„Sprache nicht mit Zwang beibringen“

(bikl) Deutschpflicht, ein Porträt des Bundespräsidenten Horst Köhler und die Bundesflagge in den örtlichen Kindergärten – das, was die hessische Gemeinde Dietzenbach in der vergangenen Woche beschlossen hat, stößt mehr und mehr auf Ablehnung und Unverständnis.

10.10.2006 Artikel

Mit den Stimmen der regierenden CDU-Fraktion, der FWG und einer Abgeordneten der Republikaner hatten die Dietzenbacher Stadtverordneten beschlossen, dass "die deutsche Sprache als einzige Umgangssprache" gelten soll. Außerdem sollen in Zukunft in den Kindergärten ein Porträt des Bundespräsidenten und die Deutschlandfahne angebracht werden. Darüber zeigte sich allerdings selbst der amtierende CDU-Bürgermeister Stephan Gieseler nicht gerade erfreut. Hessen– und bundesweit aber erntete der Beschluss mehr als nur ungläubiges Kopfschütteln.

So forderte die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD), die Entscheidung zu revidieren und beklagte eine "Stigmatisierung der Kinder mit Migrationshintergrund".

"Inkompetenz für frühkindliche Bildung"

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Hessen erklärte, die Erzieherinnen in der GEW Hessen seien fassungslos über den Beschluss der Dietzenbacher Stadtverordnetenversammlung. „Die Abgeordneten von CDU, FWG und Republikanern, die gemeinsam diesen Beschluss zu verantworten haben, machen in wirklich beeindruckender Weise ihre Inkompetenz für frühkindliche Bildung deutlich,“ kritisiert der hessische GEW-Vorsitzende Jochen Nagel. Kleinen Kindern, die noch erhebliche Schwierigkeiten mit Deutsch hätten, ihre Herkunftssprache zu verbieten, bedeute, ihnen den Mund zu verbieten, so Nagel. Wer zum Schweigen gezwungen werde, könne nichts Neues lernen.

Trost in der Muttersprache

Die Frankfurter Schuldezernentin Jutta Ebeling sagte, in speziellen Fällen, besonderes während der Eingewöhnung der Kinder in den Kindergarten, sei es sinnvoll, wenn die Erzieherinnen den Kleinen in ihrer Muttersprache Trost spenden könnten, deshalb suche Frankfurt mehr Erzieherinnen mit Migrationshintergrund.

"Kulturelle Hintergründe bestärken"

„Die Politik muss dieses Feld endlich den Fachleuten überlassen", wird der bekannte Frühpädagoge und Präsident des Didacta Verbands, Professor Dr. Dr. Dr. Wassilios E. Fthenakis, heute in der taz zitiert. Studien zeigten, dass Kleinkindern keine Sprache mit Zwang beigebracht werden könne. Man solle die Kinder vielmehr in ihren verschiedenen kulturellen Hintergründen bestärken und ihnen auf dieser Grundlage Deutsch beibringen, so Fthenakis.

Beispiel: Gelsenkirchen

Ein Konzept, das die Stadt Gelsenkirchen übrigens schon vor Jahren erfolgreich umgesetzt hat. Als man dort feststellte, dass 40 Prozent der Kinder in den städtischen Vorschuleinrichtungen überwiegend mit der Muttersprache Türkisch aufwachsen, wurde ein „Konzept zur interkulturellen Erziehung“ entwickelt. Unter anderem mit dem Ziel, die Zweisprachigkeit der ausländischen Kinder anzuerkennen und zu fördern. So arbeitete in jedem Team der 23 Kindergärten des Projekts eine bilinguale Erzieherin. Weit mehr als im üblichen Kindergartenalltag wurden in diesen Einrichtungen zusätzliche Sprachanlässe für die Kinder geboten. Die positiven Rückmeldungen aus den angrenzenden Grundschulen belegten den Erfolg des Projekts - ganz ohne Deutschpflicht und Flaggenzwang.


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