Interview

Trösten verboten?

Schon die ersten Lebensjahre legen wichtige Grundlagen für die mentale Gesundheit von Kindern. Warum Kitas dabei eine Schlüsselrolle spielen und weshalb Wut, Angst oder Frust ausdrücklich erwünscht sind, erklärt eine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Ein Interview von Franziska Schuberl

12.10.2026 Bundesweit Artikel Franziska Schuberl
  • © Adobe Stock „Ein psychisch gesundes Kind erlebt unterschiedliche Gefühle – Freude genauso wie Angst, Traurigkeit oder Frust.“

Meine Kita: Mentale Gesundheit und frühe Kindheit bringen viele Menschen nicht miteinander in Verbindung. Warum sollte das Thema schon in der Kita eine Rolle spielen?

Charlotte Hanisch: Die meisten Kinder sind glücklicherweise psychisch gesund, genauso körperlich. Trotzdem sollten wir der mentalen Gesundheit genauso viel Aufmerksamkeit schenken wie der körperlichen. Wir vermitteln Kindern ganz selbstverständlich, warum gesunde Ernährung, Bewegung oder ausreichend Schlaf essenziell sind. Bei der psychischen Gesundheit machen wir das noch zu wenig. Dabei beginnt genau in der frühen Kindheit der Aufbau wichtiger Kompetenzen.

Was genau verstehen Sie unter mentaler Gesundheit bei kleinen Kindern?

Kinder lernen nach und nach, ihre Gefühle wahrzunehmen, sie einzuordnen und erste Strategien zu entwickeln, mit schwierigen Situationen umzugehen. Diese Fähigkeiten sind die Grundlage dafür, sich langfristig psychisch gesund zu entwickeln. Mentale Gesundheit bedeutet viel mehr als die Abwesenheit einer psychischen Erkrankung. Es geht darum, wie Kinder fühlen, denken und handeln. Ein psychisch gesundes Kind erlebt unterschiedliche Gefühle – Freude genauso wie Angst, Traurigkeit oder Frust. Entscheidend ist nicht, dass nur angenehme Gefühle vorkommen, sondern dass das Kind zunehmend lernt, mit seinen Emotionen umzugehen.

Charlotte Hanisch ist Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche sowie Professorin für Psychologie und Psychotherapie in Heilpädagogik und Rehabilitation an der Universität zu Köln. Als Leiterin der Hochschulambulanz für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie forscht und arbeitet sie zu den Themen psychische Gesundheit, Prävention und frühe Förderung von Kindern.

Beobachten Sie Veränderungen bei der mentalen Gesundheit von Kindern?

Für junge Kinder gibt es erst wenige belastbare Daten. Schaut man aber auf Kinder ab fünf oder sechs Jahren, sehen wir seit der Coronapandemie einen deutlichen Anstieg psychischer Belastungen. Besonders Ängste und depressive Symptome sind häufiger geworden. Und viele dieser Werte sind bis heute nicht wieder auf das Niveau vor der Pandemie zurückgegangen. Hinzu kommt, dass auch Eltern und Familien heute stärker belastet sind. Globale Krisen, Unsicherheiten und Sorgen wirken sich selbstverständlich auch auf Kinder aus.

Woran können pädagogische Fachkräfte erkennen, dass es einem Kind möglicherweise psychisch nicht gut geht?

Zunächst einmal ist wichtig zu wissen: Wutanfälle, Tränen oder Frust gehören zur normalen Entwicklung dazu. Kleine Kinder lernen erst nach und nach, ihre Gefühle zu regulieren. Entscheidend ist der Vergleich mit anderen Kindern desselben Alters. Fachkräfte erleben täglich, wie Kinder mit typischen Alltagssituationen umgehen – beim Abschied von den Eltern, beim Warten, bei Konflikten oder Übergängen. Wenn ein Kind in solchen Situationen dauerhaft stärker reagiert als Gleichaltrige, sich kaum beruhigen kann oder immer wieder große Auffälligkeiten zeigt, lohnt es sich genauer hinzuschauen. Mentale Gesundheit zeigt sich vor allem im Alltag – etwa wenn ein Kind sich gut auf neue Situationen einstellen kann, Übergänge bewältigt, sich auf den Kita-Tag einlässt. All das sind Bausteine einer gesunden psychischen Entwicklung.

Die frühe Kindheit legt also ein Fundament?

