„Lehrpläne sind nur Papier“
Das deutsche Schulsystem ist ungerecht und erzielt nur mittelmäßige Leistungen. Bildungsexperte Tenorth ist sich sicher: Auch die bundesweiten Bildungsstandards oder einheitliche Lehrpläne ändern daran nichts. Die Lehrkräfte vor Ort seien entscheidend. Interview: Roman Eisner
21.08.2026 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernendidacta: Wie definieren Sie gute und gerechte Bildung?
Heinz-Elmar Tenorth: Gebildet nenne ich jemanden, der bereit und fähig ist, sich autonom, selbstbestimmt, handlungsfähig und kreativ zu verhalten – und zwar in Bezug auf seine private Situation, seine berufliche Situation und sein soziales Umfeld. Gerechtigkeit ist ein Gütekriterium des Bildungssystems und meint die gesellschaftliche Organisation von Bildung, die in der frühkindlichen Phase beginnt und sich bis ins Erwachsenenalter über den ganzen Lebenslauf erstreckt. Wesentlich ist das Kriterium der Gerechtigkeit aber innerhalb der Dauer der Schulpflicht, die in Deutschland bis zum 18. Lebensjahr dauert.
Was muss ein gerechtes Bildungssystem leisten?
Es muss allen Heranwachsenden die Kompetenzen vermitteln, dass sie im Sinne eines Bildungsminimums gesellschaftlich, politisch, sozial und individuell handlungsfähig werden. Maximalstandards sind eine falsche Erwartung an das Bildungssystem. Gerecht ist es nicht erst dann, wenn alle Abitur machen und studieren. Das Bildungssystem muss mich befähigen, innerhalb des Systems selbst Ziele zu erreichen und zwischen den unterschiedlichen Bildungsangeboten und den Handlungs- und Lebensmöglichkeiten außerhalb des Systems kompetent zu wählen – das heißt, Abschlüsse und Übergänge zu anderen Schularten und Bildungseinrichtungen sowie in Beruf und Gesellschaft wahrnehmen zu können, ohne in Sackgassen zu landen, in denen ich weder handeln noch lernen noch wählen kann.
Heinz-Elmar Tenorth ist emeritierter Professor für Erziehungswissenschaft der Humboldt-Universität zu Ber lin. Er war Mitglied in Kommissionen und Beiräten der Kultusministerkonferenz und des Bundesbildungsminis teriums. Von 2004 bis 2014 gehörte er dem Vorstand bzw. dem Kuratorium des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen IQB an.
Und dazu reicht ein Bildungsminimum?
Ja, dahinter steht ein Suffizienz-Modell von Bildung: Die Mindeststandards müssen gesichert sein. Jeder muss einen Berufszugang finden, der es ihr oder ihm erlaubt, das eigene Leben autonom zu gestalten. Wenn ein Bildungssystem das schafft, ist es gerecht. Das bedeutet nicht Gleichheit. Bildung ist ein Instrument zur Erzeugung von Differenz. Nicht alle sollen gleich werden, sondern jede und jeder soll sich selbst realisieren können. Dafür muss das Bildungssystem allen offenstehen und sich für den Lebenslauf auszahlen. Allgemein, gleich, gerecht und wertvoll sind die vier zentralen Erwartungen. Sie korrelieren miteinander. Kein Bildungssystem kann gerecht sein, das jemanden ausschließt, also nicht allgemein ist. Keines kann gerecht sein, bei dem man am Ende keine Kompetenzen oder ein Zertifikat erwirbt, das für den Lebenslauf von Bedeutung sind.
In Deutschland ist der Bildungserfolg eines Kindes stark abhängig vom sozioökonomischen Hintergrund der Familie. Woran liegt das?
Weil unser System über die Gesamtheit der Bildungskarriere hinweg sehr viele Voraussetzungen für Erfolg schafft, diese Voraussetzungen selbst aber nicht ermöglicht oder unterstützt. Voraussetzung für Bildungserfolg ist es jetzt noch, dass die Eltern mitarbeiten und die Schule unterstützen. Die erwartet zum Beispiel, dass die Kinder in die Schule kommen und Deutsch sprechen. Dass die Kinder zu Hause Platz und Ruhe zum Lernen haben. Alles das organisiert die Schule nicht. Das ist strukturelle Benachteiligung.
Liegt das auch am deutschen Föderalismus?
