Schulabschluss mit schlechten Karten: Hauptschüler auf dem Ausbildungsmarkt
(hpf). Insgesamt sind in diesem Jahr knapp 50 000 Jugendliche ohne Lehrstelle geblieben, darunter 20 000 Hauptschulabsolventen. Die Begründungen auf Seiten der Unternehmen sind bekannt: Fehlerhafte Bewerbungen, mangelnde Kenntnisse in Deutsch und Mathematik, schlechtes Sozialverhalten. Aber wie beurteilen die Schülerinnen und Schüler, die auf Lehrstellensuche sind, die Situation?
15.11.2006 ArtikelFür seine berufliche Laufbahn hatte Marco Krone nach dem Hauptschulabschluss klare Vorstellungen: Eine Ausbildung im metallverarbeitenden Gewerbe wollte der 17- Jährige beginnen. Mögliche Betriebe hatte er sich schon ausgeguckt, darunter ebenso kleine Klempnereien wie der hannoversche Maserati-Vertragshändler. Er musste jedoch schnell erkennen: Mit einem Hauptschulabschluss ist auf dem Ausbildungsplatzmarkt kaum ein Blumentopf zu gewinnen. Dabei hat er sich systematisch beworben – genau so, wie er es in der Schule gelernt hatte. Er informierte sich über mögliche Lehrbetriebe, bei Interesse nahm er direkten Kontakt auf. Wenn sich eine Chance zu bieten schien, versandte er schließlich Bewerbungen – „fehlerfrei geschrieben und korrekt formuliert“, betont er. Das wurde auf der Hauptschule konsequent gepaukt. Viermal wurde Marco zumindest zu Vorstellungsgesprächen eingeladen, doch ein Ausbildungsplatz ist nicht dabei herausgesprungen.
Hauptschulabschluss reicht nicht
Marco Krone ist kein Einzelfall. Die Bundesagentur für Arbeit registrierte im Oktober dieses Jahres bundesweit rund 20 000 Hauptschulabsolventen ohne Lehrstelle. Dass Hauptschüler schlechtere Chancen auf dem Ausbildungsmarkt haben als Jugendliche mit Mittlerer Reife oder Abitur – diese Einschätzung stärkt auch die Studie „Jugend und Beruf“ aus dem Jahr 2005: Demnach meinen vier von fünf Ausbildungswilligen, Hauptschüler seien beim Verteilungskampf um die Plätze benachteiligt. Tatsächlich können viele Hauptschulabsolventen ein Klagelied vom Lehrstellenmarkt singen. Dutzende von Bewerbungen haben zum Beispiel die Hannoveraner Achmed Hamiro und Ines Kreinhacke verschickt. Einen Lehrvertrag haben die beiden jedoch nicht unterschrieben. „Wenn überhaupt Absagen geschrieben werden, steht als Begründung meistens drin: Wir haben uns für einen anderen Bewerber entschieden. Die Ausrede kennt doch nun wirklich jeder“, sagt Achmed. Die Jugendlichen vermuten: Ein Hauptschulabschluss – das reicht vielen Arbeitgebern heute nicht mehr.
Auf dem Ausbildungsmarkt ist in den letzten Jahren der Konkurrenzdruck gewachsen, stellt das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in seiner Untersuchung „Mangelware Lehrstelle“ (Oktober 2006) fest. Die Zahl der Stellen schrumpft kontinuierlich, die der Schulabsolventen steigt. Inzwischen gehen neben Haupt- und Realschülern auch viele Abiturienten auf Lehrstellenjagd, laut Bundesagentur für Arbeit allein in diesem Jahr knapp 60 000. Vielen Gymnasiasten scheinen die möglichen Kosten in Zeiten von Studiengebühren unkalkulierbar, zusätzlich ist ein Hochschulabschluss schon lange keine Karrieregarantie mehr. Eine Ausbildung mit wahrscheinlich gesicherter Perspektive wird da besonders verlockend, speziell Banken und Versicherungen rücken in den Blick.
