Schulfach Nationalsozialismus

(bikl) Mit Zurückhaltung ist die Forderung des Zentralrats der Juden nach einem zusätzlichen Schulfach über die Nazi-Zeit von der Kultusministerkonferenz und den Lehrerverbänden aufgenommen worden.

04.07.2006 Artikel

Es sei dringend notwendig, den Geschichtsunterricht neu zu gestalten, weil das Thema Nationalsozialismus darin viel zu kurz komme, hatte die Präsidentin des Zentralrats, Charlotte Knobloch zu Beginn der Woche gegenüber der Netzeitung erklärt und dafür plädiert, diesen Bereich der jüngsten deutschen Geschichte aus dem regulären Geschichtsunterricht auszugliedern. "Das Thema Nationalsozialismus könnte ein eigenes Schulfach sein. Das müsste gesetzlich so geregelt werden, dass es bundesweit gilt", sagte sie. Außerdem komme das Thema Nationalsozialismus vor allem in Ostdeutschland in den Schulen derzeit viel zu kurz, weil es dort immer noch Lehrkräfte gebe, die über die NS-Vergangenheit "fast überhaupt nichts wissen".

KMK: Dialog über Neugestaltung

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Ute Erdsiek-Rave (SPD), zeigte sich offen für mögliche Neuerungen an der Art der Holocaust- Vermittlung. In einem Dialog mit dem Zentralrat könne über die Frage einer zeitgemäßen didaktischen Neugestaltung des Unterrichts über den Holocaust diskutiert werden - vor allem angesichts neuer politischer Herausforderungen wie der multikulturellen Zusammensetzung der Klassen und des Rechtsextremismus, erklärte sie ebenfalls in der Netzeitung.

Gleichzeitig betonte sie aber, dass der Holocaust auch in anderen Fächern wie Deutsch, Politik/Sozialkunde, Ethik, Religion thematisiert werde. "Ob ein eigenständiges Fach Nationalsozialismus diese vielfältigen Fachbezüge adäquat auffangen kann, erscheint fraglich", so Erdsiek-Rave. Nationalsozialismus und der Holocaust seien verpflichtender, integraler und ausführlicher Bestandteil des Geschichtsunterrichts in allen Schulformen. "Es verlässt keine Schülerin bzw. kein Schüler die Schule, ohne etwas über dieses Kapitel deutscher Geschichte erfahren zu haben", so Erdsiek-Rave.

GEW: Gesamtkonzept Menschenrechtsbildung

Sie teile die Ziele der Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Rassismus und Rechtsextremismus mit allen Mitteln auch an der Schule zu bekämpfen, betonte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in einer ersten Stellungnahme. Gleichzeitig nahm sie aber auch die Lehrer in Schutz. Die pauschalen Vorwürfe gegen Lehrpläne und Lehrkräfte halte sie für nicht gerechtfertigt, sagte die stellvertretende GEW-Vorsitzende Marianne Demmer und bezeichnete die Forderung nach einem ausgegliederten Unterrichtsfach "Nationalsozialismus" als kontraproduktiv.

Nationalsozialismus und Holocaust seien in allen Bundesländern und allen Lehrplänen ab dem achten, neunten Schuljahr sowie in der Oberstufe fest und ausreichend verankert. Dies gelte auch für die Schulen und Lehrkräfte in den östlichen Bundesländern. "Diese unter Generalverdacht der Unkenntnis zu stellen, verkennt vollständig, dass nach der deutschen Vereinigung ein enormer Nachholbedarf bestand", betonte Demmer. Statt eines zusätzlichen Faches sei ein "Gesamtkonzept Menschenrechtsbildung" sinnvoll, das Fächer übergreifend angelegt ist und am besten bereits im Kindergarten ansetzt.

Deutscher Lehrerverband: Defizite im Osten

Als "falsch und nicht gerechtfertigt" bezeichnete der Deutsche Lehrerverband (DL) die Forderung nach einem bundesweit einheitlichen Schulfach zum Thema Nationalsozialismus. "Keine Epoche der deutschen Geschichte wird so intensiv an deutschen Schulen behandelt wie der Nationalsozialismus", sagte DL-Präsident Josef Kraus der Netzeitung. Gleichwohl räumte Kraus Defizite beim Geschichtsunterricht in den neuen Bundesländern ein.


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