Interview

„Schulen sind keine Inseln“

Schulleitungen können echte Veränderungen herbeiführen, müssen aber sehr viele Baustellen gleichzeitig bearbeiten. Wie sich diese Aufgabenvielfalt bewältigen lässt und wann es klüger ist, einfach die Feuerwehr zu rufen, erklärt Christiane Meyerjürgens im Interview. Von Roman Eisner

19.09.2025 Bundesweit Artikel mobile.schule Magazin
  • Gruppe Erwachsener in einer Fortbildung. © Adobe Stock Schulleitungen müssen ein breites Aufgabenspektrum abdecken.

mobile.schule: Mit Ihrer langjährigen Erfahrung als Lehrerin und Schulleiterin – Was macht eine gute Schulleitung aus?

Christiane Meyerjürgens: Eine gute Schulleitung hat eine Vision – also eine Vorstellung davon, wo ihre Schule zu einem gewissen Zeitpunkt in der Zukunft stehen soll. Zudem ist es in der heutigen Zeit unerlässlich, dass eine Schulleitung über Teamfähigkeiten verfügt. Niemand sollte die Illusion haben, eine Schule ganz allein leiten zu können. Dafür sind die Herausforderungen zu groß und auch die persönlichen, gesundheitlichen Ressourcen einer einzelnen Person zu gering. Die Schulleitung ist zwar oft der Flaschenhals für Innovationen, die in die Schulen gelangen, aber auch sie hat nur einen Kopf zum Denken. Wenn mehrere Menschen eines Umfelds ihre Energien bündeln, werden Prozesse und Entscheidungen immer kreativer und besser. Dabei dürfen auch Fehler passieren.

Braucht es in der Schulleitung eine andere Fehlerkultur?

Meyerjürgens: Natürlich dürfen auch die Verantwortlichen in Schulen Fehler machen. Eine Schulleitung ist nicht der Messias und sollte auch nicht als Heilsbringer angesehen werden. Fehler sind dazu da, um zu lernen und um sich weiterzuentwickeln. Diese Einstellung gilt im Übrigen für den Lernprozess im Allgemeinen und damit auch für Schüler/ -innen. Damit Veränderung und Innovation gelingen, braucht es Freiräume zum Ausprobieren neuer Wege und zum Korrigieren der eigenen Entscheidungen. Dafür müssen Schulleitungen ihr Kollegium und ihr engstes Team an entscheidenden Punkten miteinbeziehen und mitnehmen. Trotzdem gibt es auch Augenblicke, in denen sich Schulleitungen nicht bremsen lassen dürfen, wenn sie voll hinter einer Sache stehen – man kann nie darauf zählen, alle Beteiligten zu überzeugen.

Christiane Meyerjürgens ist Referentin für Qualifizierungskonzepte und Schulentwicklung und konzeptioniert Fortbildungsformate für Schulleitende für Westermann und mobile.schule. Davor war sie lange Jahre Schulleiterin und Lehrerin an Primar­- und Sekundarschulen im staatlichen und privaten Schulwesen in Niedersachsen.

Die kritische Masse, um Veränderungsprozesse anzugehen, liegt bei circa 15 Prozent – da lohnt es sich, auch mit einem kleinen Teil des Teams neue Schritte zu gehen. Zum richtigen Zeitpunkt hartnäckig zu bleiben und das Ziel nicht aus dem Blick zu verlieren, gehört auch zu den Aufgaben einer Schulleitung.

Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, zunehmende Heterogenität, sinkendes Kompetenzniveau, marode Schulgebäude: Wie können Schulleitungen bei der Vielzahl an Herausforderungen ihren Aufgaben gerecht werden?

Meyerjürgens: Das geht nur, wenn sie ihre Kernaufgaben klar definieren. Schulleitung besteht zu einem großen Anteil aus reiner Verwaltung. Dadurch verschieben sich die Ressourcen und es bleibt weniger Raum für das, was Schulen eigentlich brauchen: Schulentwicklung. Das gelingt nur mit einer vernünftigen Personaldecke und passenden Strukturen. Gerade an staatlichen Schulen ist das aktuell schwierig. An manchen Grundschulen zum Beispiel ist das Team sehr klein. Wenn dann noch jemand ausfällt, geht es erst einmal nur darum, das tägliche Business überhaupt am Laufen zu halten. Schulentwicklung? Das geht dann in aller Regel nur in der Freizeit.

