Förderschulen

Mit Inklusionsquoten wird bildungspolitisch getäuscht - auch in NRW

(red) Welche Aussagekraft haben Inklusionsquoten? Sind sie ein wirksamer Indikator für den Erfolg der Inklusionspolitik in Deutschland oder doch schlicht ein politisches Täuschungsmanöver? Dr. Brigitte Schumann zieht in ihrem Beitrag eine kritische Bilanz des sogenannten Inklusions-Booms, am Beispiel von NRW.

15.06.2015 Artikel
  • © bikl.de

(Brigitte Schumann) Am Beispiel von Bayern hat Hans Wocken sehr konkret nachgewiesen, wie Inklusionsquoten als politisches Täuschungsmanöver eingesetzt werden. Abgesehen davon, dass die quantitative Entwicklung nichts über die Qualität aussagt, verschleiern die Kultusministerien mit "Erfolgsmeldungen" über den Anstieg ihrer Inklusionsquoten vor allem die Tatsache, dass die Segregation von Schülerinnen und Schülern in Förderschulen trotz des Inklusions-Booms keineswegs abgebaut wird. Den Anstieg der Inklusionsquoten erklärt Wocken damit, dass mittels sonderpädagogischer Diagnostik zunehmend ausufernd nicht behinderte Schülerinnen und Schüler der Grundschulen bei Leistungsschwächen und/oder Verhaltensauffälligkeiten als behindert etikettiert und zu "Inklusionsschülern" transformiert werden. Mit seiner Untersuchung über Inklusion an Grundschulen in Nordrhein-Westfalen bis zum Schuljahr 2012/13 hat nun auch Andreas Kloth im Zeitvergleich den Inklusionsquotenanstieg seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) in NRW kritisch untersucht. In Übereinstimmung mit Wocken liefert er Hinweise, dass "neue Förderschüler" aus der Schülerschaft der Grundschulen rekrutiert wurden.

Das übliche Spiel mit den Inklusionsquoten

In einer aktuellen Pressemitteilung vom 5. Mai lässt NRW-Ministerin Löhrmann mit Blick auf die neuen Schuleckdaten für das Schuljahr 2014/15 wissen, dass 34,0 % der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf in der Primarstufe und der Sekundarstufe I am gemeinsamen Unterricht teilnehmen, während im Vorjahr der Anteil bei 29,6 % lag. "Inklusion ist in Nordrhein-Westfalen bereits gelebte Praxis und wird mehr und mehr zur Normalität. (…) Mehr als jede dritte Schülerin und jeder dritte Schüler mit einem Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung besucht bereits eine allgemeine Schule", so die Ministerin. Mit der Präsentation des Inklusionsquotenanstiegs als Beleg für erfolgreiche Inklusion wird das übliche politische Ritual zelebriert. Zudem soll der Eindruck entstehen, dass die Inklusionsentwicklung an den allgemeinen Schulen das Produkt einer "behutsamen" politischen Steuerung ist.

Entwicklung der Inklusionsquoten in NRW

Kloth stellt fest, dass von 1991, dem ersten Jahr der sonderpädagogischen Datenaufzeichnung in NRW, bis zum Schuljahr 2012/13 der Anteil der Kinder mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf an Grundschulen von 2,6 % auf 33,6 % gewachsen ist. Er erkennt einen deutlichen Anstieg ab 2008 und vermutet zu Recht, dass dies eine Folge der Ratifizierung der UN-BRK ist. Dabei fallen die Inklusionsquoten in den einzelnen Förderschwerpunkten sehr unterschiedlich aus.

Die Anteile der inklusiv beschulten Schülerinnen und Schüler mit Entwicklungsproblemen liegen mit 40,7 % deutlich höher als die der Schülerinnen und Schüler der sonstigen Förderschwerpunkte, die zusammen auf 17,9 % kommen. Die ungleiche Verteilung der Inklusionschancen ist ersichtlich. Kloth stellt im Übrigen fest, dass mit der Inklusionsquote auch die Förderquote in NRW gewachsen ist. Hatten 1991 nur 3,7 % aller Schülerinnen und Schüler in der Primarstufe einen Förderbedarf, so sind es 2012 inzwischen 7,0 %. Am deutlichsten gestiegen ist die Förderquote bei den Schülerinnen und Schülern mit Problemen des Lernens, Verhaltens und der Sprache, die auch den größten Inklusionsquotenanstieg verzeichnen.

Ungebremste Segregationsentwicklung in NRW

Auch wenn die NRW Statistik keine Förderschulbesuchsquoten, wie die Segregationsquoten im Sprachgebrauch der Kultusminister offiziell heißen, ausweist, lassen sie sich doch anhand der Schülerzahlen errechnen. Kloth stellt fest, dass der Anteil der Primarstufenschülerinnen und-schüler (an allen Schülerinnen und Schülern der Primarstufe), die eine Förderschule besuchen, seit 1991 in NRW um 28 % angestiegen ist, und zwar von 3,64 % im Jahr 1991 auf 4,67 % im Jahr 2012.

Kloth hat auch die Entwicklung der Segregationsquoten für die einzelnen Förderschwerpunkte von 1991 bis 2012 untersucht. Ab 2008 sinkt der Anteil der Schülerinnen und Schüler an den Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen (LE) und erreicht ein Minus von 47 % gegenüber dem Wert von 1991. Demgegenüber steht allerdings ein auffälliger Anstieg der Segregationsquoten in allen anderen Förderschwerpunkten. Besonders stark gestiegen ist die Quote der Schülerinnen und Schüler an der Förderschule für Emotionale und soziale Entwicklung (ESE um 139 %), die Quote an der Förderschule für Geistige Entwicklung (GG um 88 %) und die Quote an der Förderschule für Sprache (SB um 61 %).

