"Wir haben weder vor, eine Schulform abzuschaffen, noch werden wir eine neue Schulform erfinden"
(red) Der Regierungswechsel in Niedersachsen vor zwei Jahren macht sich insbesondere auch in der Bildungspolitik bemerkbar: Mit der Schulgesetznovelle wird in diesem Jahr wieder das neunjährige Gymnasium eingeführt, die Gesamtschulen werden gestärkt und verbindliche Schullaufbahnempfehlungen am Ende der Grundschulzeit wird es nicht mehr geben. Im Vorfeld der didacta erläutert die niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt die Gründe für diese Veränderungen.
16.02.2015 Artikel"Wir rudern nicht zurück, wir gestalten ein neues modernes Abitur"
Im Jahr 2004 wurde in Niedersachsen das achtjährige Gymnasium eingeführt. Die damalige niedersächsische Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) feierte vier Jahre später diese Umstellung als Erfolg. Sie rudern nun zurück. Mit der Schulgesetznovelle soll ab 2015 das neunjährige Gymnasium wieder eingeführt werden. Warum hat sich die verkürzte Gymnasialzeit nicht bewährt?
Frauke Heiligenstadt: Das G8 wurde damals im Eilverfahren eingeführt. Das hat in der Folge zu Druck und Stress in den Klassenzimmern geführt, bei Schülerinnen und Schülern, aber auch bei Lehrkräften. Für viele Familien war die verkürzte Schulzeit insgesamt eine Belastung. Aus der übereilten Einführung des G8 haben wir gelernt und in einem breit angelegten Dialog und mit der notwendigen Zeit für fachliche Erwägungen darüber diskutiert, welche Wege es gibt, die Schwierigkeiten zu beheben. Das Ergebnis ist, dass wir den Schülerinnen und Schülern wieder mehr Zeit zum Lernen und Leben geben werden mit einem neuen Abitur nach neun Jahren. Lassen Sie mich dabei eines deutlich sagen: Wir rudern nicht zurück, wir gestalten ein neues modernes Abitur, das viele innovative Komponenten in sich vereinen wird. So stärken wir die Kernkompetenzen im Bereich Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen. Gleichzeitig bleibt mehr Zeit, um jede Schülerin und jeden Schüler besser individuell zu fördern und den Übergang von der Schule in den Beruf besser vorzubereiten. Mit der Intensivierung und Verankerung der Studienorientierung wird Studienabbrüchen im Vorfeld entgegengewirkt. Niedersachsen möchte aber auch mehr Abiturientinnen und Abiturienten für die duale Ausbildung begeistern – darum wird die Berufsorientierung fester Bestandteil des Gymnasiums. Mit diesem Ansatz sichern wir die hohe Qualität des Abiturs in Niedersachsen, fördern vertieftes, nachhaltiges Lernen und bereiten die jungen Menschen besser auf das Leben nach der Schule vor.
"Wir wollen der Umsetzung der Inklusion mehr Zeit geben"
Mit der Schulgesetznovelle soll auch die Inklusion vorangebracht werde, unter anderem durch Regionalstellen für schulische Inklusion. Dies klingt nicht nach einem flächendeckenden schulischen Angebot. Ist dies also gar nicht beabsichtigt?
Frauke Heiligenstadt: Nach fachlichen Hinweisen im Zuge des Anhörungsverfahrens haben wir uns entschlossen, dass die Förderschulen ihre Funktion als Förderzentren behalten und wir insgesamt der Umsetzung der Inklusion mehr Zeit geben. Die Regionalstellen für schulische Inklusion sind nicht Gegenstand der Schulgesetznovelle. Wir arbeiten aber nach wie vor daran und wollen gemeinsam Konzepte und verschiedene Varianten im Detail entwickeln.
"Dieser Druck gehört nicht in die Grundschule"
Bei den Übergängen zu den weiterführenden Schulen verfahren die Bundesländer unterschiedlich, der Elternwille wird mal mehr, mal weniger berücksichtigt. Niedersachsen will nun auf verbindliche Schullaufbahnempfehlungen verzichten. Setzen Sie damit ausschließlich auf die Kompetenzen der Eltern in dieser Frage?
