Gastbeitrag

Gerechte bildungspolitische Ressourcenverteilung ist möglich

Der vom Zentrum für Interdisziplinäre Regionalforschung an der Ruhruniversität Bochum (ZEFIR) erstellte und soeben veröffentlichte 6. Werkstattbericht "Schulsegregation messen" ist wie der 5. Werkstattbericht über die freie Grundschulwahl ein Ergebnis der wissenschaftlichen Begleitforschung zu dem Landesmodellvorhaben (KeKiz) "Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor" Während die Grundschulstudie eine differenzierte und an der tatsächlichen sozialen Belastung der einzelnen Grundschule orientierte Ressourcenverteilung empfiehlt, zeigt die Studie zur Schulsegregation, mit welchem datenbasierten Verfahren die Belastung schulscharf ermittelt werden kann.

20.01.2016 Nordrhein-Westfalen Artikel Dr. Brigitte Schumann
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Thomas Groos, der Autor des Werkstattberichts, weist nach, dass mit einem unaufwändigen landeseinheitlichen Verfahren in Kooperation mit den Kommunen die soziale Situation einer jeden Kita, einer jeden Grundschule und einer jeden weiterführenden Schule in NRW anhand ihrer sozialstrukturellen Zusammensetzung hinreichend genau über einen Sozialindex bestimmt werden kann.

Die rot-grüne Landesregierung steht in der Kritik

Seit Jahren hat die rot-grüne Landesregierung die versprochene Entwicklung und Einführung eines wissenschaftlich validen Sozialindexes für eine gerechte bildungspolitische Planung und Verteilung von Ressourcen verschleppt. Mit dem Forschungsbericht eröffnet sich jetzt die konkrete Perspektive, aussagekräftige Daten für eine bedarfs-gerechte Ressourcenverteilung für alle Kitas, Grundschulen und weiterführenden Schulen des Landes bereitzustellen. Damit kann der dringenden Forderung von Kommunen, Verbänden und Akteuren in den Bildungseinrichtungen endlich nachgekommen werden, im Sinne einer bedarfs-gerechten Verteilung Ungleiches ungleich zu behandeln.

Dass dieser Grundsatz bei der Lehrerzuweisung anhand einheitlicher, messbarer Kriterien in allen Bundesländen umgesetzt werden muss, fordert auch der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration in seiner jüngsten Studie. Nach dieser Studie gehört NRW im Ländervergleich zu den Bundesländern "mit geringer Datennutzung bei der Lehrerzuweisung" und einem dringenden Nachholbedarf.

Zwar gibt es seit 2006, eingeführt von der schwarz-gelben Vorgängerregierung und von Rot-Grün fortgeführt, einen Schulsozialindex. Er gilt aber unter Bildungsexperten als untauglich. Kritisiert wird, dass die soziale Belastung auf der Ebene der einzelnen Schule damit nicht realistisch abgebildet werden kann, weil der Sozialindex lediglich auf der Ebene der Kreise und kreisfreien Städte errechnet wird. Die an diesen Sozialindex geknüpften zusätzlichen Mittel in Form von Lehrerstellen werden den Schulämtern zugewiesen und von der Schulaufsicht nach Einschätzung der sozialräumlichen Standortsituation ausschließlich an Grund- und Hauptschulen verteilt. Mit der freien Schulwahl lässt sich jedoch aus der Belastung des Sozialraums, dem die Schule zugeordnet ist, keinesfalls zuverlässig auf die sozialstrukturelle Zusammensetzung der Schülerschaft schließen. Dies hat die Studie zu den sozialen Folgen freier Grundschulwahl gerade eindeutig empirisch belegt.

Das neue Verfahren berücksichtigt die Situation der einzelnen Bildungseinrichtung

ZEFIR hat einen Vorschlag für ein landeseinheitliches Verfahren zur sozialen Kita- und Schulindexbestimmung entwickelt, das in seinen einzelnen Schritten im Werkstattbericht minitiös dargestellt und begründet wird. Es beruht zum einen auf der Nutzung von räumlichen SGB-II-Dichteberechnungen, die grundsätzlich von dem Landesbetrieb Information und Technik (IT. NRW), der Landesdatenverarbeitungszentrale für NRW, vorgenommen werden können. Dabei werden aus den individuellen SGB-II-Daten so genannte Rasterdaten erstellt, die eine räumliche Bezugsdichte von Leistungsempfängern anonymisiert abbilden. Das hier benutzte Verfahren ist kompatibel mit EU-Richtlinien und Datenschutzvorschriften und wurde von dem Schulministerium bereits für die Bildung von Schulstandorttypen verwendet.

Zur präzisen Bestimmung der sozialen Situation einer Bildungseinrichtung werden die aus den SGB-II- Dichteberechnungen gewonnenen Informationen um die Adressinformationen der Kinder bzw. Jugendlichen, die diese Einrichtung besuchen, erweitert und miteinander verknüpft. Dieses Vorgehen geht von der Grundidee aus, dass die SGB-II-Dichte des Wohnumfelds des Kindes Auskunft über die Wahrscheinlichkeit gibt, ob es auch Empfänger staatlicher Grundsicherungsleistungen ist. Die Adressinformationen liegen den Kommunen für die Kitas vor, da die Platzvergabe von den Jugendämtern vorgenommen wird. Die Adressen der Erstklässler sind den Kommunen zum Zwecke der Schulpflichtüberwachung ebenfalls bekannt. Im Falle der weiterführenden Schule könnten sie im Zuge der Schulentwicklungsplanung von den Schulen abgefragt werden.

