Interview

Wie viele Tabs haben Sie gerade geöffnet?

Die Digitalisierung bereichert das Lernen, sorgt aber auch für Ablenkung und Stress. Wie Achtsamkeit Lehrenden und Lernenden helfen kann, bessere Leistungen zu erzielen und gesund zu bleiben, erläutert Alexandra Andersen im Interview. Ein Interview von Roman Eisner

01.03.2024 Bundesweit Artikel mobile.schule Magazin
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mobile.schule: Wie defnieren Sie Achtsamkeit? 

Alexandra Andersen: Achtsamkeit bedeutet, dass ich mir bewusst bin, wo ich gerade bin, was ich tue und was ich denke – und das möglichst wertfrei. Dass ich also auf dem Weg in die Schule nicht schon an den Unterricht denke, sondern mir klarmache, dass ich gerade auf dem Weg von A nach B bin, in der Bahn, auf dem Fahrrad, zu Fuß. Achtsam sein heißt im Moment sein. Das bedeutet, die körperlichen Empfindungen sowie Gedanken und Gefühle in diesem Moment wahrzunehmen und zu akzeptieren. Das ist in der heutigen Zeit eine Herausforderung.

Alexandra Andersen unterrichtet an einem Würzburger Gymnasium Latein, Italienisch, Katholische Religion und Lernen mit Achtsamkeit. Sie bietet Fortbildungen für Lehrkräfte zu Achtsamkeit an. 2020 ist ihr Buch „Achtsamkeit im Unterricht“ erschienen.

mobile.schule: Warum? 

Andersen: Weil unsere Zeit so schnelllebig geworden ist. Viele Dinge sollen gleichzeitig erledigt werden. Die Digitalisierung hat durchaus einen Teil dazu beigetragen. Es hilft, sich diese Schnelllebigkeit immer wieder bewusst zu machen: Wo bin ich gerade mit dem Kopf, wenn ich chatte oder mit Ihnen spreche? Bin ich bei der Sache oder woanders? Wie viele Tabs habe ich nebenbei geöffnet, wenn ich an einem Webinar teilnehme? Wie viele Nachrichten verschicke ich nebenbei auf dem Smartphone? Die Ablenkung ist das Phänomen unserer Zeit.

mobile.schule: Sind digitale Medien also der Feind von Achtsamkeit?

Andersen: Nein, Achtsamkeit steht nicht im Gegensatz zur Digitalisierung. Achtsamkeit soll die digitale Transformation begleiten und einen gesunden Umgang mit ihr ermöglichen. Die Digitalisierung verleitet dazu, viele Dinge gleichzeitig zu tun und sich nicht auf eine Sache zu konzentrieren. Das erzeugt einen hohen Cortisolwert, also Stress, und der ist auf Dauer ungesund. Achtsamkeit kann unter anderem dazu verhelfen, den Cortisolwert zu senken.

Top 3 Achtsamkeitsübungen für Lehrkräfte: 

  • Eine Minute Stille zu Beginn jeder Unterrichtsstunde
  • Smartphone aus dem Arbeitszimmer entfernen
  • Pausen machen nach der Pomodoro-Technik: 25 Minuten arbeiten, 5 Minuten pausieren

mobile.schule: Ist die Schule der Ort, um Achtsamkeit zu vermitteln?

Andersen: Ja, denn wir Lehrkräfte haben einen enormen Einfluss auf die Schülerinnen und Schüler. Es ist sehr hilfreich, wenn sich Lehrkräfte ihrer Wirkung bewusst sind. Unser Schulsystem ist nach wie vor auf Wissen ausgelegt. Gleichzeitig soll die Schule zur Persönlichkeitsbildung der jungen Menschen beitragen. Wir können den Schülerinnen und Schülern Methoden zeigen, die ihnen ein Leben lang weiterhelfen. Wir haben daher an unserer Schule das Fach „Lernen mit Achtsamkeit“ eingeführt.

Top 3 Achtsamkeitsübungen für Schüler/-innen: 

  • „3 ein, 5 aus“-Atemübung: Wenn man aufgeregt, gestresst oder nervös ist, trägt es zur Entspannung bei, länger auszuatmen als einzuatmen. 3 Sekunden einatmen, 5 Sekunden ausatmen.
  • Bewegungsübung: Körper schütteln oder abklopfen
  • Dankbarkeitsroutine: Bevor man morgens aufsteht, sollte man überlegen: Wofür bin ich gerade dankbar? Das kann das warme Bett sein oder die eigene Gesundheit. Man kann auch ein Dankbarkeitstagebuch führen und sich am Abend drei Dinge notieren, für die man an diesem Tag dankbar ist. Der Fokus auf das Positive hilft dabei, das Gedankenkarussell, das sich morgens und vor dem Einschlafen häufig zu drehen beginnt, zu verlangsamen.

mobile.schule: Was genau lernen die Schülerinnen und Schüler in dem Fach?

Andersen: Achtsamkeit beim Lernen bedeutet: Ich kenne mich als Lerntyp und gehe mit meinen individuellen Lernpräferenzen achtsam um. Die Schüler/-innen lernen dort Lernstrategien und verbessern ihre Konzentrationsfähigkeit. Neben dem Lernen sollten sie nicht Netflix gucken, chatten oder telefonieren. Wie sie das schaffen können, auch wenn sie keine Lust darauf haben, können wir ihnen beibringen. Und in jeder Stunde von „Lernen mit Achtsamkeit“ trainieren wir eine Achtsamkeitsübung. Im ersten Halbjahr der 5. Jahrgangsstufe ist dieses Fach mit einer Stunde wöchentlich verpflichtend, im zweiten Halbjahr wird es als Wahlfach angeboten. Um die Wirkung zu erhöhen, unterrichten wir das Fach in halber Klassenstärke.

mobile.schule: Wie können Lehrkräfte auch ohne ein Extra-Fach Achtsamkeit vermitteln?

Andersen: Zum Beispiel mit Übungen zur Atmung, Visualisierung, Bewegung und durch Pausen. Selbst zwei Minuten Pause sind gut investiert. Auch ein kurzer Check des eigenen Körpers zu Anfang der Unterrichtsstunde hilft: Was fühle und spüre ich im Augenblick?

mobile.schule: Wie können Lehrkräfte ihre eigene Achtsamkeit fördern?

Andersen: Alltägliche Tätigkeiten eignen sich zum Einstieg. Lehrkräfte laufen den ganzen Tag durch das Schulgebäude. Es bietet sich an, diese Wege bewusst zu gehen und nicht an die nächste Unterrichtstunde zu denken. Ich habe mir angewöhnt, die Kolleginnen und Kollegen und die Schüler/-innen, die mir begegnen, wahrzunehmen und sie zu grüßen – gedanklich bin ich aber beim Gehen.

mobile.schule: Und wenn Sie in der Klasse ankommen?

Andersen: Dann beginnen wir die Stunde mit einer Minute Stille. In der Schule ist es so laut, dass es mir wichtig ist, in Stille zu beginnen. Solche Kleinigkeiten, die ich mit vollem Bewusstsein durchführe, tragen zur Achtsamkeit bei. Eine Minute kann jede Lehrkraft dafür aufbringen.


Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:

mobile.schule Magazin, Ausgabe 2/2023, S. 10-13, www.mobileschule.net 



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