Sprechzettel von Ministerin Barbara Sommer zur Pressekonferenz am 19.08.2008 "Schuljahresbeginn und Auswertung des Zentralabiturs 2008"

- Zentral-Abitur 2008 führt zum besten Abiturergebnis seit 1992 - Deutliche Unterschiede zwischen Gymnasien und Gesamtschulen - Einführung eines Sachverständigenrats zur Fehlervermeidung

19.08.2008 Nordrhein-Westfalen Pressemeldung Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen

Fakten zum Schuljahresbeginn

Das neue Schuljahr ist vor acht Tagen gestartet. Die rund 2,84 Millionen Schülerinnen und Schüler finden dabei Voraussetzungen vor, die sich im Vergleich zum Vorjahr noch einmal deutlich verbessert haben:

  • Für dieses Schuljahr haben wir 494 Lehrerstellen neu geschaffen. Insgesamt hat sich die Zahl der zusätzlichen Lehrerstellen im Vergleich zur Regierungsübernahme um 5.084 verbessert.
  • Die Schüler-Lehrer-Relation hat sich im Vergleich zum Jahr 2005, als ein Lehrer im Durchschnitt 18,59 Schülerinnen und Schüler betreuen musste, auf 17,49 verbessert. Jeder Lehrer betreut im Durchschnitt heute einen Schüler weniger als vor drei Jahren.
  • Zum Schuljahresbeginn sind 82 Hauptschulen in erweiterte Ganztagshauptschulen umgewandelt worden. Insgesamt arbeiten 325 von 718 Hauptschulen im Ganztag, also fast jede zweite Hauptschule.
  • In den Grundschulen gibt es jetzt 184.000 Ganztagsplätze. Das sind 113.000 mehr als noch vor drei Jahren. Diese Zahlen zeigen: Die Landesregierung unternimmt enorme Anstrengungen, um die Unterrichtsversorgung, die individuelle Förderung und die Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter zu verbessern. Diesen Weg werden wir konsequent weiter beschreiten.

Auswertung Zentralabitur

Die Evaluation des Zentral-Abiturs 2008 liegt nun vor. Sie ist entstanden in Abstimmung mit Prof. Dr. Detlev Leutner von der Universität Duisburg-Essen. Ich danke allen Lehrerinnen und Lehrern für ihre Professionalität und ihr Verantwortungsbewusstsein. Ich freue mich mit allen Abiturienten über die tolle Leistung. In diesem Jahr haben 74.000 Schülerinnen und Schüler am Zentralabitur teilgenommen. 97,4 Prozent von ihnen haben das Abitur bestanden. Damit sank der Anteil derjenigen, die das Abitur nicht bestanden haben, von 2007 auf 2008 um einen Prozentpunkt von 3,6 Prozent auf 2,6 Prozent. Die Abiturienten haben das beste Ergebnis erreicht seit dem Beginn der Dokumentation der Abiturergebnisse im Jahr 1992:

  • Der Notendurchschnitt lag bei 2,63 (2007: 2,64).
  • Die Zahl der Spitzen-Abiturienten mit der Bestnote 1,0 als Abiturdurchschnitt ist gegenüber 2007 nochmals leicht gestiegen. Bereits bei einer Rückmeldequote von ca. 90 Prozent haben 380 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten und 12 Gesamtschülerinnen und -schüler diese Traumnote erreicht, also insgesamt 392. Es kann daher davon ausgegangen werden, dass die Vorjahreszahl von 419 Schülerinnen und Schülern übertroffen wird.

Die Evaluation der dezentralen Prüfungen der Vorjahre hat regelmäßig Abweichungen nach unten zwischen den Durchschnittsnoten der Klausuren in der Qualifikationsphase und den Noten der Abiturklausuren ergeben. Es zeigt sich jetzt im zentralen Verfahren für die Gymnasien eine Tendenz zu besseren Prüfungsergebnissen.

Insgesamt bestätigen die Ergebnisse eine qualitätsbewusste Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler auf die Abiturprüfungen. Erste Rückmeldungen aus den Schulen bestätigen zudem ausdrücklich, dass sich die Aufgabenstellungen und Bewertungskriterien positiv weiterentwickelt haben. Dies belegen auch die deutlich geringere Zahl an Rückmeldungen über die Postfächer oder Anfragen bei der Hotline (2007: 673 Anrufe, 2008: 470 Anrufe) während der Prüfungs- und Korrekturphase. Die Evaluation der Ergebnisse zeigt: Der Abiturjahrgang 2008 in Nordrhein- Westfalen hatte gute Voraussetzungen, den Abschluss mit einem guten Ergebnis zu schaffen.

