Der Weg der Hauptschulen aus der Sackgasse
(gip). 40% aller Schüler besuchten Mitte der 1970er-Jahre eine Hauptschule. Heute sind es nur noch 22%, hat eine Studie der Kultusministerkonferenz (KMK) ergeben. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern sind gewaltig: Die aufs dreigliedrige Schulsystem schwörenden Bayern kommen auf einen Anteil von knapp 40% Hauptschülern, die Hamburger drücken den Schnitt mit 12%.
11.02.2005 ArtikelNur 6% der Eltern wollen ihr Kind auf eine Hauptschule schicken, fand das Dortmunder Institut für Sozialforschung (IFS) durch eine Umfrage heraus. Oft verlässt nur jeder zehnte Abgänger die Hauptschule mit einem Lehrvertrag in der Tasche. Tendenz fallend. Dabei erwerben heute viermal mehr Hauptschüler den Realschulabschluss "Mittlere Reife" als 1975. Trotzdem ist von "Restschule" sowie "Hinterhof der Nation" die Rede, und Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) hat gar erklärt, die Hauptschule sei nicht zukunftsträchtig.
"Man kann alles schlechtreden", hält der Psychologe Prof. Reinhold Jäger dagegen. Der Leiter des Zentrums für empirisch-pädagogische Forschung (zepf) an der Universität Koblenz-Landau ist vor allem ein Kenner der rheinlandpfälzischen Schullandschaft und wahrlich kein Gegner effizienter Bildungsreformen. Den Vergleich "Haupt- und Realschule kontra Gesamtschule" kann er dennoch nicht mehr hören. Sein Team hat beispielsweise erforscht, dass Eltern von Hauptschülern viel häufiger und intensiver die Hausaufgaben ihrer Kinder überprüfen als Eltern von Realschülern und Gymnasiasten. "In der Gesamtschule", so der Psychologe, "würden diese Kontrollen wegfallen und die Leistungsschwachen in der Masse einfach untergehen."
Rheinland-Pfalz forciert Hauptschulen
Das Bundesland hat sich deshalb vorgenommen, die Hauptschule zu stärken, ohne die Realschule überflüssig zu machen. Die Ziele sind vom rheinland-pfälzischen Bildungsministerium klar abgesteckt:
- Mit der Hauptschule soll die Berufsreife mit dem Abschluss der Sekundarstufe I erreicht werden. Besonderer Lernschwerpunkt ist das Fach Arbeitslehre. Nach dem erfolgreichen Abschluss ist der Übergang auf die Realschule, in ein Berufsbildungsjahr oder in eine Ausbildung vorgesehen. Besonders Gute können sogar auf das Gymnasium oder an spezielle Fachhochschulen wechseln.
- Mit der Realschule soll der qualifizierte Sekundarabschluss I erreicht werden. Er berechtigt zum Übergang auf berufs- und studienbezogene Bildungsgänge der Sekundarstufe II. Weitere Möglichkeiten nach erfolgreichem Abschluss der Realschule sind der Wechsel auf das Gymnasium, eine Berufsfachschule, Berufsbildende Schulen oder Fachoberschulen.
Das Ziel dieser Maßnahmen besteht darin, dass der Gymnasiast dem Realschüler nicht mehr die Lehrstelle wegnimmt, der Realschüler nicht dem Hauptschüler. Funktionieren kann dies allerdings nur, wenn die Hauptschule bei den Eltern und in der Wirtschaft wieder ihre alte Wertschätzung erhält.
Lehrpläne angeglichen
Jäger sieht Rheinland-Pfalz auf einem guten Weg: "Wir haben ein durchlässiges Schulsystem. Wer nach der Grundauf die Hauptschule kommt, hat alle Chancen, seine Stärken auszuleben." Damit die Durchlässigkeit gewahrt bleibt und auf neue Anforderungen sofort reagiert werden kann, hatte das Bildungsministerium bereits zum Schuljahr 1998/99 einheitliche Lehrplan-Kriterien für die Fächer Erdkunde, Geschichte und Sozialkunde für die Klassen 7 bis 9/10 in Haupt-, Realschule und Gymnasium in Kraft gesetzt.
Die Lehrpläne der drei Fächer wurden abgestimmt und in einem Band veröffentlicht. So wird fachübergreifendes und fächerverbindendes Arbeiten erleichtert. Der gute Hauptschüler, der den Sprung in die Realschule wagt, wird nicht mit völlig neuen Inhalten überfordert, sondern knüpft nahtlos an bisher Gelerntes an. Um den gemeinsamen Zielhorizont zu erreichen, werden die Unterrichtskonzepte den einzelnen Schularten und den unterschiedlichen Ausgangspositionen der Schüler angepasst.
Beispiel "Sozialkunde": Wenn Hauptschüler in das Thema "Die politische Ordnung der Bundesrepublik Deutschland" einsteigen, fehlen ihnen noch die entsprechenden historischen Vorkenntnisse. Deshalb fangen sie mit einem breiten historischen Überblick an. Die Realschüler, die über umfangreicheres Geschichtswissen verfügen, beschäftigen sich gleich mit dem eigentlichen Thema.
