Gastbeitrag

Wir lehren Beziehung in beziehungslosen Strukturen

Angehende pädagogische Fachkräfte lernen, wie wichtig sichere Beziehungen und Bedürfnisorientierung für Kinder sind. Gleichzeitig ist die sozialpädagogische Ausbildung geprägt von Anpassung und Leistungsdruck. Ein Gastbeitrag über den Widerspruch zwischen pädagogischem Anspruch und gelebter Bildungspraxis.

29.05.2026 Bundesweit Artikel Rebecca Fuchs
  • Ein Mensch sitzt hinter einem Stapel Bücher und ist dadurch nicht weiter erkennbar. © www.pixabay.de Im schulischen Alltag erzählen Lernende immer wieder von Situationen, die sie als kontrollierend, beschämend oder emotional belastend erlebt haben.

Im sozialpädagogischen Unterricht sprechen wir über Feinfühligkeit, Bindung, Partizipation und emotionale Sicherheit. Zukünftige pädagogische Fachkräfte lernen, wie wichtig es ist, Kinder ernst zu nehmen, Bedürfnisse wahrzunehmen und sichere Beziehungen zu gestalten. Sie lernen, dass Verhalten Ausdruck innerer Zustände sein kann und dass pädagogisches Handeln weit mehr ist als reine Kontrolle. Gleichzeitig erleben viele von ihnen selbst Lernräume, die davon erstaunlich wenig widerspiegeln.

Mitten in einem Unterrichtsgespräch über Bedürfnisorientierung meldete sich vor einiger Zeit eine Schülerin und fragte vorsichtig, ob sie etwas trinken dürfe. Nicht die Frage selbst blieb mir im Kopf, sondern die Haltung dahinter. Dieses ständige Absichern. Die Angst, etwas falsch zu machen. Das Gefühl, sich möglichst angepasst bewegen zu müssen.

Im schulischen Alltag erzählen Lernende immer wieder von Situationen, die sie als kontrollierend, beschämend oder emotional belastend erlebt haben. Manche berichten davon, angeschrien worden zu sein, andere davon, kaum echte Beteiligung zu erleben. Viele wirken dabei erstaunlich angepasst – fast so, als hätten sie längst gelernt, dass es sicherer ist, nicht zu viel zu fragen, nicht anzuecken und einfach zu funktionieren.

Und genau darin liegt aus meiner Sicht ein Widerspruch, über den wir im Bildungssystem deutlich mehr sprechen müssten. Denn gerade in der sozialpädagogischen Ausbildung erwarten wir später von Menschen, dass sie Kinder stärken, beruhigen, begleiten und feinfühlig unterstützen. Sie sollen sichere Beziehungen gestalten, Konflikte regulieren und emotionale Prozesse professionell begleiten. Gleichzeitig erleben viele von ihnen selbst Bildung vor allem als Raum von Bewertung, Kontrolle und Anpassung.

Natürlich arbeiten Lehrkräfte unter enormem Druck. Schule ist komplex geworden, emotionale Belastung gehört längst zum Alltag. Es geht deshalb nicht darum, einzelne Kolleg:innen verantwortlich zu machen oder pädagogische Arbeit pauschal abzuwerten. Viele Lehrkräfte arbeiten engagiert, reflektiert und mit ehrlichem Interesse an jungen Menschen. Gerade deshalb lohnt sich die Frage, welche Strukturen und Haltungen Lernen heute prägen.

Denn Lernen ist nicht nur ein kognitiver Prozess. Motivation, Beteiligung und Entwicklung hängen eng damit zusammen, ob Menschen sich sicher fühlen, ernst genommen werden und eigene Wirksamkeit erleben können. Die Selbstbestimmungstheorie von Ryan und Deci (Niemiec & Ryan (2009)) beschreibt mit Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit zentrale psychologische Grundbedürfnisse für nachhaltiges Lernen. Trotzdem erleben viele Lernende Schule bis heute vor allem als Ort permanenter Bewertung. Kontrolle wirkt dabei oft effizienter als echte Beziehungsgestaltung. Ein stiller Klassenraum erscheint geordnet, Menschen, die funktionieren, verursachen weniger Reibung. Doch Entwicklung entsteht selten dort, wo Menschen hauptsächlich lernen, sich anzupassen.

Gerade in pädagogischen Ausbildungsberufen halte ich das für problematisch. Dabei geht es ausdrücklich nicht um grenzenlose Wohlfühlpädagogik oder darum, Anforderungen abzuschaffen. Junge Menschen brauchen Orientierung, Verlässlichkeit und klare Grenzen. Aber es macht einen Unterschied, ob Autorität vor allem über Angst und Kontrolle entsteht – oder über Beziehung, Präsenz und Vertrauen. Dort, wo Menschen sich ernst genommen fühlen, entstehen Motivation, Reflexionsfähigkeit und echte Beteiligung oft deutlich leichter als unter dauerhaftem Druck.

Vielleicht sollten wir deshalb gerade in pädagogischen Ausbildungsberufen stärker darüber sprechen, wie Lernen erlebt wird – und nicht nur darüber, was gelernt werden soll. Denn zukünftige Fachkräfte geben später nicht nur Wissen weiter. Sie geben auch Beziehungserfahrungen, Haltungen und Formen des Umgangs miteinander weiter.

Bildung vermittelt niemals nur Inhalte. Sie vermittelt immer auch, wie Menschen miteinander umgehen.

Quellen

  • Hüther, G. (2016). Mit Freude lernen – ein Leben lang. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Niemiec, C. P., & Ryan, R. M. (2009). Autonomy, competence, and relatedness in the classroom: Applying self-determination theory to educational practice. Theory and Research in Education, 7(2), 133–144.
  • Rosa, H. (2016). Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.


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