Bildungschancen

Wenn Zelte zu Schulen werden

Der Bürgerkrieg in Syrien hat einer ganzen Generation von Kindern ihr Recht auf Bildung genommen. Die Eltern einer Münchner Grundschule sind aktiv geworden. Mit ihren Zeltschulen zeigen sie, dass Lernen selbst unter extremen Bedingungen Kindern eine Zukunft schenkt. Von Roman Eisner

26.03.2026 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
  • Kinder auf den Straßen Syriens. © www.pexels.com Seit dem Ende des Bürgerkrieges unterstützt Zeltschule e. V. die syrischen Menschen im Libanon bei ihrer Rückkehr in ihr Heimatland.

Im frühen Morgenlicht schleichen die Kinder durch staubige Gassen. Noch etwas verschlafen führt sie ihr Weg vorbei an provisorischen Trinkanlagen, an Schlaflagern aus Wellblech und Plastikplanen. Aus einigen dieser kleinen Unterkünfte dringt das Geschrei von Babys. Doch die Mädchen und Jungs lachen auf ihrem Weg und freuen sich auf das, was sie erwartet. Sie sind auf dem Weg in die Schule, manche von ihnen zum ersten Mal überhaupt. Um 7 Uhr beginnt ihr Unterricht. Nicht in den festen Mauern eines Schulgebäudes, sondern in selbst errichteten Zelten, auf selbst gezimmerten Holzbänken.

Die Kinder kommen aus Syrien. Ihre Zeltschule befindet sich in einem Flüchtlingscamp in der Bekaa-Ebene, im Libanon nahe der syrischen Grenze. Seit Ausbruch des Bürgerkrieges in Syrien 2011 sind laut Vereinten Nationen rund sechs Millionen Syrerinnen und Syrer aus ihrem Land geflohen. Etwa eine Million von ihnen sind im Libanon gelandet, davon eine halbe Million Kinder. Seit 2016 können einige von ihnen wieder eine Schule besuchen und sogar ihren Schulabschluss machen. Möglich gemacht hat das ein Verein aus Deutschland, die gemeinnützige Organisation Zeltschule e. V. aus München.

Die Idee dazu entstand im September 2015, als Jacqueline Flory an der Elternbeiratssitzung der Grundschule ihrer Tochter teilnahm. Die Stimmung 2015 war aufgeheizt, beinahe 900 000 Schutz suchende Menschen kamen aus dem Nahen Osten nach Deutschland. Wenige Tage vor der Elternbeiratssitzung hat ein Foto weltweit für Entsetzen gesorgt: Es zeigte einen dreijährigen syrischen Jungen, der leblos am Strand liegt. Er ist auf der Flucht über das Mittelmeer vor der türkischen Küste ertrunken. Für die gelernte Übersetzerin Jacqueline Flory war klar: „Ich kann mich nicht aufregen, dass niemand etwas tut, wenn ich selbst nicht handle.“ Also schlug sie dem Elternbeirat vor, aktiv zu werden: „Statt ein neues Spielgerät für den Pausenhof zu kaufen, wollte ich im Libanon eine Schule für geflüchtete syrische Kinder bauen.“ Die Eltern stimmten ihrem Vorschlag zu.

Keine Propaganda

Ein Jahr lang hat der Elternbeirat Spenden gesammelt. Im August 2016 reiste Flory als eine von zehn Gründungsmitgliedern und Vorsitzende des neuen Vereins Zeltschule mit dem Geld in den Libanon. Die erste Zeltschule entstand in einem Flüchtlingscamp mit 55 Familien. Der Sprecher des Camps sei zufällig selbst Lehrer gewesen, erinnert sich Flory. Es war nicht schwer, ihn von ihrer Idee zu überzeugen, nur an Baumaterial habe es gemangelt: „Also bin ich am nächsten Tag losgezogen und habe Holz und Zeltplanen gekauft. Zehn Tage später war die erste Zeltschule einsatzbereit“. Zehn Jahre später stehen im Libanon und in Syrien 79 Zeltschulen, die 40 000 syrischen Kindern Bildung ermöglichen. Viele der syrischen Kinder kannten bis dahin nichts anderes als Krieg, Flucht und Angst und konnten weder lesen noch schreiben.