Dass die rheinland-pfälzischen Hauptschüler das Zeug zu Leistungen haben, die sie für eine erfolgreiche Berufslaufbahn qualifizieren, konnten sie beim landesinternen Mathematik-Test "MARKUS" beweisen, der sich an der internationalen Studie "TIMS" orientiert: Das Leistungsniveau der Besten in der Hauptschule liegt über dem der Leistungsschwachen im Gymnasium. Ein Indiz dafür, dass in den Gymnasien viele Schüler durchgezogen werden. Außerdem belegt das Ergebnis, was seit Jahrzehnten vermutet wird: Ein guter Hauptschüler ist an der computergesteuerten Drehmaschine besser aufgehoben als ein schlechter Abiturient, ein guter Realschüler bewährt sich am Bankschalter besser als ein wenig motivierter Ex-Gymnasiast.
Hauptschulen didaktisch weiter
Dass die Hauptschüler in Rheinland-Pfalz besser abschneiden als im bundesdeutschen Durchschnitt, begründet der Psychologe Jäger folgendermaßen:
- Die diagnostische Sensibilität der Lehrer sei in der Hauptschule besser ausgebildet als in den anderen, höheren Schularten.
- Die Orientierung des Lehrers auf den Schüler sei intensiver ausgeprägt.
- Kleingruppenarbeit werde in der Hauptschule unabhängig von der Klassengröße besser gefördert.
- Teamteaching (d. h. zwei unterrichtende Lehrer pro Stunde) sei in Hauptschulen am meisten und in Gymnasien am wenigsten verbreitet.
- Peer-Tutoring (die Stärkeren helfen im Unterricht den Schwächeren) sei in Hauptschulen ein fester Bestandteil.
Inseln der Glückseligkeit sind die Hauptschulen in Rheinland-Pfalz aber trotzdem nicht, weil viele Lehrer zwar wissen, wie es gehen müsste, dieses Wissen vor der Klasse bisher jedoch nicht umsetzen können. "
So klappt's auch mit der Hauptschule
Am konsequentesten und erfolgreichsten wird die Hauptschule in Bayern gepflegt. Beispielsweise werden überdurchschnittliche Hauptschüler systematisch auf die "Mittlere Reife" vorbereitet: Nach der 6. Klasse kommen sie in M(Mittlere Reife)-Klassen und erhalten M-Kurse in Deutsch, Mathematik und Englisch. Dadurch werden sie gezielt auf das 10. Schuljahr vorbereitet. Die Hauptvorteile gegenüber der Realschule bestehen in einem wohnortnahen Unterricht, gewohnten Lehrmethoden und Lehrern. Wer wieder in die Hauptschul-Klasse "absteigt", hat den Anschluss nicht verloren und kann bei guter Leistung sogar erneut in eine M-Klasse "aufsteigen". Auf diese Weise haben auch Spätentwickler beste Chancen, die Mittlere Reife zu erreichen.
Auch in Baden-Württemberg hat die Hauptschule ein starkes Rückgrat. Ähnlich wie beim bayerischen M-Modell werden hier so genannte Werkrealschulen angeboten: Praktisches Lernen, individuelle Förderung, ein gemäßigtes Fachlehrersystem und mehr Lernzeit bringen Hauptschüler auf den Weg zur 10. Klasse und zur Mittleren Reife. Die Entscheidung für die Fortsetzung fällt meist nach dem ersten Halbjahr der 9. Klasse. Richtschnur ist dabei ein Leistungsdurchschnitt von 2,4. Angeboten wird das Modell der Werkrealschule u. a. von allen Heilbronner Hauptschulen.
Dass großes Engagement eine Hauptschule völlig umkrempeln kann, hat auch Berlin bewiesen. Die mitten in Kreuzberg gelegene Ferdinand-Freiligrath-Oberschule war noch 1990 eine Problemschule ersten Grades, gekennzeichnet von offener Gewalt und hoher schulischer Ineffi zienz. Dies änderte sich durch das Projekt "KidS - Kreativität in die Schule". Künstler, Computerfachleute, Handwerksmeister, Chemiker, Sporttrainer und viele andere Berufsgruppen des Stadtteils geben sich in der Freiligrath-Schule heute als Unterrichtende die Klinke in die Hand. Gearbeitet wird fächerübergreifend und projektorientiert. Musicals entstehen, öffentliche Schülerlesungen fi nden statt, die Schule wird von den Jugendlichen renoviert. 1998 ist BMW mit seiner Motorrad-Sparte dazugestoßen: Seither verbringen die Hauptschüler einmal wöchentlich einen Unterrichtstag im BMW-Werk, wodurch viele ihre Chancen auf eine Lehrstelle in diesem Betrieb erhöhen.
Ansprechpartner
Prof. Dr. Reinhold S. Jäger
Leiter des Zentrums für empirisch-pädagogische Forschung
Universität Koblenz-Landau
Bürgerstraße 23
76829 Landau
Telefon: 0 63 41-9 06-1 75
Fax: 0 63 41-9 06-1 66
<jaeger@ zepf.uni-landau.de>
<www.zepf.uni-landau.de>
Erstveröffentlichung
Klett Themendienst
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