Wie sollte Schulentwicklung eigentlich ablaufen?

Meyerjürgens: Schulentwicklung funktioniert nur im Team aus Schulleitung und Kollegium. Wir müssen unsere Schülerinnen und Schüler auf die Zukunft vorbereiten, das ist unsere Aufgabe. Dafür müssen wir 10 oder 15 Jahre weiterdenken und erahnen, welche Skills unsere Kinder und Jugendlichen brauchen werden, damit sie zukunftsfähig sein können. Wenn ich mich als Schulleitung aufgrund der prekären Umstände nur auf das Hier und Jetzt konzentrieren kann, ist eine solche Entwicklung nicht möglich und die Schule bleibt stecken und den Schülerinnen und Schülern werden Chancen genommen.

Inwiefern würde es weiterhelfen, wenn Schulleitungen von Verwaltungsaufgaben entlastet werden?

Meyerjürgens: Das wäre ein großer Gewinn, denn mittlerweile nimmt die Verwaltung einen überwiegenden Teil der Arbeitszeit ein. Es geht hier um Dinge wie Personaleinsatzplanung, um den Umgang mit Langzeiterkrankungen, die Umsetzung von amtlichen Erlassen, die Kommunikation mit Behörden, Änderungen von Lehrplänen und den normalen E-Mail-Verkehr mit Kollegen, Eltern und anderen Ansprechpartnern. Oder auch kleine alltägliche Dinge, wenn zum Beispiel ein Dauerregen den Schulhof unter Wasser setzt und der Hausmeister außer Haus ist, wird die Schulleitung verständigt. Als Schulleitung kannst du auch nur die Feuerwehr verständigen. Letztendlich landet alles bei der Schulleitung, wenn keiner mehr da ist, der es sonst lösen kann oder nicht bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Eine Entlastung von allgemeinen Verwaltungsaufgaben wäre absolut wünschenswert und der Schulentwicklung zuträglich.

Eine Umfrage der GEW Bayern vom Januar unter 700 Schulleitungen zeigt: 80 Prozent geben an, dass sie den ganzen Tag in hohem Tempo arbeiten, 70 Prozent können selten oder nie ihre Pausenzeiten einhalten. Wie können Schulleitungen diesen Belastungen standhalten?

Meyerjürgens: Sie müssen definitiv Strategien für die eigene Resilienz haben oder zulegen, das ist unerlässlich. Man ist aber auch eine bestimmte Art Mensch, wenn man sich auf eine Stelle als Schulleitung bewirbt. Viele tragen den Innovationsgedanken in sich – dieses innere Feuer, wirklich etwas bewegen zu wollen. Eine Schule zu leiten, ist auch mit vielen Freiräumen und Möglichkeiten verbunden, das treibt einen an und hilft, mit den Belastungen zurechtzukommen. Ein Organisationstalent zu sein, hilft dabei natürlich auch. Arbeitszeit im Lehrberuf ist eben anders definiert als in anderen Branchen, das gilt auch für Schulleitungen, 50- oder 60-Stundenwochen sind normal.

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Viele Experten plädieren dafür, dass sich die Strukturen an Schulen und in Schulleitungen verändern müssen, um echte Schulentwicklung zu ermöglichen.

Meyerjürgens: Ja, Schulen sind alte Verwaltungsapparate mit traditionellen behördlichen Arbeitsweisen, sie sollten aber funktionieren wie Unternehmen. Wenn wir zum Beispiel aktuell überall von Leadership an Schulen lesen, dann sind das Kompetenzen, die in der Wirtschaft schon lange etabliert sind. An den Schulen sind Fax-Geräte immer noch weit verbreitet. Wenn die Chefetage in der Entwicklung Jahre zurückhängt, wird es natürlich schwer, Prozesse sinnvoll ins Team weiterzugeben. Gleichzeitig kommen aber aus dem Kollegium und der Schülerschaft moderne Anforderungen und Druck an die Schulleitungen. So entsteht eine Diskrepanz, mit der die Schulleitung umgehen muss.

