Umfrage

„Lernen mit Rückenwind“: Mangel an Zeit und Personal

Der VBE hat rund 120 Schulen aus ganz Baden-Württemberg befragt, wie „Lernen mit Rückenwind“ in der Praxis ankommt. Die Erhebung lief parallel zum Start des Förder­programms in den beiden ersten Wochen nach Ende der Herbstferien. Geantwortet haben jeweils die Schulleitungen, die auch zu den Belastungen der Lehrkräfte befragt wurden.

03.12.2021 Bundesweit Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung e.V. (VBE)
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Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg gibt folgende Zumeldung ab: „Bildungsgerechtigkeit ist ein hohes Gut. Es liegt in der Verantwortung der politischen Akteure, die Schulen so auszustatten, dass sie die in der Pandemie abgehängten Schülerinnen und Schüler wieder auffangen können. An unseren Schulen mangelt es jedoch an Zeit, Personal und Ressourcen, um ‚Lernen mit Rückenwind‘ wirkungsvoll in die Praxis umsetzen zu können“, fasst der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage seines Verbands zusammen.

Teilnahme der Schulen

Das erste überraschende Ergebnis der Umfrage lautet, dass über ein Viertel der Schulen (27 Prozent) gar nicht am Rückenwind-Programm teilnimmt. „Wir haben gezielt bei Schulen nachgefragt, warum sie nicht mitmachen. Es sind vor allem Schulen, die vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen sind und nur wenige Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf haben. Diese Schulen haben eigene Förderkonzepte entwickelt und sind daher nicht auf das Förderprogramm des Landes angewiesen“, erläutert der VBE-Landesvorsitzende.

Umsetzbarkeit für Schulleitungen

Neun von zehn Schulleitungen geben an, nicht über die zeitlichen Ressourcen zu verfügen, um „Lernen mit Rückenwind“ planen und koordinieren zu können.

„Die Grenze des Möglichen ist erreicht, wenn nicht bereits überschritten. Der VBE hat dieses Schuljahr bereits über 169 Überlastungsanzeigen von Schulleitungen aus ganz Baden-Württemberg erhalten. Und genau vor einer Woche haben wir eine große Studie zur Berufszufriedenheit von Schulleitungen vorgestellt – mit dem ernüchternden Ergebnis, dass inzwischen jede zweite Schulleitung von ihrem Job abrät. Die Ministerin hat nun angekündigt, die Schulleitungen für die Umsetzung von ‚Lernen mit Rückenwind‘ entlasten zu wollen. Dies ist ein erster Schritt, reichen wird es aber nicht. Um die Leitung von Schulen wieder leistbar zu machen, führt an einer vollständigen Umsetzung der zweiten Stufe des Konzepts zur Stärkung und Entlastung der Schulleitungen kein Weg mehr vorbei“, erklärt Brand.

Mehrarbeit für Lehrkräfte

Die große Mehrheit von 60 Prozent der Schulleitungen sagt, dass „Lernen mit Rückenwind“ für die Lehrkräfte mit erheblicher Mehrarbeit verbunden ist. Nur gut 10 Prozent verneinen dies.  Weitere rund 30 Prozent der Befragten machen keine Angabe, da sie nicht am Programm teilnehmen. Die Schulleitungen benennen auch sehr genau die Formen der Mehrarbeit für Lehrkräfte, auf den Top 5 der Zusatzbelastungen landen: (1.) Personen anwerben und einarbeiten, (2.) Auflistung und Priorisierung der Schülerinnen und Schüler, (3.) Kurse planen, (4.) Materialbeschaffung und (5.) Konferenzen durchführen.

„Die Lehrerinnen und Lehrer halten den Schulbetrieb momentan unter größten Anstrengungen am Laufen. In dieser Lage stellt ‚Lernen mit Rückenwind‘ eine erhebliche Zusatzbelastung für sie dar. Sie müssen die Vorarbeit für die von außen kommenden Unterstützungskräfte leisten, diese einarbeiten und pädagogisch an die Hand nehmen. Und wenn sie dies weiter leisten sollen, muss das Ministerium die Lehrkräfte zumindest zeitweise von außerunterrichtlichen Aufgaben entlasten“, fordert Brand.

Schwachstellen

Die Schulleitungen wurden offen und ohne Vorgaben gefragt, welche Anmerkungen sie zu „Lernen mit Rückenwind“ haben. Die fünf häufigsten Antworten sind: (1.) Es ist eigentlich ein gutes Konzept, aber die Umsetzung ist nicht gut. (2.) Das Programm verursacht einen extrem hohen Verwaltungsaufwand. (3.) Das Programm ist durch den Personalmangel schwer umsetzbar. (4.) Für kleine Schulen ist das Programm ein immenser Aufwand beziehungsweise nicht machbar. (5.) Verträge für Personal fehlen.

Gerhard Brand: „Die Akzeptanz ist da. Allein: Viele Schulen verfügen schon zu Normalzeiten nicht über das nötige Personal, um den Pflichtunterricht stemmen zu können. In Krisenzeiten jedoch verfügen die Schulen nicht ansatzweise über die nötigen Reserven und Ressourcen, um etwaige Zusatzbelastungen auffangen zu können. Daneben hapert es bei ‚Lernen mit Rückenwind‘ aber auch an der Umsetzung. Die Schwachstellen sind vor allem auf dem Land, wo es wenige Freiwillige gibt und nicht alle davon geeignet erscheinen. Die Schwachstellen waren eine Anmeldeprozedur, die zum Zeitpunkt der Bewerbung noch nicht funktionierte. Und der Umstand, dass die Arbeitsverträge für diejenigen, die sich bereit erklärt hatten, nicht zu bekommen waren. Die Schulen, die es versucht hatten, waren enttäuscht.“


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