Leistungsunterschiede zwischen Gymnasien und Gesamtschulen

Auffällig ist:

  • Die Durchschnittsnote an den Gymnasien liegt bei 2,59. An den Gesamtschulen liegt sie bei 2,87.
  • Die Durchfallerquote an den Gymnasien beträgt 1,8 Prozent. An den Gesamtschulen fallen 6,7 Prozent durch.
  • An den Gymnasien weichen die Prüfungsnoten von den Durchschnittsnoten der Klausuren in der Qualifikationsphase in der Regel leicht nach oben ab (Ausnahme Physik: -0,4 Punkte). An den Gesamtschulen ergeben sich Abweichungen nach unten von bis zu 2,9 Punkten, insbesondere in Mathematik und Physik.

Selbstverständlich darf man nicht alle Gesamtschulen über einen Kamm scheren. Es gibt zahlreiche Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen, an denen gute Arbeit geleistet wird und auch gute Ergebnisse erzielt wurden.

Wir dürfen aber die grundlegenden Probleme an den Gesamtschulen bei der Vorbereitung ihrer Schüler auf das Abitur nicht mehr länger ignorieren. Deshalb werden wir durch strukturierte und zielorientierte innerschulische und externe Maßnahmen die Schulentwicklung und die fachbezogene Unterrichtsentwicklung fördern.

Jahrelang haben sich die SPD-Vorgängerregierungen die Gesamtschulen aus ideologischen Gründen schön geredet. Angesichts der Leistungsunterschiede zwischen Gymnasien und Gesamtschulen ist es für mich nicht nachvollziehbar, dass die SPD weiter an ihrem Konzept der Einheitsschule festhält und die Gymnasien in Nordrhein-Westfalen abschaffen will. Das ist eine unverantwortliche und nur von Ideologie geprägte Politik auf dem Rücken unserer Kinder.

Wir halten am bewährten Schulsystem fest und entwickeln es kontinuierlich fort. Die Fakten belegen jetzt:

  • Anstatt den Schülerinnen und Schülern neue Chancen zu eröffnen, schaffen es die Gesamtschulen bislang nicht, ihre Schülerinnen und Schüler auf ein vergleichbares Leistungsniveau zu bringen wie die Gymnasien.

Ich kann das häufig vorgebrachte Argument einer schwierigeren Sozialstruktur der Schüler an den Gesamtschulen nicht mehr hören. Was ist das für eine Einstellung, wenn man die Schuld für Probleme auf die Herkunft der eigenen Schüler abwälzt? Ich bin der Ansicht, dass die Schülerinnen und Schüler ein Abitur in der Tasche haben müssen, das sich nicht in Light-Version und Normal-Maßstab aufgliedert. Wir wollen die Leistungen der Schülerinnen und Schüler an den Gesamtschulen verbessern. Deswegen bieten wir Fördermaßnahmen an für die Gesamtschulen – aber auch für die Gymnasien, an denen ebenfalls deutliche Abweichungen festgestellt wurden.

Folgende Konsequenzen sind vorgesehen:

