68%). Danach folgen in annähernd gleicher Bedeutung andere Medien (Handy, Online-Plattformen bzw. Papierausdrucke, Arbeitshefte).
  • Eltern wünschen sich für ihre Kinder bei der offenen Frage u.a. mehr Kontakt und LivePhasen mit ihren Lehrerinnen und Lehrern und den Mitschülern.

Zum Beispiel zum digitalen Unterricht:

Die technische Ausstattung:

  • Die privaten Haushalte sind offenbar gut für den digitalen Fernunterricht ausgestattet. Nur 15 Prozent berichten von nicht ausreichender Ausstattung. Allerdings kann die Stichprobe auch eine Positivstichprobe sein. Wahrscheinlich gibt es hier eine Dunkelziffer.
  • In den Schulen wird deutlich häufiger von unzureichender Ausstattung berichtet (rund 45%).

Zur Lehrerprofessionalität:

  • Knapp die Hälfte der Mitarbeitenden der Schule schätzen sich als motiviert für den Einsatz digitaler Lehr-Lernformen ein – aus Schülerperspektive ist das nicht im selben Ausmaß der Fall.
  • Deutlich weniger Mitarbeitende der Schule (25%) schätzen sich als kompetent für digitalen Unterricht ein.

Zur Qualität des digitalen Unterrichts:

  • Potenziale des Anteils echter Lernzeit und der geistigen Aktivierung könnten noch stärker genutzt werden.
  • Es wird eher geringer Arbeitsaufwand für Schülerinnen und Schüler angegeben, zumindest für ein Drittel der Schülerinnen und Schüler, insbesondere für 18 Prozent.
  • Genauer: 32 Prozent der Schülerinnen und Schüler arbeiten 25 Stunden und mehr für schulische Belange, 68 Prozent arbeiten weniger. Ein Drittel der Schülerinnen und Schüler arbeiten unter 15 Stunden in der Woche, was in einer Fünftageswoche einem durchschnittlichen Tagespensum von rund zwei Stunden entspricht. Oder anders: ein Drittel über 25 Stunden, ein Drittel im Durchschnitt um die 20 Stunden (zwischen 15 und 25 Stunden), ein Drittel unter 15 Stunden. D.h.: Sorgen bereitet diese letzte Gruppe, besonders die 18 Prozent mit Lern- und Arbeitszeiten unter neun Stunden.
  • Die Ergebnisse zeigen, dass kaum institutionalisierte Live-Kommunikation zwischen Lehrer-Schülern und Schüler-Schüler stattfindet.
  • Es wird wenig Individualisierung und Differenzierung forciert.
  • Etwa ein Fünftel der Schülerinnen und Schüler gibt an, dass die Absprachen mit der Lehrperson nicht gut funktionieren.
  • Dagegen ist aber - wo vorhanden - eine wertschätzende Lehrer-Schüler-Kommunikation attestiert.
  • 23 Prozent der Eltern sind (eher) besorgt über den Lernverlauf ihrer Kinder. Ein etwas größerer Anteil der Eltern, nämlich 32 Prozent, zeigt sich dagegen (eher) nicht besorgt.

Themen sind:

  • Aktuelle häusliche Lebenssituation von Schülern
  • Belastungssituation von Eltern und Schule
  • Betreuungssituation von Schülern
  • Informationsfluss Behörde-Schule-Eltern und Lehrperson-Schüler
  • Digitale Lehr-Lern-Formate: Erfahrungen und Empfehlungen
  • Rolle Schulleitung
  • Rolle, Motivation, Kompetenzen von Lehrpersonen
  • Bedarfe, Bedürfnisse, Wünsche aus Sicht von Vertreterinnen von Eltern, Schülern, Mitarbeitenden, Schulleitung, Behörden/Verwaltung, Unterstützungssystem

Hier gibt es mehr Informationen sowie den aktuellen Bericht


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