Wie die Wirtschaft ökonomische Bildung an Schulen beeinflusst
(red/pm) Wirtschaftsverbände, unternehmernahe Stiftungen, Institute und Initiativen fordern seit langem mehr ökonomische Bildung an Schulen. Eine Studie der Universität Bielefeld hat jetzt die Interessenlage wichtiger Akteure beleuchtet. Das Ergebnis: Sie wollen auch beeinflussen, was dort gelehrt und gelernt werden soll.
10.05.2011 ArtikelDie Analysen von Lucca Möller und Professor Reinhold Hedtke von der Universität Bielefeld hat die "initiative für eine bessere ökonomische bildung" heute als Arbeitspapier veröffentlicht.
Diese Studie, so Prof. Dr. Reinhold Hedtke, zeige, dass die Lobbyisten zusammen mit Wirtschaftsdidaktikern ein "bestens finanziertes politisch-pädagogisches Netzwerk bilden. Seine Akteure und Aktivitäten finden parteipolitische Unterstützung vor allem bei CDU und FDP."
Analysen von Unterrichtsmaterialien legen laut Hedtke nahe, dass insbesondere die Finanzindustrie nach Präsenz im Klassenzimmer strebe. Sein Fazit: Dies sei eine bemerkenswerte Vermischung von Bildungsauftrag und Gewinninteressen.
Herdtke warnt davor, dass "ein Schulfach Wirtschaft zum Fach der Wirtschaft und Wirtschaftsverbände wird und wirtschaftsliberal-konservatives Denken in die Schulen bringen soll." Demgegenüber müssten Bildungspolitik und Wirtschaftsdidaktik den wissenschaftlichen und politischen Pluralismus in der ökonomischen Bildung in allgemein bildenden Schulen sichern. Den Unternehmer- und Wirtschaftsverbänden stehe kein Alleinvertretungsanspruch für 'die Wirtschaft' zu. Auch Akteure wie Gewerkschaften, Umwelt- und Verbraucherverbände hätten zu wirtschaftlichen Themen Wichtiges zu sagen. Deshalb gehöre in einer Demokratie die öffentliche ökonomische Bildung allen.
Wichtige Ergebnisse der Studien im Überblick
- Hinter der bildungspolitischen Forderung, ökonomische Bildung durch ein eigenes Schulfach Wirtschaft zu Lasten anderer Fächer auszuweiten, steht ein einflussreiches Netzwerk von Wirtschaftsverbänden, privaten Großunternehmen und wirtschaftsliberal-konservativen Einrichtungen und Akteuren.
- Dieses Netzwerk für mehr ökonomische Bildung an Schulen ist durch Projekte, Personen, Publikationen und Finanzströme mit den Parteien CDU, FDP und CSU, mit ihnen nahe stehenden Einrichtungen sowie mit von ihnen geführten Bildungs- und Wissenschaftsministerien verbunden. Das übrige politische Spektrum bleibt ausgegrenzt.
- Das Netzwerk steht für eine ökonomische Bildung, auf die Privatunternehmen, Wirtschaftsverbände und wirtschaftsliberal-konservative Organisationen inhaltlich erheblichen Einfluss nehmen. Alle anderen Interessen und Institutionen wie Arbeitnehmer-, Verbraucher- oder Umweltverbände oder die Sozialwirtschaft bleiben marginal.
- Die von Wirtschaftsverbänden, Privatunternehmen und wirtschaftsliberal-konservativen Organisationen breit in die Schulen gestreuten Lernmaterialien sind nicht selten wissenschaftlich und politisch tendenziös und fördern oft einseitig unternehmernahe Weltbilder, Akteure und Interessen.
- Besonders enge Beziehungen bestehen zwischen diesem Netzwerk und der Finanz- und Versicherungsindustrie. Sie wirkt als Organisator, Geldgeber und Produzent von Lernmaterial. Sie vermittelt auch ihr Vertriebspersonal an Schulen, das dort über Versichern und Geldanlegen unterrichten soll.
- Wirtschaftsverbände und einzelne Konzerne dominieren die Angebote zur Lehrerfortbildung im Feld der ökonomischen Bildung und gewinnen personellen und inhaltlichen Einfluss auch auf staatliche Fortbildungseinrichtungen.
- Die ökonomische Allgemeinbildung bildet inzwischen eine kleine Wirtschaftsbranche, die staatlich vielfältig subventioniert wird. Eine Reihe von Personen und Organisationen profitieren ökonomisch von mehr ökonomischer Bildung. Dazu gehören auch Einrichtungen an Universitäten, deren Unabhängigkeit durch interessierte Geldgeber in Gefahr gerät.
- Insgesamt ergibt sich durch dieses Netzwerk das Bild einer von den Interessen großer Privatunternehmen und Wirtschaftsverbände dominierten ökonomischen Bildung, die wirtschaftsliberal-konservativen Philosophien, Positionen, Personen, Politiken und Interessen einen bevorzugten Platz einräumt.
- Eine Alternative zu diesem ideologisch, interessenspezifisch und parteipolitisch einseitig strukturierten Netzwerk für mehr ökonomische Bildung existiert bisher nicht. Das Schulfach Wirtschaft wird so zum Fach der Wirtschaft. Bleiben andere wissenschaftliche und politische Positionen und gesellschaftliche Gruppen weiter randständig, wird der Pluralismus aus der ökonomischen Bildung vertrieben. Des-halb muss die Bildungspolitik den öffentlichen Bildungsauftrag der Schulen auch in der ökonomischen Bildung gegenüber einseitigen Einflüssen verteidigen.
Weiterführende Links
- Initiative für eine bessere ökonomische bildung
- Studie: „Wem gehört die ökonomische Bildung? Notizen zur Verflechtung von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik“ (PDF)
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