Kritik

Schulen in Hamburg unzureichend an Internet angebunden

Um die Digitalisierung an den Hamburger Schulen ist es schlecht bestellt. Gerade in der aktuellen Pandemielage ist eine hinreichende Ausstattung der einzelnen Schulen aber die Grundvoraussetzung für gelingenden Fern- bzw. Hybrid- bzw. Unterricht.

08.12.2020 Hamburg Pressemeldung GEW Hamburg
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Die aus dem Digitalpakt 2 angeschafften Endgeräte sollen laut der Hamburger Behörde für Schule und Berufsbildung (BSB) "intensiv im Unterricht eingesetzt werden, damit die Schulen im Fall einer erneuten Einschränkung des Unterrichts zügig auf digitalisierten Fernunterricht umstellen können" (Pressemitteilung vom 10.8.2020).

Der Schulsenator wird nicht müde hervorzuheben, dass sämtliche Hamburger Schulen an das Glasfasernetz angeschlossen sind: "Alle Schulen sind bereits an ein leistungsfähiges Glasfasernetz angeschlossen und haben Netzsteckdosen in allen Unterrichtsräumen" (ebenda). Das klingt zunächst so, als ob die Hamburger Schulen zumindest technisch gut für die aktuellen Herausforderungen gewappnet seien. Was in dieser und anderen Veröffentlichungen der Schulbehörde stets unerwähnt bleibt ist, dass die Internetzugänge sämtlicher allgemeinbildender Schulen Hamburgs durch die BSB "in definierten Bereichen skalier[t]", also gedrosselt werden.

Gängige Videoplattformen benötigen für Videogespräche (in mittlerer Qualität) mindestens 0,6 Mbit/s pro teilnehmender Person. Bei Bildschirmübertragungen werden in etwa doppelt so hohe Datenmengen verursacht. Für das Abrufen eines einzigen Full HD-Videos wird eine Bandbreite von etwa 5 Mbit/s benötigt.

Tatsächlich wird die Internetanbindung in 47% der allgemeinbildenden Schulen so stark gedrosselt, dass selbst wenn in der betreffenden Schule alle Rechner in den Computerräumen, im Lehrer*innenzimmer, genauso wie die interaktiven Tafeln, Whiteboards und iPads, ausgeschaltet oder zumindest vom Internet getrennt werden, zeitgleich nur eine Lehrer*in genau eine Videokonferenz mit einer halben Klasse oder Lerngruppe halten kann. Mehrere Videokonferenzen zur selben Zeit, Videokonferenzen in voller Klassenstärke oder das Abrufen von mehr als zwei Videos gleichzeitig sind derzeit in knapp der Hälfte der Hamburger Schulen de-facto unmöglich. 

Auch an den übrigen 53% der Schulen ist die digitale Lage nicht gerade rosig. Bei einer Anbindung mit 50 Mbit/s wie an 40% der Schulen sind immerhin Videokonferenzen mit knapp 80 Teilnehmer*innen möglich. 12,94% der Schulen sind mit der derzeitigen Maximalgeschwindigkeit von 100 Mbit/s angebunden. Dort sind dann Videokonferenzen mit knapp 160 Teilnehmer*innen zeitgleich möglich. 

Das klingt zunächst akzeptabel, wenn wir uns aber verdeutlichen, dass es sich hier um Schulgemeinschaften von mitunter knapp 2.000 Menschen handelt, wird schnell deutlich, wie katastrophal unterversorgt alle Hamburger Schulen trotz bestehender Anbindung an das Glasfasernetz sind. 

Dieser Missstand wiegt umso schwerer, weil es keinerlei sachliche oder technische Gründe gibt, die eine solche Drosselung rechtfertigen würden. In Ermangelung von Erklärungen der BSB zu diesem Sachverhalt kann die Motivation für diese Drosselungen allein im Finanziellen vermutet werden. Es ist bestürzend mitanzusehen, wie einerseits vom Senator bei Presseterminen Endgeräte an die Schulen verteilt werden, während seine Behörde andererseits hinter den Kulissen ohne triftigen Grund den Internetzugang der Schulen beschränkt und den Einsatz eben dieser Endgeräte so verunmöglicht. Wie unter diesen Umständen unseren Kindern eine zeitgemäße Bildung in der digitalen Welt zuteilwerden soll, wie sie von der Kultusministerkonferenz und dem Senator 2016 persönlich definiert wurde, bleibt im besten Fall nebulös.

Besonders nachdenklich stimmt indes der Umstand, dass eine Regierung unter sozialdemokratischer Führung den Internetzugang der sog. KESS 1-Schulen (="Schulen mit sehr schwierigen sozialen Rahmenbedingungen", Erläuterung des Hamburger Sozialindex) von allen Schulen am stärksten drosselt. "Kein Kind in Hamburg darf benachteiligt sein, weil es keinen Laptop zur Verfügung hat" (Pressemitteilung vom 5.6.2020). Es hat den Anschein als gelte dieses Benachteiligungsverbot nur für Endgeräte und nicht für Internetanbindungen. 

Die Situation an den allgemeinbildenden Schulen in Hamburg ist auf den folgenden Karten, sortiert nach Bezirken, dargestellt (für die Berufsschulen liegen uns aktuell keine Daten vor). Rötliche Symbole markieren Schulen mit keinem oder schlechtem Internet (unter 1 Mbit/s, bis 10 Mbit/s und bis 50 Mbit/s). Grüne Symbole erhalten Schulen mit schnelleren Anschlüssen (bis 100 Mbit/s). Breitbandanschlüsse mit mehr als 100 Mbit/s sind dunkelgrün markiert.

Aktuell ist keine einzige der knapp 350 allgemeinbildenden Schulen in Hamburg mit mehr als 100 Mbit/s an das Internet angebunden, weswegen sich auch kein einziges dunkelgrünes Symbol auf diesen Karten finden lässt.

Hier finden Sie weitere Infos sowie eine interaktive Karte.

Ansprechpartner

GEW Hamburg

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