  • Mehr Unterricht: Die Gesamtschule wird ihre Schülerinnen und Schüler nach wie vor in neun Jahren zum Abitur führen. Damit hat sie 25 Wochenstunden mehr als das Gymnasium. Wir haben zudem das Stundenvolumen in allen Schulformen der Sekundarstufe I erhöht.
  • Mehr Information: Den Schulen werden ihre jeweiligen Ergebnisse aus den zentralen Abiturprüfungen und die vorliegenden Auswertungen auf Landesebene vorgelegt. Die Schulleitungen sollen diese Informationen in den Mitwirkungsgremien vorstellen und gemeinsam mit ihnen Maßnahmen der Schul- und Unterrichtsentwicklung ergreifen.
  • Mehr Beratung: Jede Bezirksregierung muss auf der Basis der schulbezogenen Daten ein Konzept sowie einen Zeitplan für das Schuljahr 2008/09 zur schul- und fachaufsichtlichen Beratung an Schulen mit ausgewiesenen Problemen vorlegen. Im Rahmen der Beratungen der Schulen werden Zielvereinbarungen, Unterstützungsangebote und Verfahren der Überprüfung und Ergebnissicherung verbindlich festgelegt.
  • Mehr Fortbildung: Es wird bedarfsorientierte Fortbildungsangebote geben, die in das Gesamtkonzept der schulaufsichtlichen Maßnahmen einbezogen werden. Die obere Schulaufsicht führt dazu ein Controlling durch und berichtet darüber dem Ministerium für Schule und Weiterbildung.
  • Mehr Abstimmung: Die Ergebnisse der Abiturevaluation und geplante Maßnahmen werden zeitnah mit Schulaufsicht, Schulleitervereinigungen und Verbänden kommuniziert, um die Problemsicht zu schärfen und Entwicklungsund Unterstützungsvorhaben bedarfsorientiert abzustimmen.
  • Besserer Unterricht: Die Kompetenzentwicklung wird in der Sekundarstufe I grundgelegt. Deshalb werden fachkompetente Expertengruppen für die Unterrichtsentwicklung schrittweise in zehn Fächern der Sekundarstufe I (Deutsch, Englisch, Mathematik, Biologie, Chemie, Physik, Geschichte, Erdkunde, Politik/Wirtschaft, Französisch/Latein) eingerichtet. Die praxisorientierte Aufgabe der Expertengruppen besteht in der Entwicklung von exemplarischen Unterrichtsvorhaben, Aufgabenbeispielen, Hinweisen zum Umgang mit den Ergebnissen zentraler Leistungsüberprüfungen und Verfahren der Lernerfolgskontrolle im Unterricht.
  • Bessere Aufgabenstellungen: In ausgewählten Fächern werden Prüfungsaufgaben, Schülerarbeiten und Beurteilungsverfahren gemeinsam mit Wissenschaftlern, Fachaufsicht und den Fachreferaten des MSW analysiert. Ziel sind die weitere Optimierung der Aufgaben einschließlich des Beurteilungsverfahrens sowie die Gewinnung von Erkenntnissen zur Aufarbeitung signifikanter Defizite im Unterricht.

Probleme bei den zentralen Abitur-Prüfungen

Bei den insgesamt 750 unterschiedlichen Prüfungsaufgaben hat es auch Fehler gegeben. Besondere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erlangten zwei umstrittene Leistungskursaufgaben im Fach Mathematik: eine Aufgabe aus dem Bereich der Geometrie ("Oktaeder") und einer Aufgabe aus der Stochastik ("Basketball"). Die Oktaeder-Aufgabe war mit rund 60 Prozent (rund 20.000 Schüler) die am dritthäufigsten gewählte Aufgabe. Die Basketball-Aufgabe wurde dagegen insgesamt von nur rund 3 Prozent der Mathematik-Abiturienten (d.h. rund 900 Schüler) bearbeitet. Unmittelbar nach der Prüfung gab es Hinweise darauf, dass die Schülerinnen und Schüler an einer Reihe von Schulen besondere Schwierigkeiten bei der Lösung der Aufgabe hatten. Dies hat den Schluss nahe gelegt, dass es auch an weiteren Schulen zu ähnlichen Problemen gekommen ist. Darauf hin wurde den betroffenen Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu einer zweiten Chance eingeräumt. Mir ging es bei meiner Entscheidung um eine schnelle und unbürokratische Lösung im Interesse der Schülerinnen und Schüler. Die Option zur Wiederholung der Mathematikklausur wurde zu einem Zeitpunkt eröffnet, der es jedem Einzelnen ermöglichte, in Kenntnis aller vorliegenden Prüfungsergebnisse und damit in sicherer Abwägung aller Risiken eine für sich sinnvolle Entscheidung zu treffen. Von dieser Möglichkeit machten 1.801 Schülerinnen und Schüler Gebrauch (8,6 Prozent der Betroffenen). Von den Schülerinnen und Schülern, die neu geschrieben haben, hatten ca. 87 Prozent in der ersten Klausur die Oktaeder-Aufgabe, ca. 9 Prozent die Basketball-Aufgabe und ca. 4 Prozent beide Aufgaben bearbeitet. Im Durchschnitt erreichten die Abiturienten bei der der neu geschriebenen Klausur ein um etwas mehr als zwei Notenpunkte besseres Ergebnis als bei der ersten Klausur. Erreichten diejenigen, die sich zur Wiederholung entschieden, bei der ersten Klausur eine Durchschnittspunktzahl von 3,4, so waren es beim Nachschreibetermin durchschnittlich 5,6 Punkte. Die relativ niedrigen Durchschnittswerte für die erste Klausur zeigen, dass die Möglichkeit zur zweiten Chance tendenziell diejenigen Schülerinnen und Schüler genutzt haben, deren Leistungen eher im unteren Notenbereich lagen. Insgesamt haben sich durch die Nachschreibe-Klausur ca. 75 Prozent der Schülerinnen und Schüler verbessert, rund 17 Prozent haben dieselbe Note wie bei der ersten Klausur erhalten und etwa 8 Prozent haben sich verschlechtert.

