Studie: Demografische Entwicklung und Lehrerbedarf in NRW
Die GEW fordert die Landesregierung auf, die durch den Rückgang der Schülerzahlen frei werdenden Lehrerstellen, die "Demografische Rendite", über das Jahr 2015 hinaus im Schulsystem zu belassen. Selbst die wichtigsten Reformprojekte der rot-grünen Landesregierung im Bereich der Bildung können andernfalls, so die Befürchtung der Bildungsgewerkschaft, nicht mit genügend Personalressourcen angegangen werden.
27.05.2013 Pressemeldung GEW Nordrhein-WestfalenZu diesem Ergebnis kommt der Essener Bildungsforscher Prof. em. Klaus Klemm in seiner jüngsten von der GEW-nahen Max-Traeger-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie "Zur demografischen Entwicklung und zum Lehrerbedarf in Nordrhein-Westfalen: Perspektiven und Chancen". Die Studie wurde heute auf der Landespressekonferenz in Düsseldorf von der GEW-Landesvorsitzenden Dorothea Schäfer und von Klemm vorgestellt.
Die Umsetzung zentraler bildungspolitischer Reformvorhaben in NRW werde, so Prof. Klemm, bis 2020 deutlich mehr Personalressourcen erfordern, selbst dann, wenn die durch den Rückgang der Schülerzahlen in diesem Zeitraum frei werdenden Stellen nicht dem Rotstift zum Opfer fielen, sondern für diese Reformzwecke erhalten blieben. Während diese "Demografische Rendite" einen Ertrag von 23.200 Stellen, sog. Vollzeitlehrereinheiten, erbringe, sei alleine bezogen auf die selbstgesteckten Ziele der rot-grünen Landesregierung in den vier dringlichsten Reformbereichen - Ausbau der Krippenangebote U3, Inklusion, Ausweitung Ganztagsschulangebote und qualitative Unterrichts- und Schulentwicklung – sowie die im Schulkonsens vereinbarten Maßnahmen ein Zusatzbedarf an professionellen Fachkräften im Umfang von 27.500 Vollzeiteinheiten erforderlich. Das Defizit beläuft sich laut Klemm demnach auf 4.300 Stellen.
Schäfer verlangte von der Landesregierung eine Garantie für die "Demografische Rendite" zunächst bis zum Ende der Legislaturperiode. Im Koalitionsvertrag sei zwar vom Erhalt der durch den Rückgang der Zahl der Schülerinnen und Schüler frei werdenden Stellen die Rede, aber jüngsten Äußerungen Schulministerin Löhrmanns zufolge gelte die Zusage nur bis zum Jahr 2015. Schäfer: "Dieser Zeitpunkt ist viel zu früh angesetzt. Wer den Mund spitzt, muss auch pfeifen. Wer Priorität für Bildung will, muss auch nach 2015 alle Stellen im System belassen."
Die GEW verlange Klarheit, mit wie viel Personal die notwendigen Reformen angegangen werden. "Grundlage der Personalbedarfsstudie sind aber nicht die Forderungen der GEW, sondern die von der Landesregierung angestrebten Ziele mit aus unserer Sicht eher zu niedrig angesetzten Bedarfsparametern", erklärte Schäfer.
Orientierungsgröße für die Berechnung seien überdies Vorgaben, die bereits z. B. im Rahmen des Schulkonsenses beschlossen worden seien, andere Bildungsbereiche, für die selbstverständlich auch Ressourcen erforderlich seien, wie die Berufliche Bildung, die Weiterbildung und die Hochschulbildung blieben in dieser Studie leider ausgespart. "Wir haben uns in der Fragestellung bewusst beschränkt auf einige Aspekte der frühkindlichen und schulischen Bildung", so Schäfer. "Allein hier ist der Bedarf immens."
Bildungsforscher Klemm stützte sich bei der Ermittlung der demografischen Rendite auf die Schülerzahlprognose des Schulministeriums und hat ermittelt, dass bei konstanten Versorgungsrelationen von 2011/12 bis 20120/21 durch den Schülerrückgang insgesamt rund 25.000 Vollzeitlehrereinheiten weniger benötigt werden. Abzüglich einer Lehrerstellenzahl, die nicht oder nur geringfügig von der Schülerentwicklung abhängig ist, reduziere sich die "demografische Rendite" auf 23.188 Vollzeitlehrereinheiten.
In den vier Reformbereichen und für die Umsetzung des Schulkonsenses ergeben sich nach den Berechnungen Klemms folgende Bedarfswerte (gerechnet in Vollzeitlehrereinheiten, VZLE):
- Umsetzung Inklusion: 4.107 VZLE
- Ausbau Ganztag: 5.524 VZLE
- U3-Krippenausbau: 7.575 VZLE (4.772 ErzieherInnen, 2.803 Personen in der Kindertagespflege)
- Schul- und Unterrichtsentwicklung: 4.023 VZLE (incl. Personal Landesinstitut Soest)
- Schulkonsens NRW : 6.250 VZLE (vereinbarte Maßnahmen im Endausbau)
Klemm wies darauf hin, dass das errechnete Defizit von 4.300 Vollzeiteinheiten tatsächlich geringer ausfiele, da die ca. 7.600 Vollzeiteinheiten im U3-Bereich deutlich weniger öffentliche Ausgaben erforderten. Sie kosteten weniger und belasteten nur zu einem Teil die öffentlichen Haushalte.
Klemm unterstrich, dass die hier zusammenstellten Bedarfsbereich durchaus nicht alle Positionen zur Verbesserung der vorschulischen und schulischen Bildung abdecke, für die zusätzliche Stellen erforderlich seien. Zu denken sei hierbei an die im Bundesdurchschnitt ungünstigen Schüler-Lehrer-Relationen in NRW für fast alle Schulformen. Auch bei den Vorgaben zur Unterrichtsverpflichtung für die Lehrkräfte zähle NRW zu den Ländern mit besonders hohen Werten. Der Entwicklungsprozess hin zur "Eigenverantwortlichen Schule" benötige nicht nur mehr Leitungszeit für Schulleitungen, sondern auch zusätzliche Anrechnungsstunden für Lehrerräte mit personalvertretungsrechtlichen Aufgaben wie auch für Ansprechpartnerinnen für Gleichstellungsfragen. Auch der Stellenbedarf, der in Folge fehlender Ausbildungsplätze für die berufliche Erstausbildung aller Jugendlichen im Bereich der beruflichen Vollzeitschulen bestehe, sei nicht berechnet worden.
Landesvorsitzende Schäfer abschließend: "Der Stellenbedarf fiele noch höher aus, wenn das Land sich bei der Ausstattung der Schulen mit Lehrerstellen sowie bei den Unterrichtsverpflichtungen in den einzelnen Lehrämtern bundesdurchschnittlichen Werten annähern und wenn es die weiteren hier benannten wichtigen Aufgaben bei der Stellenzuweisung adäquat berücksichtigen würde."
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