Das wäre zu kurz gegriffen. Die Standarddiagnose lautet immer: Der Bildungsföderalismus ist ein System der wechselseitigen Behinderung. Er gilt als das Grundübel des Systems. Ich riskiere eine Gegenthese: Wir haben nicht 16 Bildungssysteme, sondern nur eines. Das Bildungssystem ist ein Teilsystem des gesellschaftlichen Systems, die Vernetzung zwischen den Systemen findet aber nicht durch Organisationen wie die 16 Kultusministerien oder durch verschiedene Schularten statt. Das übergreifende Element sind die Zertifikate, also die Schulabschlüsse. Das deutsche Zertifikatsystem ist einheitlich, auch wenn die Begrifflichkeiten sich teils regional unterscheiden: Hauptschulabschluss, Mittlerer Schulabschluss und Hochschulreife. Hinzukommen die Berufsabschlüsse.
Sorgt aber nicht die Vielzahl an Lehrplänen für Intransparenz bei der Benotung?
Nicht solange alle Lehrpläne eindeutig Zertifikaten zugeordnet sind. Aber: Unseren Schulabschlüssen, zum Beispiel dem Mittleren Schulabschluss, sind zu viele unterschiedliche Bildungsgänge untergeordnet, sodass nicht mehr zu erkennen ist, wie die in den Zertifikaten bescheinigten Kompetenzen überhaupt zustande gekommen sind und was das Zeugnis aussagt. Die Stärke oder Schwäche eines Systems entscheidet sich an der Frage, wie es mit dem Zertifizierungssystem umgeht. Ein Matheabitur mit 15 Punkten eines sächsischen Gymnasiums ist genauso viel wert wie dieselbe Mathenote einer Gesamtschule aus Nordrhein-Westfalen – dort sind die Anforderungen aber niedriger. Das ist ein Problem, denn chancengerecht muss auch leistungsangemessen bedeuten.
Wie lässt sich dieses Problem beseitigen?
Wir müssen die Vergleichbarkeit, Einheitlichkeit und Leistungsfähigkeit unseres Systems verbessern, um es überhaupt funktionsfähig zu halten. Und um den Kompetenzerwartungen von außen gerecht zu werden, etwa in Arbeit und Beruf oder von den Universitäten. Die erwarten zu Recht, dass jemand mit einem Abiturzeugnis auch studierfähig ist. Die Hochschulzugangsberechtigung erhalten inzwischen über 50 Prozent eines Altersjahrgangs. Seit mindestens 30 Jahren erfahren wir aber, dass 25 Prozent der Studierenden in den ersten zwei Semestern an schlichten fachlichen Kompetenzen scheitern. Sie können das elementare Handwerkszeug nicht: rechnen, schreiben, lesen, eigene Texte formulieren. Unsere Schulabschlüsse zertifizieren auch Kompetenzen, die die jungen Menschen häufig gar nicht besitzen.
Wären einheitlichere Lehrpläne eine mögliche Lösung dafür?
Die Lehrpläne müssen vergleichbar sein, sonst sind die Schulabschlüsse nichts wert. Aber Lehrpläne dürfen nicht das wichtigste Instrument unseres Bildungssystems einschränken – den Unterricht in der Klasse. Überspitzt gesagt sind Lehrpläne für Berufsanfänger und Angsthasen. Die Berufsanfänger müssen den Rahmen kennenlernen, in dem sie sich bewegen. Die Ängstlichen brauchen die Lehrpläne als Fixpunkt. Die kreative Lehrkraft hingegen kennt den Lehrplan zwar, arbeitet aber flexibel und interaktiv mit den Interessen, Erwartungen, Erfahrungen, Stärken und Schwächen der Schülerinnen und Schüler. Das Thema, an dem die Klasse arbeitet, ergibt sich aus der Kommunikation zwischen Lehrkraft und Lernenden. Der Lehrplan gibt nur den Rahmen vor, er ist Papier. Die Unterrichtssituation an der Einzelschule und individualisierte Lernmöglichkeiten sind die entscheidenden Größen für Erfolg. Insofern sollten wir Lehrpläne vereinheitlichen, damit aber nicht den Handlungsspielraum der Lehrkräfte begrenzen. Vereinheitlichen und Individualisieren zur gleichen Zeit klingt paradox, gelingt aber durch starke lokale Autonomie der Einzelschule bei konsequenter zentraler Standardisierung der Kompetenzen und ihrer Prüfungsmodi.
Seit über 20 Jahren liegen die bundesweiten Bildungsstandards vor, trotzdem werden die Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler nicht besser.
Die Bildungsstandards waren eine gute Idee, aber sie sind weder richtig implementiert noch einheitlich mit Begleit- und Fördermaßnahmen für Lehrkräfte und Kinder umgesetzt worden. Da helfen dann auch die häufigen Messungen in den IQB-Trends nichts. Das IQB stand vor der Herausforderung, die Bildungsstandards kompetenz- und fachbezogen zu definieren. Das ist gelungen. Sie nachhaltig im Unterricht zu implementieren, ist nicht gelungen. Bei der Einführung der Standards haben zudem elementare professionelle Kompetenzen gefehlt, wie IQB-Studien gezeigt haben. Viele Lehrkräfte wissen offenbar schon nicht, was eine schwierige und was eine leichte Aufgabe für Schülerinnen und Schüler ist. Es fehlt ihnen an Diagnosekompetenzen, dazu hätte es Fortbildungen für alle Lehrkräfte gebraucht. Es ist aber noch ein weiterer Fehler passiert.