Wie lässt sich dieser Graben überbrücken?

Meyerjürgens: Das ist nicht einfach, denn in Schulleitungen sitzen keine ausgebildeten Manager, sondern Lehrkräfte, die diesen Beruf gewählt haben, weil sie mit Menschen arbeiten und Kindern und Jugendlichen etwas beibringen wollen. Es braucht deshalb hochwertige Qualifikationsmaßnahmen, im besten Fall schon vor dem Eintritt in die Schulleitung. Einige Bundesländer bieten solche Vorqualifizierungen an. Dies erhöht auch die Transparenz und schützt vor dem Realitätsschock. Schulleitungen können sich auch Coachings und Beratung von außen holen und gezielt Expertinnen und Experten in die Schule einladen, die sie bei der Organisation, der Schulentwicklung und Veränderungsprozessen unterstützen. Das hängt aber von der Frage ab, ob das Budget der Schule das hergibt. Vielerorts läuft es leider immer noch darauf hinaus, dass sich die Schulleitung die Managementskills selbst zulegen muss.

Haben Sie diese Erfahrung als Schulleiterin selbst gemacht?

Meyerjürgens: Ja, ich habe mir damals das meiste selbst erarbeitet, indem ich immer neugierig war, neue Dinge zu lernen. Dabei habe ich mich auch an der Wirtschaft orientiert. Mein Hauptziel war es, junge Menschen zu begleiten und Bildungsprozesse zukunftsfähig zu gestalten. In der Schulleitung habe ich teilweise die Geschwindigkeit vermisst, ich wollte schneller im Prozess vorwärtskommen und dabei natürlich das Team mitnehmen. Oft waren dann die starren Strukturen die Bremsklötze. Wie es trotzdem klappen kann, kann ich jetzt im Rahmen meiner neuen Tätigkeit an andere Schulleitungen weitergeben. Ich schaue, was die Schulleitungen brauchen und wo wir sie unterstützen können. Unser großes Netzwerk soll Schulleitungen dazu animieren, sich viel intensiver miteinander auszutauschen. Schulen sind schon lange keine Inseln mehr, Schulleitungen müssen sich austauschen, über ähnliche Herausforderungen, aber auch über Best Practices. Man lernt nichts, wenn man nur vor seinen eigenen Notizen sitzt und allein vor sich hingrübelt.

Brauchen Schulleitungen denn andere Fortbildungen und Unterstützungsangebote als Lehrkräfte?

Meyerjürgens: Ja, Lehrkräfte wollen vor allem praktische, handlungsorientierte Inhalte für den Unterricht. Schulleitungen achten bei solchen Fortbildungsangeboten stärker auf den Zeitfaktor mit maximalem Input – einfach deswegen, weil sie wenig Zeit haben. Das Thema muss also so interessant und vielversprechend sein, dass Schulleitungen dafür gerne ihre Zeit investieren. Je nach Schulform und Schulgröße brauchen Schulleitungen auch eine etwas andere Ansprache. Für viele Schulleitungen ist neben den Leadership-Themen aktuell das Startchancen-Programm interessant, weil das bei vielen anfangs eine Überforderung ausgelöst hat. Das Programm ist aber eine riesige Chance, finanzielle Unterstützung zu erhalten, eine Schule in herausfordernder Lage wirklich zu verändern und junge Menschen besser zu fördern. Natürlich ist das für Schulleitungen und die Teams mit hohem Dokumentationsaufwand verbunden. Aber hier können sie sich Unterstützung holen, etwa beim Prozessmanagement: von der Standortbestimmung über die Zielvereinbarungen bis hin zur Fördermittelwahl. Schulleitungen müssen all das nicht allein bewältigen, sofern sie sich Unterstützung holen wollen.

Dieses Interview ist zuerst im mobile.schule Magazin Ausgabe 3/2025, S. 4-7, erschienen.



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