Sicherheitsschleusen sind keine Lösung

Gewalt in der Schule – bisher gab es sie vor allem in großstädtischen Problemgebieten. Und jetzt? Orte wie Hildesheim, Walpertskirchen, Coburg und Prüm rücken in den Fokus der Medien. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht ein neuer Fall von schulischem Mobbing öffentlich wird. Was ist los mit unseren Kindern und Jugendlichen? Fehlen ihnen Zucht und Ordnung? Der Hamburger Journalist Steffen Gippner über den Umgang mit Gewalt.

16.04.2004 Pressemeldung Ernst Klett Verlag GmbH

Zäune, Sicherheitsschleusen, Metalldetektoren, Videokameras, Sicherheitsbeamte – Alltag in vielen Städten der USA, seit am 20. April 1999 die Jugendlichen Eric Harris und Dylan Klebold an der Columbine High School in Littleton (Colorado) zwölf Mitschüler und einen Lehrer erschossen haben. Verwundert betrachtet wurde das Sicherheitsaufgebot diesseits des Atlantik belächelt. Bis Erfurt kam. Nach dem tödlichem Amoklauf des Schülers Robert Steinhäuser am Erfurter Gutenberg-Gymnasium (2002) träumten manche Politiker auch hierzulande von Überwachungsschulen. Dabei gibt es keinen Grund für solchen Aktionismus. "Die Schule ist immer noch ein sicherer Hort", sagt Prof. Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). Viel gefährdeter seien Kinder und Jugendliche auf der Straße, wo ihnen der Schutz eines Lehrers oder befreundeter Schüler fehle.

Jugendkriminalität rückläufig

Überhaupt, so der Kriminologe, ist die Jugendkriminalität und mit ihr die Gewalt an Schulen in den vergangenen Jahren gesunken. Dass nun immer mehr Gewaltexzesse bekannt werden, führt Pfeiffer auf die veränderte Wahrnehmung in der Gesellschaft zurück: "Heute reagieren Eltern viel sensibler, wenn ihre Kinder geschlagen werden, und beschweren sich."

In den 1960er-Jahren galten Schulprügel noch als Kavaliersdelikt. Wer mit einer aufgeplatzten Lippe oder einem Veilchen nach Hause kam, hörte nur: "Na, wohl wieder eine große Klappe gehabt? Da musst du durch." Diese unter Eltern damals verbreitete Ansicht ist heute selten – glücklicherweise.

Doch wenn Gewalt mehrheitlich verteufelt wird, wie kann es dann heute an Schulen in Hildesheim und anderswo zu solchen Brutalitäten kommen? "Wir haben 40 Jahre Verständnisbildung hinter uns. Das hieß bei den Eltern: Kinder müssen immer nur verstanden werden. Doch das funktioniert nur zu 50 Prozent. Die anderen 50 Prozent müssen Konfrontation sein: Das Kind muss mit dem konfrontiert werden, was es getan hat. Und das wurde in der Vergangenheit viel zu oft versäumt", fasst der Hamburger Erziehungswissenschaftler Prof. Peter Struck das Dilemma zusammen.

Kinder an die Kandare?

Also müssen unsere Kinder doch wieder mehr an die Kandare genommen werden? Fachleute meinen: Jein! Das größte pädagogische Defi zit besteht darin, dass Eltern denken, sie könnten ihre Kinder mindestens bis zur Volljährigkeit positiv beeinfl ussen. Ein Irrglaube, denn wenn der Nachwuchs zwischen elf und dreizehn ist, wird Vater und Mutter das Heft aus der Hand genommen. Dann werden Gleichaltrige zur Richtschnur in der Erziehung. Eltern müssen also schon früh die Weichen stellen, damit der Filius in der Schule nicht zu Godzilla mutiert. Oder wie Struck sagt: "Wenn ein Kind nicht vom vierten Lebensjahr an gelernt hat, angemessen auf ein aktuelles Problem zuzugehen, dann ist es später zu schwer für dieses Kind, auf das Problem zuzugehen." Das funktioniert nur, wenn Eltern die Problembewältigung vorleben: Schlagen, schreien, demütigen sind tabu, aber die Regeln des sozialen Zusammenlebens in einer Familie müssen befolgt werden. Dafür gibt es dann auch Anerkennung. Und wer über die Stränge schlägt, muss auf Annehmlichkeiten und das Lob der anderen verzichten.

Ein Prinzip, das an vielen Schulen erfolgreich bei Auseinandersetzungen eingesetzt wird: Im Konfl ikttraining verurteilen die gewaltlosen Schüler die Tat des Gewalttäters. Das geschieht offen in der Klasse. Der Prügler muss verstehen, dass seine Tat nicht die Zustimmung der Mehrheit fi ndet. Die Masse distanziert sich von ihm und seinem Tun. Aber nur solange er sein Vergehen nicht einsieht. Bereut er, muss das auch anerkannt werden.