Frauke Heiligenstadt: Bereits seit Jahren wählen die Eltern sehr verantwortungsbewusst die Schulform an, die sie für ihr Kind am geeignetsten halten. Wir wollen die Eltern auf ihrem Entscheidungsweg unterstützen. Aus diesem Grund sieht unser Gesetzentwurf zwei Beratungsgespräche durch die Grundschulen vor. Dies erweitert den pädagogischen Spielraum der Lehrkräfte und unterstützt die Erziehungsberechtigten, die richtige Entscheidung bei der Wahl der weiterführenden Schule für Ihr Kind zu fällen. Die Schullaufbahnempfehlung in ihrer bisherigen Form führt schon sehr früh in der Grundschule zu einem Druck, der nicht in die Grundschule gehört.
"Es gibt keinen Grund, dass Klassenfahrten ausfallen müssen"
Viel Ärger hat die Erhöhung der Lehrverpflichtung für Gymnasiallehrer um eine Stunde hervorgerufen - bis hin zum Schulfahrten-Boykott etlicher Gymnasien. Sehen Sie unterdessen Chancen für eine Lösung des Konflikts?
Frauke Heiligenstadt: Ich bin ständig mit allen Beteiligten im Gespräch. Fakt ist: An vielen Gymnasien finden Klassenfahrten statt, an anderen haben die Lehrkräfte entschieden, diese zu streichen. Das allein zeigt schon, es gibt keinen Grund, dass Klassenfahrten ausfallen müssen. Dies zeigt sich auch durch das Beispiel der Gesamtschulen: Hier haben die Lehrkräfte von jeher eine Unterrichtsverpflichtung von 24,5 Wochenstunden und die Klassenfahrten finden selbstverständlich statt! Das gilt umso mehr, als dass wir ein umfangreiches Entlastungspaket für die Lehrkräfte geschnürt haben. Dazu gehört unter anderem ein geringerer Korrekturaufwand im neuen Abitur nach 13 Schuljahren, aber auch ein extra auf Lehrkräfte zugeschnittenes Modell der Altersteilzeit, um früher aus dem aktiven Dienst zu scheiden. Persönlich finde ich es sehr bedauerlich, dass das Streichen von Klassenfahrten als politisches Druckmittel zulasten der Schülerinnen und Schüler eingesetzt wird.
"Ich halte es für richtig, die Diskriminierung von Gesamtschulen weiterhin abzubauen"
Mit der Schulgesetznovelle werden die Gesamtschulen gestärkt. Denn die Kommunen als Schulträger müssen nicht mehr neben einer Gesamtschule zusätzlich alle anderen Schulformen anzubieten. Welche Rolle wird die Oberschule in der Zukunft noch haben?
Frauke Heiligenstadt: Bei der Oberschule ändert sich nichts. Sie gehört in unsere Vielfalt wie jede andere Schulform auch. Wir haben weder vor, eine Schulform abzuschaffen, noch werden wir eine neue Schulform erfinden. Allerdings gibt es seit Jahren den Trend, dass immer weniger Schülerinnen und Schüler an Haupt- und Realschulen wechseln. Das hat damit zu tun, dass die Eltern die Schullaufbahn ihrer Kinder möglichst lange offen halten wollen und daher die Nachfrage nach Gesamtschulen und Oberschulen zunimmt. Daher halte ich es für richtig, die Diskriminierung von Gesamtschulen weiterhin abzubauen und sie wie die Oberschulen als sogenannte ersetzende Schulform zu ermöglichen. Die Schulträger erhalten so mehr Gestaltungsspielraum und können ihre Schullandschaft entlang der regionalen Bedingungen zukunftsfähig gestalten.
