„Wir brauchen Aufbruchstimmung“
Individuelle Förderung, Vorbereitung auf das Berufsleben, Erziehung zu selbstbewussten Mitgliedern der Gesellschaft – das sollten Schulen Kindern und Jugendlichen ermöglichen, meint Christian Büttner. Was Schulen dafür brauchen und wie die Politik dabei helfen kann, erläutert er im Interview. Von Roman Eisner
04.11.2024 Bundesweit Artikel mobile.schule Magazinmobile.schule: Sie haben als Lehrer, bei einem Schulträger und als Leiter eines Lehrerfortbildungsinstitutes gearbeitet, aktuell beraten und forschen Sie zu digitaler Bildung. Was ist für Sie die größte Herausforderung im Schulsystem?
Christian Büttner: Jede Schule, jede Kommune und jede Region hat unterschiedliche Herausforderungen. Aber alle haben die Aufgabe, Schulen zukunftsfähig zu machen. Schulen also so zu transformieren, dass sie ihrem Auftrag gerecht werden, die Schülerinnen und Schüler optimal zu fördern. Damit sie gut vorbereitet für das Berufsleben oder das Studium sind. Gleichzeitig muss es gelingen, die Schülerinnen und Schüler zu selbstbewussten und kritischen Bürgerinnen und Bürgern zu erziehen.
Wie können Schulen das schaffen?
Büttner: Schulen können das nicht alleine leisten. Dazu braucht es die Zusammenarbeit zwischen Schulen, Lehrkräften, Eltern, Unternehmen, anderen Professionen wie Schulpsychologie und Sozialarbeit sowie außerschulischen Lernorten. Das machen manche Schulen schon sehr gut, andere müssen sich noch weiter öffnen oder brauchen mehr Unterstützung. Und natürlich hängt die Leistungsfähigkeit einer Schule auch mit den finanziellen Voraussetzungen zusammen, die in einer Kommune oder einem Bundesland herrschen.
Müssten sich die politischen Strukturen verändern, damit alle Schulen die notwendige Unterstützung bei der Transformation erhalten?
Büttner: Ich bin ein Fan des Föderalismus, aber auch von Individualisierung vor Ort. Eine Region im Norden Deutschlands ist anders als eine im Süden oder im Osten. Die Schulträger und Schulen müssen vor Ort mehr Verantwortung übertragen bekommen. Ich gehe davon aus, dass die Politik immer das Beste für die Schulen will – aber nicht immer das Beste tut, damit es auch das Beste wird.
Wie meinen Sie das?
Büttner: Ein Beispiel ist die Digitalisierung. Der Föderalismus sorgt hier für zu viele unterschiedliche Strukturen. Das deutsche Schulsystem braucht Datenschutzbestimmungen nicht in 16 verschiedenen Ausführungen, eine zentrale Fassung würde reichen. Auch bei der Schulfinanzierung und der Vergleichbarkeit von Lehrplänen würde mehr Einheitlichkeit helfen.
Sie beraten unter anderem auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Sind die von Ihnen genannten Probleme dort bekannt?
Büttner: Allen Verantwortlichen auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene sind die Herausforderungen bewusst. Ich bin davon überzeugt, dass jeder politische und administrative Entscheidungsträger das Beste für die Schulen will. Aber alle sind auch etwas gefangen in ihren eigenen Zuständigkeiten und ihren Abläufen. Um das zu ändern, brauchen wir eine Aufbruchstimmung im Bildungssystem. Das funktioniert an einzelnen Schulen schon sehr gut, aber wir können uns nicht mit einigen Leuchtturmschulen begnügen. Diesen Spirit müssen wir in die Fläche tragen.
Christian Büttner ist Vorstandsvorsitzender des Bündnisses für Bildung und Geschäftsführer des Forschungsinstituts Bildung Digital. Zuvor leitete der ehemalige Berufsschullehrer das Institut für Pä- dagogik und Schulpsychologie Nürnberg und koordinierte die IT an Nürnberger Schulen
Sie sprachen von mehr Eigenverantwortung für die Schulen. Wie kann das helfen?
Büttner: Mit mehr Eigenverantwortung meine ich in erster Linie, dass eine Schulleitung eine Schule auch wirklich mit eigenen Ideen leitet und nicht nur verwaltet. Dafür braucht sie neben Verwaltungskompetenz die pädagogische und didaktische Unterstützung durch das Lehrerkollegium und natürlich auch ein entsprechendes Budget. Ob eine Schulleitung dieses Budget in enger Abstimmung mit der Kommune oder alleine verwaltet, ist eigentlich egal.