Dass Jacqueline Flory in jedem Camp qualifiziertes Personal für ihre Zeltschulen gefunden hat, ist dem syrischen Bürgerkrieg geschuldet. In den Flüchtlingscamps befanden sich viele Lehrkräfte, die vor dem damaligen Assad-Regime fliehen mussten. „Sie haben sich geweigert, propagandistische Inhalte zu unterrichten“, erklärt Flory. Die Spendengelder ermöglichten es auch, Hefte, Stifte und Lernmaterial zu kaufen – außerdem Trinkwasser, Lebensmittel und Medizin. Bis heute finanzieren sich die Zeltschulen über private Spenden, Unterstützung durch die deutsche Politik gibt es keine. Denn wer in Deutschland Geld für ein Entwicklungshilfeprojekt im Ausland beantragt, muss diese Mittel in Absprache mit der dortigen Regierung ausgeben. Für Flory ist diese Regelung absurd: „Die syrische AssadRegierung hat doch erst dafür gesorgt, dass die Menschen aus dem Land fliehen mussten und in Not geraten sind.“ Mittlerweile gehö- ren zum Zeltschule e. V. über 2000 zahlende Mitglieder. Allein in Bayern unterstützen vierzig Schulen regelmäßig das Projekt, zum Beispiel durch Spendenläufe oder die Erlöse von Basaren.

Vom Alltag an einer deutschen Schule sind die Zeltschulen im Libanon weit entfernt. Allein der Platzmangel in den Camps macht eine strenge Strukturierung des Tages notwendig. Der Unterricht findet in drei Schichten statt. Die kleinsten Kinder beginnen um 7 Uhr, die Kinder bis 12 Jahre um 12 Uhr, alle Älteren um 17 Uhr, Unterrichtsschluss ist 21 Uhr. Dieser Rhythmus macht es möglich, dass jedes Kind täglich vier Unterrichtsstunden erhält. Der Unterricht folgt dem syrischen Curriculum, ohne propagandistische und religiöse Inhalte. Die syrischen Jugendlichen können über eine externe Organisation sogar einen international anerkannten Schulabschluss absolvieren – das Alternative Education Certificate AEC. 10 000 syrische Schülerinnen und Schüler haben in den Zeltschulen bereits ihren Abschluss geschafft.

Lernen statt Feldarbeit

Die Zeltschulen laufen 52 Wochen im Jahr. Dass es keine Ferien gibt, finden die Kinder nicht schlimm. Für sie sei die Zeltschule mehr als ein Ort des Lernens, erläutert Flory: „Sie ist der Mittelpunkt ihres Alltags. In einem Umfeld, in dem es für sie keine Freizeitangebote, Spielplätze oder Sportanlagen gibt, bietet die Schule ihnen Struktur, Sicherheit und Hoffnung.“ Dass die Zeltschulen das ganze Jahr über geöffnet bleiben, hat noch einen weiteren Grund – den Schutz vor Kinderarbeit. Denn anders als ihre Eltern dürfen syrische Kinder im Libanon arbeiten. Die Zeltschulen haben Tausende Kinder vor Kinderarbeit gerettet. „Würden wir unsere Schulen für Ferien schließen, kämen die libanesischen Großgrundbesitzer, um die syrischen Kinder wieder als Arbeitskräfte auf ihren Feldern einzusetzen“, begründet Flory.