Unterschiedliche Kompetenzen
Auf eine kaufmännische Ausbildung wird sich Marco Krone jedenfalls nicht bewerben. Nicht nur, weil hier ohnehin oft mindestens Mittlere Reife gefordert ist. Er möchte sich nicht von seinen Haaren trennen: „Keine deutsche Bank stellt einen langhaarigen Mitarbeiter hinter den Tresen“, grinst Marco. Außerdem ist er an Schreibtischjobs überhaupt nicht interessiert. Er sei stärker handwerklich orientiert. Mit den Händen zu arbeiten, mache ihm Spaß, erklärt er. Durch ein Schulpraktikum in einem städtischen Servicebetrieb stieß Marco auf Berufe im Metallgewerbe. „Da durfte ich mit den Kollegen alles Mögliche erledigen“, berichtet er, „vom Einbau von Metalltüren bis zum Verlegen von Rohren.“ Alles in allem schätzt er: „Was ich in der Schule gelernt habe, müsste für eine Ausbildung im Metallgewerbe reichen.“ Dabei gibt er zu: Seine Zeugnisse haben Licht- und Schattenseiten. Werken und Sport, Mathe und Naturwissenschaften – hierin hatte er gute Noten, Englisch und Geschichte – darin erbrachte er weniger berauschende Leistungen. Andererseits fragt sich Marco: „Wozu muss ein Metallbauer eigentlich fließend Englisch sprechen?“
Auch wenn nicht in jedem Lehrberuf die ganze Palette schulischen Vorwissens gefragt ist: Die Anforderungen der Arbeitswelt an Auszubildende sind in den vergangenen Jahren gestiegen, so die Untersuchung des BIBB. Beispiel KFZ-Gewerbe: „Solange Beruf und damit auch Lehrinhalte im Wesentlichen auf Mechanik ausgerichtet waren, hatten unsere Absolventen kaum Probleme“, sagt Lehrerin Jutta Sorst von der Burgberg-Hauptschule in der Region Hannover. Heute sehe das anders aus: „Der Beruf heißt inzwischen KFZ-Mechatroniker, vieles dreht sich jetzt um Elektronik und Programmierung – damit sind eine Menge Hauptschüler überfordert“, meint sie.
Hohe Ansprüche an Fachwissen und Sozialverhalten
Das BIBB stellt weiter fest: Ausbildende Betriebe haben die Ansprüche an Fachwissen und Sozialverhalten hoch geschraubt. Nach wie vor müssen die Schulleistungen stimmen, vor allem in Mathe und Deutsch. Daneben sollen mögliche Auszubildende einen ganzen Katalog von persönlichen Eigenschaften mitbringen: Pünktlichkeit und Fleiß, Ordentlichkeit und Höflichkeit, aber auch Toleranz sowie Team- und Kritikfähigkeit. Insgesamt sind sich viele Arbeitgeber in ihrem Urteil einig: Es hapere bei den Ausbildungsplatzsuchenden. Speziell Hauptschüler beherrschen angeblich zu wenig Deutsch, Mathe und Englisch, ihr Sozialverhalten lasse zu wünschen übrig.
Solche Pauschalurteile ärgern Achmed, Ines und Marco. Achmed fühlt sich abgewertet: „Realschüler und Gymnasiasten bringen in der Schule vielleicht bessere Leistungen – aber deswegen sind sie doch keine besseren Menschen“, meint er. „Ich weiß zwar, dass ich in Chemie und Physik keine Leuchte war“, ergänzt Ines, „aber trotzdem könnte ich eine gute Arzthelferin werden.“ Und Marco beteuert: „Viele Hauptschüler stehen total auf Handarbeit, gegenüber den theoretisch ausgerichteten Realschülern und Abiturienten müsste das in Handwerksbetrieben doch ein Vorteil sein.“
Das sieht Horst Ramminger von der Karl-Jatho-Schule in Hannover-Hainholz ähnlich. Der Lehrer kennt die Probleme mancher Hauptschüler zwar nur zu gut, doch bringe mindestens die Hälfte seiner Absolventen fachlich und menschlich das nötige Zeug für eine Ausbildung mit. Gerade im Handwerk. Generalkritik an Hauptschülern hält Ramminger für überzogen. „Arbeitgeber haben heute kaum noch die Möglichkeit, es einfach einmal mit einem Hauptschüler zu versuchen, sich von dem Menschen dahinter positiv überraschen zu lassen.“ Die Finanzdecke der Betriebe werde immer knapper, selten gehen die Unternehmen da noch das Risiko ein, eine zehntausende Euro teure Lehrstelle eventuell falsch zu besetzen.
Umweg über Berufsvorbereitungsjahr
Weil auch Marco in diesem Jahr keine Ausbildungsstelle ergattert hat, führt ihn sein Weg von der einen Schule direkt zurück auf eine andere: Er absolviert nun erst einmal ein Berufsvorbereitungsjahr. Eine typische Karriere für Hauptschüler: 64 000 Jugendliche sind derzeit bundesweit in solchen und ähnlichen Qualifizierungsmaßnahmen geparkt, eine große Zahl darunter sind Hauptschulabsolventen. So sollen nicht vermittelte Ausbildungswillige weitere Qualifikationen sammeln – schließlich beginnt das Gerangel um die Lehrstellen in jedem Sommer von neuem.
Auch Marco wird im kommenden Jahr wieder mit von der Partie sein. Er sprüht nicht gerade vor Optimismus, trotz Berufsvorbereitungsjahr. Zehn Prozent vielleicht – so hoch schätzt er selbst die Wahrscheinlichkeit, dass es beim zweiten Anlauf klappt. Welche Zukunftschancen der Hauptschulabschluss ihm eröffnet hat – bei dieser Frage muss Marco nicht lange überlegen: „Nicht viele.“
Erstveröffentlichung: Klett-Themendienst
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