Einführung eines Sachverständigenrats

Die aufgetretenen Fehler und Probleme bei den zentralen Abiturprüfungen sind ausdrücklich zu bedauern. Sie haben allerdings nicht dazu geführt, dass Prüflinge die Aufgabe nicht angemessen bearbeiten konnten. Die langjährigen Erfahrungen anderer Länder mit zentralen Prüfungen zeigen, dass auch bei sorgfältigster Überprüfung Jahr für Jahr in der Fülle der Aufgaben einzelne Fehler vorkommen. Es ist weiter daran zu arbeiten, Fehler zu vermeiden. Dafür muss insbesondere auch ein verlässliches Verfahren der Fehlerrückmeldung und – korrektur entwickelt werden. Wir lernen aus den Erfahrungen des Zentral-Abiturs 2008 und ziehen die notwendigen Konsequenzen. Damit Fehler zukünftig möglichst ausgeschlossen werden, richten wir einen Sachverständigenrat ein. Wir richten eine "Unabhängige Kommission zur Qualitätssicherung von zentralen Prüfungen" beim Institut für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund ein. Dieser bundesweit einzigartige Sachverständigenrat soll zukünftig als Ergänzung zu den bereits bestehenden Kontrollmechanismen dafür Sorge tragen, dass Prüfungsaufgaben noch sorgfältiger ausgewählt und kontrolliert werden. Es haben sich bereits dazu bereit erklärt, in dem Sachverständigenrat mitzuwirken:

  • Prof. Dr. Wilfried Bos, Universität Dortmund
  • Prof. Dr. Andreas Schleicher, Pisa-Koordinator
  • Prof. Dr. Olaf Köller, Humboldt Universität Berlin
  • Prof. Dr. Detlev Leutner, Universität Duisburg-Essen
  • die Vorsitzenden der Rheinischen sowie der Westfälisch-Lippischen Direktorenvereinigung Konrad Großmann und Dr. Luise Berg-Ehlers
  • die Vorsitzende der Schulleitungsvereinigung der Gesamtschulen NRW Dagmar Naegele

Die Aufgaben der Kommission werden sein:

  • Beratung des Ministeriums und der Schulaufsicht bei der Ablaufsteuerung des Zentral-Abiturs
  • Jährliche Evaluation des Zentral-Abiturs
  • Prüfung und Freigabe der jährlichen Abituraufgaben gemeinsam mit Unter- Fachkommissionen
  • Benennung von Mitgliedern für die unabhängigen Fachkommissionen zu den 16 Haupt-Abiturfächern

Prof. Bos übernimmt als Leiter des Dortmunder Instituts die Endverantwortung für die redaktionelle Korrektheit der Prüfungsaufgaben, die Fachkommissionen für die fachliche Richtigkeit. Jede Fachkommission besteht aus zwei Wissenschaftlern und drei Lehrkräften. Sie begutachten die wie bisher von Aufgabenkommissionen aus Lehrkräften erstellten Aufgaben. Wenn Mängel oder mögliche Probleme erkannt werden, kann die Fachkommission eine Überarbeitung veranlassen. Der Fachkommission obliegt auch die Endkontrolle und Freigabe der Prüfungsaufgaben in Abstimmung mit der Unabhängigen Kommission.

Sollte trotz dieses mehrstufigen Prozesses ein Problem während der Prüfungsphase auftreten, gibt die Unabhängige Kommission gemeinsam mit der jeweiligen Fachkommission dem Schulministerium konkrete Empfehlungen hinsichtlich eines notwendigen Handlungsbedarfs (zum Beispiel Änderung der Bewertungsmaßstäbe, Nachschreiben einer Klausur, Heraufsetzen von Noten). Die konstituierende Sitzung des Sachverständigenrats findet am 1. September in Düsseldorf statt. Den vollständigen Bericht über die Evaluation des Zentralabiturs 2008 finden Sie im Internet unter www.schulministerium.nrw.de


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