Ganz genau. Kinder entwickeln einen ersten Wortschatz für ihre Gefühle, lernen sie zu benennen und machen erste Erfahrungen damit, Frustration, Unsicherheit oder Enttäuschung auszuhalten und zu bewältigen. Das sind kleine Entwicklungsschritte, die für uns oft selbstverständlich wirken. Tatsächlich bilden sie die Basis für die psychische Widerstandskraft im späteren Leben.

Deshalb spielen Kitas hier so eine bedeutende Rolle.

Ja, sogar eine enorm wichtige. Programme zum sozialen und emotionalen Lernen können dafür sinnvoll sein, aber noch wichtiger ist das, was jeden Tag im Alltag der Kinder passiert. Gerade für die Kleinen, die zu Hause weniger verlässliche Bindungserfahrungen machen, werden pädagogische Fachkräfte zu relevanten Bezugspersonen. Kinder lernen emotionale Kompetenzen vor allem durch die Erwachsenen, die sie begleiten. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, schwierige Gefühle zu vermeiden.

Sondern?

Kinder sollen Frustration erleben dürfen. Sie dürfen traurig sein oder Angst haben. Aufgabe von Erwachsenen ist es nicht, ihnen jedes unangenehme Gefühl abzunehmen, sondern ihnen Werkzeuge an die Hand zu geben, damit umzugehen. Ich beobachte momentan häufig eine große Verunsicherung. Viele Erwachsene möchten ihre Kinder vor negativen Gefühlen schützen. Das halte ich für den falschen Weg. Kinder werden stark, indem sie lernen, schwierige Gefühle zu bewältigen – natürlich mit Unterstützung.

Wie kann das ganz konkret aussehen?

Nehmen wir an, ein Kind kommt weinend zur Fachkraft und sagt: „Die anderen wollten mich nicht mitspielen lassen.“ Der erste Schritt besteht darin, das Gefühl wahrzunehmen und zu spiegeln. Statt sofort Lösungen anzubieten, könnte die pädagogische Fachkraft sagen: „Du wirkst gerade sehr traurig“ oder „Kann es sein, dass dich das verletzt hat?“ Maßgeblich ist, das Gefühl als Angebot zu formulieren und nicht einfach festzulegen, was das Kind empfindet. Anschließend sollte das Gefühl erst einmal da sein dürfen. Erwachsene möchten häufig sofort trösten oder die Situation lösen. Dabei hilft Kindern zunächst die Erfahrung: „Jemand sieht, wie es mir gerade geht.“

Welche weiteren Schritte helfen im Anschluss?

Vielleicht überlegen Kind und Fachkraft gemeinsam, warum die anderen Kinder gerade schon mitten im Spiel waren. Vielleicht möchte das Kind es noch einmal selbst versuchen und nachfragen. Vielleicht braucht es Unterstützung oder erst einmal eine kleine Pause. Dabei gilt immer: so viel Hilfe wie nötig, aber so wenig wie möglich. Das Ziel ist, dass Kinder zunehmend eigene Strategien entwickeln und resilient werden.

Was verstehen Sie unter Resilienz?

Psychische Widerstandskraft. Sie entsteht nicht dadurch, dass Kinder nie schwierige Situationen erleben. Sie entsteht dadurch, dass Kinder lernen: „Ich kann mit schwierigen Gefühlen umgehen.“ Wenn Erwachsene ständig sagen: „Ist doch nicht so schlimm“ oder „Hör auf zu weinen“, lernt ein Kind vor allem eines: Dieses Gefühl soll verschwinden. Das ist keine gute Grundlage für gesunde Emotionsregulation. Jedes Gefühl ist erlaubt. Nicht jedes Verhalten.

Was meinen Sie damit?

Ein Kind darf wütend sein. Wenn es aber vor Wut ein Glas auf den Boden wirft oder andere tritt, müssen Erwachsene dieses Verhalten selbstverständlich begrenzen. Ich kann also sagen: „Ich verstehe gut, dass du wütend bist.“ Gleichzeitig mache ich deutlich: „Das Glas zu werfen ist nicht in Ordnung.“ Genau diese Trennung zwischen Gefühl und Verhalten halte ich für zentral.

Welche Methoden können Kitas im Alltag nutzen, um die psychische Gesundheit von Kindern zu stärken?