Worauf kommt es dann an beim Budget?
Büttner: Aktuell stecken wir Geld in das Schulsystem und dieses Geld wird irgendwie ausgegeben. Aber niemand fragt: Wie viel Geld brauchen die Schulen tatsächlich? Wie leiten wir es sinnvoll in die Schulen? Denn viele Gelder, die für Schulen gedacht sind, landen gar nicht zielgerichtet vor Ort, sondern sind zeitlich oder projektgebunden. Somit fehlt in vielen Fällen die Nachhaltigkeit, aber nachhaltige Schulentwicklung braucht Zeit und Verlässlichkeit.
Viele Bildungsinvestitionen sind also zu kurz gedacht?
Büttner: Ja, man spricht dann von Anschubfinanzierung oder einem einmaligen aufwändigen Modellprojekt, stellt sich aber nicht die Frage: „...und danach?“ Wir müssen die Denkrichtung ändern: Welche Vision habe ich von Schule? Was braucht es, um diese Vision umzusetzen? Nach diesen Fragen richten sich dann auch die Ausgaben. Bisher ist es andersherum: So viel Geld ist da und das Schulsystem muss sich danach richten.
Im August hat das Startchancen-Programm begonnen. Ist das ein Beispiel für Sie, wie Gelder richtig an den Schulen landen?
Büttner: Ja, das Startchancenprogramm ist aus zweierlei Hinsicht gut. Erstens, weil es den Fokus auf Schulen mit einem herausfordernden Umfeld legt. Die Schulen, die mehr brauchen, bekommen jetzt auch mehr. Zweitens läuft das Programm nicht nur zwei oder drei Jahre, sondern über zehn Jahre hinweg. Diese Schulen haben damit Planungssicherheit und können sich langfristig entwickeln. Die spannende Frage wird sein, wie die Schulen damit umgehen und ob sie ausreichend Unterstützung und Beratung bei ihrer Entwicklung erhalten.
Inwiefern brauchen die Schulen Beratung?
Büttner: Schulen müssen sich Zeit nehmen zu überlegen, wie sie dieses Geld investieren. Das dürfen keine Schnellschüsse sein. Wo steht meine Schule? Wohin entwickelt sie sich? Wo liegen die Stärken, Herausforderungen und der Bedarf meiner Schule? Lehrkräfte und Schulleitungen sind teilweise nicht dafür ausgebildet oder haben nicht die zeitlichen Ressourcen, solche langfristigen Schulentwicklungsfragen zu klären und vor allem auch umzusetzen. Sie brauchen die Unterstützung durch die Wissenschaft, die an der richtigen Stelle evidenzbasiert zum Beispiel als Prozessbegleiter hilft.
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Ein anderes Großprojekt im Bildungswesen holpert noch. Warum ist der Digitalpakt 2.0 noch nicht beschlossen?
Büttner: Die Vereinbarung zum Digitalpakt 2.0 hätte am 16. Mai kommen sollen. Die Bundesregierung hat Schwierigkeiten, ihren Haushalt auf die Beine zu stellen. Und die Bundesländer tun sich schwer, ihren Part zu finanzieren. Wir dürfen nicht vergessen: Der Digitalpakt 1.0 war eine Finanzierung von 90 zu 10 Prozent zwischen dem Bund auf der einen und den Ländern und Kommunen auf der anderen Seite. Jetzt ist eine 50-zu-50 Finanzierung geplant und das ist für viele Länder eine Herausforderung. Aber ich gehe davon aus, dass Bund und Länder sich einigen.
Und falls nicht?
Büttner: Die Kommunen würden mit Sicherheit weiter in die Digitalisierung der Schulen investieren, aber weniger als vorher. Die IT, Hardware und Software an den Schulen würden veralten. Aber das Schlimmste: Es käme zu einem großen Vertrauensverlust in die Politik. Denn die Regierung hat in ihrem Koalitionsvertrag eindeutig versprochen, dass sie den Digitalpakt 2.0 umsetzen wird.
Dieser Artikel ist zuerst im mobile.schule Magazin Ausgabe 4/2024, S. 4-7 erschienen.
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