"Warum in der Öffentlichkeit den Gesamtschulen ein Abitur zweiter Klasse unterstellen?"

Der Landeselternrat der Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen nimmt in einem Offenen Brief an Schulministerin Sommer Stellung zu deren Interpretation der Ergebnisse des Zentralabiturs.

28.08.2008 Nordrhein-Westfalen Pressemeldung Landeselternrat der Gesamtschulen NW e.V. (LER)

Sabine Plemper
Schulpflegschaftsvorsitzende der Gesamtschule Paderborn-Elsen
Dirksfeld 13
33106 Paderborn

Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW
Frau Ministerin Sommer
Völklinger Straße 49
40229 Düsseldorf

nachrichtlich an:
Ministerpräsident Dr. Rüttgers
Herrn Staatssekretär Winands
Herrn Gesamtschuldezernent Thünken
Frau Gesamtschuldezernentin Vörös-Rademacher, BR Detmold
Bildungspolitische Sprecher der Landtagsfraktionen
Schulausschuss der Stadt Paderborn
LGeD´ Frau Greipel-Bickel

Paderborn, den 26. August 2008

Offener Brief
anlässlich des Artikels in der Neuen Westfälischen Zeitung Nr. 194 vom 20.08.2008
TAGESTHEMA: Schlechtere Noten in Gesamtschulen

Sehr geehrte Frau Ministerin Sommer,

auf ihrer verspäteten Pressekonferenz zum Schuljahresauftakt legten Sie die Ergebnisse des zweiten Zentralabiturs NRW vor. Wie nach den Anfeindungen gegen die Gesamtschulen in den vergangenen Wochen nicht anders zu erwarten war, wurde das um 0,28 Notenpunkte "signifikant schlechtere" Abschneiden der Gesamtschulabiturienten und die um 4,9 % höhere Durchfallquote im Abitur von Ihnen als Zeichen für "grundlegende" Probleme an den Gesamtschulen bei der Vorbereitung auf das Abitur angesehen.

Sie sind zu der Erkenntnis gekommen, dass es bei einer zentralen, vom Ihrem Ministerium in Düsseldorf gesteuerten Aufgabenstellung beim Abitur – also dem seit 2 Jahren durchgeführten Zentralabitur – verschiedene Versionen gibt (wobei Sie die Erklärung schuldig bleiben, wo diese bei einem Zentralabitur herkommen)! Und deshalb wollen Sie alles daran setzen, das bestehende Leistungsgefälle (zur Erinnerung: 0,28 Notenpunkte) aufzuheben.

Und Sie lassen uns Wähler auch gleich wissen, wo Sie ansetzen wollen, um das Leistungsgefälle aufzuheben. Dass Leistungsunterschiede mit der sozialen Herkunft zusammenhängen, können Sie ja nicht mehr hören, wie sie auf der Pressekonferenz betont hat. Da Ihrer Meinung nach die vermeintlichen Probleme mit der Schülerschaft nichts zu tun haben, muss es folglich an der Schule und den dort unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrern liegen. Also kündigen Sie ein Maßnahmenpaket für Gesamtschulen an mit u. a. mehr Beratung für Schulen, mehr Fortbildung für Lehrkräfte und besserem Unterricht durch Kompetenzentwicklung in der Sekundarstufe I.

Da fragt man sich als Mutter eines Gesamtschul-Abiturienten natürlich, was die Lehrerinnen und Lehrer an Gesamtschulen bisher für Arbeit geleistet haben und wie? Sollte es uns wundern, dass überhaupt Schüler an Gesamtschulen ein Abitur bestehen konnten? Oder gibt es demnächst für Abiturienten von Gesamtschulen einen "Gesamtschul-Abwertungs-Aufschlag" auf die Abi-Durchschnittsnote, damit auch klar ist, dass an Gesamtschulen trotz Zentralabitur und der damit gegebenen Vergleichbarkeit der Leistungen unsere Schulen nicht so gut sein dürfen wie Gymnasien? Verärgert es die Politik so sehr, dass Gymnasien trotzdem nicht sichtbar bessere Ergebnisse liefern als Gesamtschulen?

An einer Gesamtschule besuchen Kinder aus allen gesellschaftlichen Schichten und unterschiedlichster Herkunftsländer die Sekundarstufe I (Klasse 5-10) und erlangen dort - dank der integrativen Förderung von seit Jahren bestehender und sich weiter entwickelnder Konzepte und dank engagierter pädagogischer Arbeit – alle nach Klasse 10 möglichen Schulabschlüsse (die inzwischen auch durch zentrale Abschlussprüfungen (ZAP) vereinheitlicht wurden). Diese verschiedenen Abschlüsse nach Klasse 10 sind in der Tat ein gravierender Unterschied zu den Gymnasien, die von Klasse 5 an auf das Abitur vorbereiten und wer dieses Pensum nicht bewältigt, der darf schon vor dem Abi gehen.

Kinder unterliegen im Laufe ihrer Entwicklung und Pubertät Leistungsschwankungen, die durch Förderung und pädagogische Arbeit abgefangen werden müssen. Wenn sie dann am Ende der Klasse 10 nach ZAP eine Zulassung für die gymnasiale Oberstufe erlangt haben, so kann man sich als Eltern oder Lehrer nur für sie freuen.

Jeder Schüler, der dann auch das Zentrale Abitur besteht (auch wenn es von dem gymnasialen Notenmaß abweicht), kann stolz auf sich sein und ist wertvoll für unsere Gesellschaft. Und weil dies so ist und der Unterschied im Zentralabiturdurchschnitt eher gefühlt als an Noten ablesbar ist, leisten nach Ansicht von Gesamtschuleltern wie mir, unsere Schulen eine hervorragende Arbeit. Mein Sohn und seine Mitschüler, die in diesem Jahr das Abitur an unserer Gesamtschule gemacht haben, müssen sich wahrlich nicht verstecken! Und unsere Schule auch nicht!

Inzwischen gehen die Zahlen der Studienbewerber zurück und unser Land braucht nicht nur Facharbeiter sondern auch Ingenieure, Pädagogen, Ärzte, Naturwissenschaftler usw., usw. Außerdem ist ein Abitur "nur" die Eintrittskarte für eine Universität – jeder Student muss sich dort aufs Neue bewähren. Warum also in der Öffentlichkeit den Gesamtschulen ein Abitur zweiter Klasse unterstellen?

Bedanken möchte ich mich bei Ihnen für den auf Ihrer Pressekonferenz - trotz aller Kritik - verkündeten Bestandsschutz für die Gesamtschulen. Als Mutter eines Abiturienten und einer Tochter in der gymnasialen Oberstufe beruhigt mich das sehr. Eine Gesamtschule bietet die Gesamtheit aller Schulabschlüsse an, vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur und unabhängig von der Schulformempfehlung nach Klasse 4. Ihre Bestandsschutzgarantie sichert mir zu, dass Sie das Weiterbestehen der gymnasialen Oberstufe an der Gesamtschule auch gegen Ihren Koalitionspartner verteidigen werden.

Mit freundlichen Grüßen

Sabine Plemper


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