Kinder, die diese gewaltlose Problembewältigung zu Hause nicht vorgelebt bekommen, suchen sich eine von vier Ausweichmöglichkeiten: Angst, Sucht oder Krankheit (Autoaggressionen, selbst verletzendes Verhalten) oder Gewalt (Aggression, verletzendes Verhalten). Die ersten drei Varianten ordnen Erziehungswissenschaftler vor allem Gymnasiasten und insbesondere Mädchen zu. Körperliche Gewalt ist fast ausschließlich ein Jungenproblem und meistens an Haupt-, Real- und Berufsschulen zu finden.

Gewalt in allen Schichten

Aber auch Grundschüler neigen inzwischen verstärkt zu Mobbing und Gewalt – ein Zeichen dafür, dass der Aufbau eines stimmigen Weltbildes für das Kind mit sozialen Werten wie Respekt, Mitgefühl, Freundschaft, Rücksichtnahme, Loyalität und Solidarität in vielen Familien vernachlässigt wird. Und zwar nicht mehr nur in den so genannten "Milieu geschädigten" Familien, wo Schläge und soziale Kälte zum Alltag gehören.

Viele Schüler aus Prügelgangs kommen aus scheinbar wohl situierten Elternhäusern. Denn hier tritt neben die beeinflussenden Faktoren "Eltern", "Lehrer" und "Gleichaltrige" noch eine nicht zu unterschätzende Triebkraft, die oft die Hälfte des Tages den Erziehungsauftrag übernimmt: gemeint sind die Medien, speziell die Glotze. Der Bielefelder Jugendforscher Prof. Klaus Hurrelmann hat beispielsweise festgestellt, dass Schüler bis zum 12. Jahrgang mehr Stunden vor dem Fernseher als in der Schule verbracht haben. Wenn dann die boxenden und schießenden TV-Helden auch noch in der Schule die Hoheit in den Köpfen der Kinder und Jugendlichen gewinnen, ist Gewalt kaum aufzuhalten.

Fazit: Gewalt an der Schule beginnt nicht erst im Klassenzimmer oder auf dem Pausenhof. Deshalb können Lehrer nur bedingt – und nur im Zusammenwirken mit Eltern – Konflikte zwischen Schülern lösen.

Hintergrund:

Was kann gegen Gewalt an Schulen getan werden? Es gibt viele wirkungsvolle Präventionsprogramme gegen schulische Gewalt. Eines der erfolgreichsten stammt von dem norwegischen Psychologen Dan Olweus und ist in drei Ebenen eingeteilt

Schulebene:

  • Schüler füllen anonym Fragebögen aus, um das Ausmaß von Mobbing und Gewalt an der jeweiligen Schule festzustellen.
  • Die Fragebögen-Ergebnisse werden an einem "Pädagogischen Tag" ausgewertet und erste Maßnahmen beschlossen.
  • Eine Schulkonferenz verabschiedet ein Programm "Gewaltprävention".
  • Die Pausenaufsicht wird verbessert und ein Kontakttelefon eingerichtet, über das Betroffene ihre Probleme mit Gewalt schildern können.
  • Die Kooperation zwischen Eltern und Schule wird intensiviert, und Arbeitsgruppen der Elternbeiräte zum Thema Gewalt entstehen.

Klassenebene:

  • Schüler und Lehrer vereinbaren gemeinsam Regeln gegen Gewalt. Lob und Tadel werden festgelegt.
  • In regelmäßigen Klassengesprächen wird die Einhaltung dieser Regeln überprüft.
  • Kooperatives Lernen wird eingeführt: Mögliche Konkurrenten arbeiten an gemeinsamen Projekten.
  • Das Thema Gewalt wird handlungsorientiert behandelt, z.B. werden typische Konfl iktsituationen in Rollenspielen aufgearbeitet.

Individuelle Ebene:

  • Lehrer führen intensive Gespräche mit Tätern und Opfern Lehrer sprechen mit den Eltern beider Seiten.
  • Familien mit Erziehungsproblemen wird u. a. die Hilfe des Schulpsychologen angeboten.
  • Eltern von Tätern und Opfern werden in Diskussionsgruppen zusammengeführt.
  • Erst wenn alle Maßnahmen versagen, kommt es zum Klassen- oder Schulwechsel betroffener Schüler.

Autor:

Steffen Gippner
Am Fuchsberg 2
21423 Winsen (Luhe)
Telefon: 0 41 73-86 03
Mail:

Service:

Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz e.V. (BAJ)
Tel. 030-400 40 300
www.bag-jugendschutz.de

Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e.V.
Tel.: 0511 - 30 485-0
www.kinderschutzbund.de

DKSB BundesArbeitsGemeinschaft Kinder- und Jugendtelefon e.V.
Tel. 0202-25 90 59-0
www.kinderundjugendtelefon.de

Heidelberger Präventionszentrum
Tel. 06221-91 44 22
www.faustlos.de

Dachverband Mobile Jugendarbeit Stuttgart
Tel. 0711-601 703 10
www.mobile-jugendarbeit-stuttgart.de

Adressen schulpsychologischer Dienste im Internet unter:
www.schulpsychologie.de

Ansprechpartner

Ernst Klett Verlag GmbH
Anja Vrachliotis
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Rotebühlstraße 77
70178 Stuttgart
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Web: www.klett.de/


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