Überprüfung belegt die Validität des neuen Verfahrens

Nach dem neuen Verfahren hat ZEFIR den Sozialindex für die Mülheimer Grundschulen bestimmt. Die Ergebnisse wurden mit Sozialindices verglichen, die ZEFIR im Auftrage der Stadt Mülheim auf der Basis von Daten aus der Schuleingangsuntersuchung bereits berechnet hat. Als Ergebnis des Vergleiches stellt Groos heraus, "dass das Verfahren der SGB-II-Dichteschätzung über die Wohnadressen der Schülerinnen und Schüler die reale soziale Schulstruktur sehr genau abbilden kann." ZEFIR empfiehlt daher, den Ansatz auch auf alle Kindertageseinrichtungen und weiterführende Schulen zu übertragen.

Die Landespolitik ist am Zug

Der Werkstattbericht legt eigentlich folgendes Szenario nahe: Die Landesregierung erfasst nach Absprache und mit Hilfe der Kommunen die Wohnadressen der Kinder und Jugendlichen in den jeweiligen Bildungseinrichtungen zentral und nimmt mit Unterstützung von IT. NRW eine zentrale Sozialindexbestimmung nach einheitlichen Kriterien vor. Diese Daten werden den Kommunen für ihre qualitative Schulentwicklungsplanung zur Verfügung gestellt, während die Fachressorts des Landes sich darauf verpflichten, sie für eine bedarfs-gerechte Planungs- und Ressourcensteuerung einzusetzen.

Nicht mehr hinnehmbar wäre es, sollte die Landesregierung datenschutzrechtliche Bedenken zur Verhinderung vorschieben. Probleme des Datenschutzes, die im Prozess der Statistikproduktion auftauchen, sind lösbar und stellen kein grundsätzliches Hindernis dar, so ZEFIR. Es gilt der Satz: Wer einen gerechten Sozialindex will, sucht nach Lösungen, wer ihn verhindern will, sucht nach Problemen.

Nicht mehr hinnehmbar ist die Verteidigung der Praxis, Ressourcen zum Ausgleich von sozialer Benachteiligung "freihändig" verteilen zu lassen nach dem Grundsatz: "Die Kommunen wissen schon am besten, wo sie handeln müssen." So geschehen in der aktuellen Pressemitteilung der SPD-Fraktion im Düsseldorfer Landtag zur freien Grundschulwahl.

Sozialindexbasierte Umverteilung sonderpädagogischer Ressourcen für inklusive Schulentwicklung - ein Gebot der Gerechtigkeit!

Zwischenzeitlich ist der Handlungsdruck für die Einführung und Anwendung eines verlässlichen, landeseinheitlichen Sozialindexes gewachsen. Das Ministerium für Schule und Weiterbildung hat seit dem Schuljahr 2014/15 die bisherige individuumsbezogene sonderpädagogische Ressourcenverteilung für die Förderschwerpunkte Lernen, emotionale und soziale Entwicklung sowie Sprache (LES) durch eine systemische regionale Budgetierung ersetzt. Die Stellenzuweisung von Sonderpädagogen an Schulen ist nicht länger an die individuelle Feststellung gebunden, ob bei Kindern mit Lern- und Entwicklungsproblemen ein sonderpädagogischer Förderbedarf vorliegt. Die Zuweisung erfolgt pauschal und die Verteilung liegt bei weiterführenden Schulen in der Hand der zuständigen Bezirksregierung, bei Grundschulen in der Hand des zuständigen Schulamtes. Dabei wird als Bedarfsgröße die sonderpädagogische Förderquote des Schuljahres 2013/14 im Bereich LES zugrunde gelegt. Die Schulen beklagen, dass die Verteilungskriterien weder transparent offengelegt werden noch zu gerechten, nachvollziehbaren Ergebnissen führen.

Tatsächlich hat Dr. Schwarz vom Wuppertaler Institut für bildungsökonomische Forschung an der Bergischen Universität Wuppertal nachgewiesen, dass es bei der Verteilung des Stellenbudgets auf die allgemeinbildenden Schulformen zu verblüffenden Ergebnissen kommt, die nicht mit der vorhandenen Zahl der Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf an den Schulformen erklärt werden können. "Obwohl an Gymnasien lediglich 496 Schüler mit Förderbedarf im Bereich LES unterrichtet werden (0,6 % aller Schüler mit diesen Förderbedarfen landesweit) erhalten diese Schulen 1,1% des regionalen Stellenbudgets, d. h. doppelt so viele Stellen wie anhand des Status Quo der Bedarfe zu erwarten wären." Schwarz hat errechnet, dass die durchschnittliche Relation "Schüler je Stelle LES" an Gymnasien bei 4,8 liegt, während sie an Gesamtschulen, die die Inklusion im Bereich LES zusammen mit den Hauptschulen "stemmen", nur bei 7.0 liegt. Für Schwarz bedarf die ungerechtfertigte Privilegierung der Gymnasien einer korrigierenden Nachsteuerung.

Da das Schulministerium gleichzeitig mit der eingeführten Budgetierung auch den Anteil der diagnostizierten und etikettierten Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf LES deutlich zurückführen will, sind zukünftig die Förderquoten an den Schulen kein verlässlicher Indikator für eine gerechte Verteilung von Sonderpädagogenstellen. Eine sozialindexbasierte Ressourcensteuerung kann hier für die notwendige Abhilfe sorgen, da es einen unbestrittenen Zusammenhang zwischen der sozialstrukturellen Zusammensetzung der Schülerschaft und der Häufigkeit von Lern- und Entwicklungsproblemen gibt.

Weitere Informationen
6. Werkstattbericht "Schulsegregation messen"
Landesmodellvorhaben (KeKiz) "Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor"


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