Dazu auf der didacta 2015 in Hannover
Dienstag 24. bis Samstag 28. Februar 2015
In Halle 15, Stand F64 wird das Niedersächsische Kultusministerium während der Messe folgende Schwerpunktthemen zeigen:- Ganztagsschule
- Berufsorientierung
- Inklusive Schule
Aus dem Bereich der berufsbildenden Schulen werden drei berufsbildende Schulen folgende Inhalte präsentieren:
- Berufs- und Studienorientierung durch Kooperation von kaufmännisch geprägten berufsbildenden Schulen mit allgemeinbildenden Schulen
- Vermittlung von berufsbezogener Medienkompetenz, Stärkung der Kompetenzbereiche in der ökologischen Landwirtschaft
- Dual kooperative Beschulung von Schülerinnen und Schülern der Berufsfachschule Elektrotechnik und der Berufsschule
Dienstag, 24. Februar 2015
Schule in Niedersachsen: Chancen für jeden
Mit der "Zukunftsoffensive Bildung" hat die Niedersächsische Landesregierung eines der größten Bildungspakete in der Geschichte des Landes geschnürt. Ziel ist es, die Qualität aller Bildungsbereiche nachhaltig zu erhöhen und die Arbeits- und Lernbedingungen vor allem in den Schulen zu verbessern. Die Umsetzung der Inklusion, der deutliche Ausbau des Ganztags, zusätzliche Unterstützungsangebote für Schulen, ausgeweitete pädagogische Fort- und Weiterbildungen und vieles mehr sollen für mehr Bildungsgerechtigkeit und bessere Bildungschancen sorgen. Wo steht die "Zukunftsoffensive Bildung" heute? Welche bildungspolitischen Schwerpunkte setzt die Landesregierung zukünftig? Referentin: Frauke Heiligenstadt, niedersächsische Kultusministerin; Moderation: Katja Irle, Bildungs- und Wissenschaftsjournalistin sowie Autorin, 14:00 – 15:00 Uhr, Forum Bildung, Halle 16, Stand E20
Mittwoch, 25.Februar 2015
Für mehr gute Ganztagsschulen
Die Ganztagsangebote an Schulen werden ausgebaut, aber nicht immer ist die Qualität gesichert. Ganztag ist mehr als Unterricht am Vormittag, Essensausgabe am Mittag und Betreuung mit Freizeitangeboten an drei Nachmittagen. Vor- und Nachmittag müssen aus einem Guss sein und zur Rhythmisierung des Lernens genutzt werden. Der Ganztag wird immer noch zu sehr unter dem Stichwort Betreuung und zu wenig unter dem Stichwort Bildung diskutiert. Dabei schafft eine gute Ganztagsschule bessere Chancen zur individuellen Förderung aller Kinder, der leistungsschwächeren wie -stärkeren Schülerinnen und Schüler. Nicht zuletzt bietet der Ganztag mehr Raum für eine systematische und praxisnahe Berufs-orientierung und Übergangsbegleitung. Die Kooperation mit Betrieben als außerschulischen Lernorten kann gut integriert und weiter intensiviert werden. Im Netzwerk SCHULE WIRTSCHAFT unterstützen Unternehmen die Berufsorientierung der Jugendlichen im Ganztag mit Praxisanteilen. Welche Ganztagsmodelle gut laufen, woran es noch hapert und welche Bedingungen für gute Qualität notwendig sind, diskutiert Ulrike Plewnia, Focus, mit Frauke Heiligenstadt, Kultusministerin Niedersachsen, Dr. Alfred Lumpe, Bundesarbeitsgemeinschaft SCHULE WIRTSCHAFT, Harald Knapp, Pfingstbergschule Mannheim, und Axel Witt, Unternehmerverbände Niedersachsen. 13:00 – 13:45 Uhr im Forum didacta aktuell, Halle 23, Stand E41
Qualität hat ihren Preis - frühkindliche Bildung zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Mehr Anerkennung und bessere Rahmenbedingungen für pädagogische Fachkräfte und KinderDie Anforderungen in den Kindertagesstätten als Bildungseinrichtungen sind in vielfacher Hinsicht stark gestiegen. Die Rahmenbedingungen wurden jedoch nicht entsprechend angepasst. ver.di fordert die Verbesserung des niedersächsischen Kita-Gesetzes und die Aufwertung der pädagogischen Arbeit durch eine angemessene Eingruppierung und Bezahlung. Die niedersächsische Landesregierung hat die frühkindliche Förderung zu einem zentralen Politikbereich erklärt. Eine grundlegende Verbesserung des Kita-Gesetzes steht jedoch noch aus. Welche Rahmenbedingungen brauchen wir, um den heutigen Anforderungen Rechnung zu tragen? Was ist notwendig, das Berufsfeld so attraktiv zu machen, dass sich junge Menschen in Zukunft für einen Beruf entscheiden? Podiumsdiskussion mit der niedersächsischen Kultusministerin Frauke Heiligenstadt und dem ver.di-Bundesvorsitzenden Frank Bsirske, 15:00 - 16:30 Uhr Convention Center (CC), Saal 15/16.
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