Wie traumatisiert und hoffnungslos die syrischen Kinder bei der Eröffnung der ersten Zeltschulen waren, weiß Jacqueline Flory noch genau. Anfangs habe sie die Kinder in den Camps gefragt, was sie sich für ihre Zukunft wünschen würden: „Die Kinder waren völlig überfordert von meiner Frage. Ich habe keine Antworten bekommen.“ Es habe gedauert, bis ihr klar geworden sei: Die damalige Situation hat den Kindern alles an Kraft abverlangt, um zu überleben. Für Wünsche und Gedanken an die eigene Zukunft war keine Energie da. Nach wenigen Monaten in den Zeltschulen hat sich das geändert, erinnert sich Flory: „Die Kinder haben mir Bilder zugeschickt, auf denen sie ihre Träume aufgeschrieben haben: ‚Ich möchte Lehrer werden‘, ‚Ich will Ärztin sein‘, Ich wünsche mir einen eigenen Bauernhof‘“. Was die Fantasie der Kinder wiedererweckt hat, liegt für Flory auf der Hand: „Die Zeltschule hat ihnen gezeigt, dass auf dieser Welt auch etwas Gutes passiert und sie ihr Leben angstfrei und selbstständig gestalten können.“

Zurück in feste Gebäude

Dennoch wollen Flory und ihr Verein keine weiteren Zeltschulen im Libanon bauen. Der Sturz und die Flucht des Assad-Regimes im Dezember 2024 haben den Bürgerkrieg in Syrien beendet. Der neue Interimspräsident al-Scharaa habe laut Flory anders als sein Vorgänger Interesse am Wohl der eigenen Bürgerinnen und Bürger, auch wenn Syrien noch weit entfernt von geregelten Verhältnissen oder einer Demokratie sei. Da die Assad-Familie bei ihrer Flucht auch die Staatskassen geplündert und mit nach Russland genommen hat, fehlt der neuen Regierung Geld für den Wiederaufbau.

Seit dem Ende des Bürgerkrieges unterstützt Zeltschule e. V. die syrischen Menschen im Libanon bei ihrer Rückkehr in ihr Heimatland. Auch viele Zeltschulen im Libanon wurden bereits abgebaut – um in Syrien neu aufgebaut zu werden. Aber nicht unter Zeltplanen, sondern in gemauerten Gebäuden. Die neue syrische Regierung stellt, ganz im Gegensatz zum gestürzten Assad-Regime, für den Verein keine Gefahr mehr dar. Sie vermittelt sogar arbeitssuchende syrische Lehrkräfte. Aber noch mehr, wie Flory betont: „Die mittellose Regierung informiert uns, wo in Syrien intakte Gebäude leer stehen und erlaubt uns, darin unsere Schulen zu errichten und sie mietfrei zu betreiben.“

Erst wenn ihnen ein leerstehendes Gebäude in Syrien zugesichert ist, laden Jacqueline Flory und ihr Team eine Zeltschule auf einen Autokonvoi und siedeln sie gemeinsam mit den Familien nach Syrien um. 40 der 79 Zeltschulen stehen derzeit noch im Libanon, 39 Schulen sind bereits in Syrien errichtet. Gleichzeitig weitet Flory ihr Konzept der Zeltschulen auf Afghanistan aus. Die Umsiedlungen kosten Geld, Zeltschule e. V. ist mehr denn je auf Spenden angewiesen. Langfristig, so Florys Wunsch, solle ihr Verein überflüssig werden. Wenn Kinder in einem sicheren Land angstfrei eine reguläre Schule besuchen und die Familien sich selbst versorgen können, brauche es keine Zeltschulen mehr. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Jacqueline Flory ist stolz, was ihre Zeltschulen für 40 000 Kinder erreicht haben, fügt aber hinzu: „Ich sehe auch hunderttausende Kinder, denen wir noch keinen Schulbesuch ermöglichen. Wir sind ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber es tröstet mich, dass wir im Leben vieler Kinder kein Tropfen sind, sondern ein Tsunami, der für sie alles zum Guten verändert hat.“

Dieser Artikel ist zuerst im didacta Magazin Ausgabe 1/2026, S. 36-39, erschienen: https://avr-emags.de/emags/didacta/didacta_1_2026/#36



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