Welcher war das?
Als wir 2003 die verbindlichen Mindeststandards festgelegt haben, sind sie, letztlich politisch, auf der Kompetenzstufe 2 von insgesamt 5 Stufen festgesetzt worden. Das ist zu niedrig, dafür sind oft keine fachlichen Anforderungen nötig, man muss nur Aufgaben lesen können. Wir als IQB haben rebelliert und wollten den Mindeststandard auf der Kompetenzstufe 3. Die politisch Verantwortlichen wollten ihn aber nicht höher ansetzen, damit die Tests nicht noch schlechter ausfallen. Aktuell erreichen rund 25 Prozent der Schüler/-innen nicht die Mindeststandards. Im Klartext: Diese jungen Menschen besuchen die Schule, sie lernen aber nichts. In der Summe haben wir also ein Bildungssystem, das nur so tut, als sei es standardisiert, das sich aber weder selbst angemessen evaluiert noch ausreichend auf die eigenen Defizite reagiert.
Wie lässt sich das ändern?
Entscheidend ist die Professionalität der Lehrkräfte. Sie dürfen sich nicht damit begnügen, dass ihre Schülerinnen und Schüler nur symbolische Leistungen erbringen. Dafür brauchen sie pädagogische, fachliche und soziale Kompetenzen. Aber der Lehrerberuf ist wie jeder andere: Ein Drittel ist fachlich kompetent und pädagogisch engagiert. Darüber freut sich jede Schule. Ein zweites Drittel ist nur zum Teil kompetent und engagiert. Mit denen kann eine Schule halbwegs arbeiten. Das letzte Drittel ist fachlich nicht qualifiziert, pädagogisch ignorant und will im schlimmsten Fall mit Kindern nichts zu tun haben. All das erzeugt ein System, das sich selbst Qualität vorlügt.
In einer Gesprächsrunde haben Sie vor Kurzem gesagt, das Bildungssystem müsse so durchgerüttelt werden, dass es wackelt und stürzt.
Dazu stehe ich. In unserem Bildungssystem will sich niemand mit ernsthaften Fragen auseinan dersetzen. Ein Kultusminister hat mir einmal verraten: „Wir lassen die Lehrkräfte in Ruhe, dann lassen sie uns in Ruhe.“ Das darf nicht der Weg sein. Mit einem Sturz des Systems meine ich zum Beispiel, dass alte Routinen aufgebrochen werden und alle Beteiligten zusammenarbeiten müssen. Ähnlich wie es in Hamburg passiert ist. Der frühere Schulsenator Ties Rabe wollte nicht länger hinnehmen, dass die Leistungen in Hamburg so schwach sind. Er hat den Stadtstaat, Lehrkräfte, Schüler/-innen, Universitäten und Forschende an einen Tisch gebracht und Veränderungen angestoßen. Das hat funktioniert, Schülerleistungen in Hamburg werden immer besser. Auch andere Länder müssen endlich Konsequenzen ziehen und an strategischen Stellen mit dem Veränderungsprozess beginnen.
Welche Maßnahme sollte Priorität haben?
Das Bildungsminimum muss garantiert sein. Wenn wir Absolventinnen und Absolventen aus den Schulen entlassen, die die elementaren Kompetenzen nicht beherrschen, bei den Kulturtechniken angefangen, und keine Lernfähigkeit besitzen, hat unser Schulsystem versagt. Der Staat muss dieses Bildungsminimum gewährleisten. Das gelingt nur mit einer anderen, einer paradoxen Strategie. Die Politik muss zentral die Prämissen setzen und materiell fördern, sich aber gleichzeitig in der Detailsteuerung enthalten. Gelder bereitstellen und die Bildungsinfrastruktur sichern, aber die Einzelschulen autonom agieren lassen. Diese Gleichzeitigkeit von Steuerung und Autonomisierung würde unser Bildungssystem und unser staatsfixiertes Denken – alles von oben zu erwarten – erschüttern, ist aber notwendig.
Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 2/2026, S. 46-49, www.didacta-magazin.de
- Mehr als Unterricht
- Bildungsübergänge verfestigen soziale Ungleichheit
- „Viele Probleme, die in Schule sichtbar werden, sind gar kein Problem von Schule“
Keine Kommentare vorhanden