Die negative Bilanz in dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung macht Kloth besonders stutzig, denn die Prävalenz geistiger Behinderung kann nach seiner Auffassung innerhalb von 21 Jahren unmöglich so stark zugenommen haben. Kloths Erklärung für dieses Phänomen lautet: "Die scheinbar positive Tendenz, das starke Abfallen der Förderschulbesuchsquote LE, nährt in Anbetracht des sehr starken Anstiegs der Förderschulbesuchsquoten ESE, SB und gar GG den Verdacht, dass die SuS, denen zuvor der Förderschwerpunkt LE zugeschrieben wurde, inzwischen auf Förderschulen ESE, SB oder gar GG umgeleitet werden."

Wocken hat in seiner Untersuchung die Unbestimmtheit sonderpädagogischer Kategorien und deren missbräuchliche Anwendung bei der Diagnostik kritisiert. Zusätzlich verleiht die Entdeckung des nordrhein-westfälischen Landesrechnungshofs aus jüngster Zeit, dass Schülerinnen und Schülern mit emotionalen und sozialen Entwicklungsproblemen an Förderschulen zum Zwecke zusätzlicher Ressourcengewinnung eine Schwerbehinderung zugeschrieben wurde, der von Kloth geäußerten Hypothese große Plausibilität.

Die "neuen Förderschüler" in NRW

Für die Klärung der Frage, wer die Schülerinnen und Schüler in NRW sind, die für den Anstieg der Inklusionsquote bei gleichzeitigem Wachstum der Segregationsquote und der Förderquote sorgen, zieht Kloth auch die Untersuchung von Kocaj u.a. (2014) heran. Die Forscher konnten herausfinden, dass Schülerinnen und Schüler mit festgestelltem sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf insbesondere im Bereich LE an Grundschulen bessere Kompetenzergebnisse, aber auch einen günstigeren soziokulturellen Hintergrund und höhere kognitive Grundfertigkeiten aufweisen als vergleichbare Schülerinnen und Schüler an den Förderschulen.

Kloth kommt zu einem ähnlichen Ergebnis wie Wocken. " Aufgrund ansteigender Förderquoten, Förderschulbesuchsquoten und Inklusionsquoten und festgestellten Unterschieden zwischen Förderschülern mit dem Förderschwerpunkt Lernen an Förderschulen und Grundschulen komme ich zu dem Schluss, dass Inklusion für die Schüler der Förderschulen nur begrenzt wirksam ist. Vielmehr scheint es so, als ob es sich bei den inklusiv beschulten Schülern um "neue Förderschüler" aus der Schülerschaft der Grundschule handelt."

Ehrlich werden!

Die Umwandlung von Grundschulkindern zu "Inklusionskindern" ist in dem System der sonderpädagogischen Förderung angelegt, wonach ausschließlich an die Etikettierung des einzelnen Kindes zusätzliche sonderpädagogische Ressourcen für die Schulen gebunden sind. Insbesondere Schulen in sozialen Brennpunkten, die unter Ressourcenmangel leiden, mögen in der Etikettierung die einzige Möglichkeit sehen, ihre geringen Präventions- und Inklusionsmittel aufzustocken. Die Sonderpädagogik ist als Ressourcenbeschaffer zu Diensten, indem sie mit ihrer Diagnostik Behinderung konstruiert. Die Leidtragenden sind die zu Unrecht als "behindert" kategorisierten und abgestempelten Kinder und jene, die hinter den offiziellen Erfolgsmeldungen über "inklusive" Schulentwicklung gänzlich verschwinden. Auf diesen Systemfehler hat Wocken ausdrücklich in seiner Untersuchung hingewiesen und eine Umstellung der kindbezogenen auf eine systembezogene Ressourcenzuweisung gefordert.

NRW hat mit dem 9. Schulrechtsänderungsgesetz, das mit dem Schuljahr 2014/15 in Kraft getreten ist, diesen Schritt getan, um die ausufernde Etikettierungs- und Ressourcenbeschaffungspraxis im Bereich LE, ESE und SB in den Griff zu bekommen. Mit der grundsätzlich richtigen Entscheidung für die Einführung der systembezogenen Finanzierung sonderpädagogischer Förderung wird aber noch nicht das Problem der Ressourcenknappheit an den allgemeinen Schulen behoben. Qualitative Aspekte der Inklusionsentwicklung bleiben weiterhin außen vor. Gezielter Segregationsabbau und eine gerechte Beteiligung aller Förderschwerpunkte an der Inklusion sind damit noch nicht gesichert. Auch die kontraproduktive Rolle des Systems "Sonderpädagogik", das eindeutig an das überkommene Förderschulsystem gebunden ist, wird für den Prozess der Inklusion nicht ausreichend beleuchtet. Für eine ehrliche Entwicklung muss ein unabhängiges Inklusionsmonitoring aufgebaut werden, das in konsequenter Orientierung an dem Inklusionsbegriff und den Zielen der UN-Behindertenrechtskonvention die Effekte der Inklusionspolitik beobachtet, bewertet und entsprechend politischen Einfluss nimmt.

Zur Person:
Dr. Brigitte Schumann war 16 Jahre Lehrerin an einem Gymnasium, zehn Jahre Bildungspolitikerin und Mitglied des Landtags von NRW. Der Titel ihrer Dissertation lautete: "Ich schäme mich ja so!" - Die Sonderschule für Lernbehinderte als "Schonraumfalle" (Bad Heilbrunn 2007).


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