Es gibt viele Möglichkeiten. Schon Begrüßungsrituale oder gemeinsame positive Zeit stärken Beziehungen und vermitteln Sicherheit. Klare Regeln und verlässliche Abläufe geben Orientierung. Außerdem lohnt es sich, Gefühle im Alltag immer wieder zum Thema zu machen – zum Beispiel mit Bilderbüchern, Gefühlspantomime oder Gesprächen über Figuren in Geschichten. Je größer ihr Wortschatz für Gefühle wird, desto besser können Kinder ihr eigenes Erleben beschreiben. Gefühle sind nicht gut oder schlecht – sie sind Informationen. Wut zeigt uns beispielsweise, dass eine persönliche Grenze überschritten wurde. Angst schützt uns vor Gefahren. Wenn Kinder das verstehen, erleben sie ihre Gefühle nicht mehr als etwas Falsches, sondern als hilfreiche Signale.

Gibt es Faktoren, die Kinder besonders gut vor psychischen Belastungen schützen?

Ja, wobei es wichtig ist zu verstehen: Es gibt nie den einen Auslöser für eine psychische Erkrankung oder die eine Ursache für eine gesunde Entwicklung. Entscheidend ist immer das Zusammenspiel von Risiko- und Schutzfaktoren. Zu den essenziellen Schutzfaktoren gehören verlässliche Beziehungen, eine sichere Bindung, ein stabiles Umfeld und emotionale Kompetenzen. Also: Hat ein Kind gelernt, seine Gefühle wahrzunehmen und zu regulieren? Gibt es Erwachsene, die das Kind feinfühlig begleiten und ihm Sicherheit geben? Fühlt sich das Kind in seiner Familie und der Kita angenommen und unterstützt? Ich stelle mir das gern wie eine Waage vor. Auf der einen Seite liegen Belastungen und Risiken, auf der anderen Schutzfaktoren. Gerät diese Waage aus dem Gleichgewicht, steigt das Risiko für psychische Belastungen. Unsere Aufgabe als Erwachsene ist es deshalb, möglichst viele Schutzfaktoren zu stärken.

Sie erwähnten, dass ein großes Missverständnis die Vorstellung ist, Kinder müssten möglichst vor allen schwierigen Gefühlen geschützt werden. Gibt es darüber hinaus noch weitere häufige Missverständnisse rund um das Thema mentale Gesundheit?

Ein weiteres betrifft die bindungs- oder bedürfnisorientierte Erziehung. Die Grundidee ist richtig und wichtig. Problematisch wird es, wenn dabei andere Grundbedürfnisse aus dem Blick geraten. Kinder brauchen nicht nur Nähe und Bindung. Sie brauchen genauso Orientierung, Struktur, klare Grenzen und die Erfahrung: „Ich schaffe etwas allein.“ Sie müssen sich kompetent fühlen dürfen. Wenn Erwachsene aus Angst vor Konflikten kaum noch Grenzen setzen, nehmen sie Kindern letztlich etwas Substanzielles.

Gibt es Situationen, in denen Fachkräfte sich Unterstützung von außen holen sollten?

Ja, dafür gibt es drei wesentliche Kriterien. Erstens: Weicht das Verhalten deutlich von dem anderer Kinder desselben Alters ab? Zweitens: Besteht Leidensdruck? Leidet das Kind, leiden die Eltern oder machen sich die Fachkräfte große Sorgen? Und drittens: Ist das Kind in seiner Entwicklung beeinträchtigt? Kann es elementare Entwicklungsschritte nicht bewältigen – etwa weil eine Trennung von den Eltern nicht gelingt oder es an typischen Aktivitäten nicht teilnehmen kann? Treffen mehrere dieser Punkte zu, sollte eine Diagnostik von außen und das Gespräch mit den Eltern erfolgen.

Gespräche mit Eltern über psychische Auffälligkeiten ihrer Kinder sind oft sensibel. Was empfehlen Sie?

Ich würde immer konkrete Beobachtungen schildern. Zum Beispiel: „Mir ist aufgefallen, dass Ihr Kind morgens seit einigen Wochen kaum noch von Ihnen weggehen kann.“ Oder: „Es wirkt häufig sehr traurig.“ Solche Beschreibungen sind hilfreicher als Bewertungen. Anschließend kann die Fachkraft sagen: „Ich mache mir Sorgen und glaube, dass es sinnvoll wäre, einmal genauer hinzuschauen.“ Dabei sollten Fachkräfte im Hinterkopf behalten, dass Eltern sich schnell angegriffen fühlen. Viele denken sofort: „Ich habe etwas falsch gemacht.“ Gerade in solchen Gesprächen zeigt sich: Nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene brauchen manchmal Zeit, um starke Emotionen zu verarbeiten. Umso wichtiger sind Verständnis, Geduld und ein wertschätzender Umgang.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Magazin Meine Kita, Ausgabe 03/2026, S. 8-11, www.meinekita.de



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