BY - Schulstruktur

Zehn Jahre R6 in Bayern - überforderte Kinder, riesige Klassen und verlassene Schulen

Die flächendeckende Einführung der sechsstufigen Realschule in Bayern vor zehn Jahren prägt die bayerische Bildungslandschaft von heute mehr denn je: Realschulen und Gymnasien platzen aus allen Nähten, die Belastungen für die Lehrerschaft sind extrem geworden. Die meisten Grundschulkinder leiden unter dem massiven Übertrittsdruck am Ende der vierten Klasse.

16.04.2010 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Zahlreiche Studien belegen, dass Kinder davon krank werden, viele verlieren Motivation und Lernfreude. Der private Bildungssektor boomt. In überfüllten Klassen unterrichten zu wenig Lehrer, die Unterrichtsversorgung ist auf Kante genäht. Hinzu kommt, dass die räumlichen Kapazitäten nicht ausreichen und Schüler nicht selten in Containern unterrichtet werden müssen. Gleichzeitig stehen zum Teil teuer renovierte Hauptschulgebäude leer. Seit Einführung der "R6" mussten über 600 Hauptschulen schließen. Mit gravierenden Folgen für die Kommunen, denn sie büßen mit dem Verlust der Schule Standortvorteile ein. "Wer angesichts dieser Tatsachen von einem Erfolgsmodell R6 spricht, verkennt die Realität", erklärte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel. Er erinnerte daran, dass sein Verband vor zehn Jahren mit dem Volksbegehren gegen die Einführung der R6 "Für eine bessere Schule" gescheitert war. "Leider bestätigen die gegenwärtigen schul- und bildungspolitischen Verwerfungen in Bayern, dass wir mit unseren damaligen Befürchtungen nicht übertrieben haben."

Schülerinnen und Schüler empfinden es heute als persönliches Versagen, wenn sie auf die Hauptschule gehen müssen. Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind schlecht. Während die Hauptschulen ausbluten, platzen die Realschulen aus allen Nähten. Die Lehrerinnen und Lehrer arbeiten dort teilweise unter unerträglichen Bedingungen: Die Klassen sind mit bis zu 35/36 Schülern riesig, die Lehrerinnen und Lehrer werden während ihrer Ausbildung kaum auf die teilweise sehr schwierige Schülerschaft vorbereitet. Sie sehen sich mit Problemen konfrontiert, die zu Überforderungen führen können. Sie kümmern sich auch noch häufig um die Bildungsbiografien gescheiterter Gymnasiasten und versuchen, ihnen wieder eine Perspektive zu geben. Bei ausufernden Klassengrößen und mangelnder Versorgung mit zusätzlichem Personal tendieren die Möglichkeiten der individuellen Förderung gegen Null. "Für den angeblichen' "Erfolg´ der Realschule zahlen Schüler, Eltern, Lehrer und nicht zuletzt die Kommunen einen hohen Preis", so das Fazit Wenzels.

An den Hauptschulen hat sich die Unterrichtssituation seit Einführung der R6 dramatisch verändert: Lehrer und Lehrerinnen müssen feststellen, dass in den Eingangsklassen die leistungsstarken und engagierten Schüler fehlen. Hatten früher starke Schüler leistungsschwächere positiv beeinflusst und angespornt, fehlt diese indirekte Unterstützung nun völlig. Die Schüler fünfter Jahrgangstufen fühlen sich häufig als "Versager", sie befinden sich in einem Motivationstief und sind deprimiert. Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt spricht Bände: Hauptschulabgänger - egal ob mit oder ohne Abschluss - finden nur sehr schwer eine Lehrstelle. Tausende von ihnen werden in sog. "Berufsvorbereitenden Kursen" geparkt oder wiederholen freiwillig die letzte Jahrgangsstufe, um nicht auf der Straße zu stehen. Wenzel: "Niemand muss sich daher wundern, wenn Eltern alles unternehmen, ihr Kind nicht auf eine Hauptschule zu schicken." Der Kampf um den Übertritt beginnt in der Grundschule, nicht selten mit dem Schuleintritt. Kinder brechen bei der Note "drei" in Tränen aus - "mit Pädagogik hat das nichts mehr zu tun."

Für den "Run" auf die R6 machte Wenzel auch die übereilte Einführung des achtjährigen Gymnasiums verantwortlich: "Viele Schülerinnen und Schüler scheitern dort angesichts der gestiegenen Anforderungen und wechseln auf die Realschule. Nicht wenige Eltern schicken ihr Kind aber auch lieber gleich auf die Realschule, um ihm so das achtjährige Gymnasium zu ersparen. Sie fürchten lange Unterrichtstage, schlechte Lernbedingungen, unzureichende Förderung und oder mangelnde Mittagsbetreuung."

Der BLLV hält fest: Veränderungen der Schulstrukturen haben die bayerische Schullandschaft erschüttert. Lösungen sieht der BLLV in regionalen Konzepten. Ziel muss sein, gewachsene Strukturen weiter zu entwickeln. "Es darf nicht sein, dass für Versäumnisse und Fehlentwicklungen in der Schul- und Bildungspolitik Schüler, Lehrer, Eltern und Kommunen büßen müssen", sagte Wenzel.


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