Schlechte Zeiten für Hauptschüler
Bereits jeder sechste Auszubildende kann Abitur oder Fachhochschulreife nachweisen, 39,4 Prozent haben die Realschule abgeschlossen und nur noch 30,4 Prozent verfügen lediglich über einen Hauptschulabschluss. Bei der dualen Berufsausbildung hat eine massive Verdrängung eingesetzt – auf Kosten der Hauptschulabsolventen.
23.01.2007 ArtikelNoch 1993 entschieden sich deutlich weniger Abiturienten für die duale Berufsausbildung als heute. Damals, so dokumentiert das Bundesinstitut für berufliche Bildung (BIBB), hatte etwa nur jeder achte Auszubildende ein Abizeugnis in der Tasche.
Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. So hat sich der Ausbildungsmarkt in den letzten Jahrzehnten stark verändert und die meisten Lehrverträge werden nicht mehr im Handwerk, sondern in den etwas anspruchsvolleren Dienstleistungsberufen abgeschlossen. In den IHK-Berufen ist der Anteil der Ausbildungsanfänger mit Abitur in diesem Jahr auf knapp 23 Prozent geklettert. „Und das ist dramatisch für Jugendliche, die nicht so gut in der Schule waren“, erklärt Joachim Gerd Ulrich vom BIBB. „Die Möglichkeit, Leistungen zu zeigen, indem man etwa spezielle manuelle Fertigkeiten entwickelt – im Handwerk beispielsweise – sind deutlich geringer geworden.“ Schließlich gab es im Handwerk in den letzten Jahren einen massiven Verlust an Ausbildungsplätzen.
Doch nicht nur die Verlagerung vom Handwerk zur Dienstleistung hat Auswirkungen auf die Ausbildungschancen der Hauptschüler. Entscheidender ist, dass es insgesamt wesentlich weniger Ausbildungsplätze gibt. Die Zahlen des BIBB sprechen eine deutliche Sprache. Standen Anfang der neunziger Jahre für 100 Schulabsolventen noch weit mehr als 70 Ausbildungsplätze zur Verfügung, waren es im Jahr 2005 nur noch knapp 59. Zwar stieg im Jahr 2006 die Quote wieder auf gut 61 an – das ist aber längst nicht genug. Bei diesem Überangebot an Bewerbern entscheiden sich viel Betriebe, wen wundert’s, für Schüler mit höherwertigen Abschlüssen.
Damit Hauptschulabsolventen wieder mehr Chancen auf eine Berufsausbildung haben, sind Politik und Wirtschaft aktiv geworden und entwickelten neue Konzepte, allerdings mit zweifelhaften Erfolgen. Etwa das Programm „Einstiegsqualifizierung für Jugendliche (EQJ)“, das angelegt ist für „Ausbildungsbewerber mit eingeschränkten Vermittlungsperspektiven“. Maximal ein Jahr lang können Jugendliche den betrieblichen Alltag kennen lernen. Ihre Vergütung und Sozialversicherung übernimmt die Bundesagentur für Arbeit.
Zwar setzt der erhoffte „Klebeeffekt“ tatsächlich weitgehend ein, denn immerhin beginnt mehr als die Hälfte der Teilnehmer anschließend eine Ausbildung. Allerdings sind es nicht unbedingt die benachteiligten Jugendlichen, die davon profitieren. Die Hälfte der Kursteilnehmer, so Ulrich vom BIBB, hat nämlich entweder einen Realschulabschluss oder Abitur. „Die Unternehmen sind froh, wenn sie jemanden bekommen, der gut ausgebildet ist. Das bedeutet: Die letzten beißen die Hunde.“ Denn während den Abiturienten viele Möglichkeiten der Berufsausbildung offen stehen, sind derlei Angebote für die Hauptschulabsolventen die einzige Hoffnung auf eine Berufsausbildung.
„Wir brauchen mehr Beschäftigungsangebote in einfacheren Tätigkeiten“, meint Berufsbildungsexperte Ulrich. Zum Beispiel zweijährige Ausbildungsberufe mit weniger komplexen Anforderungen. So wie es im Handel schon immer üblich war: Die Ausbildung zum Verkäufer dauert zwei Jahre und kann in einem dritten Jahr mit der Qualifikation zum Einzelhandelskaufmann erweitert werden. Bei einer solchen Modularisierung der beruflichen Ausbildung haben auch Hauptschüler mehr Chancen auf einen Ausbildungsplatz – ein wichtiger Schritt zu mehr Durchlässigkeit im Bildungssystem.
Grundsätzlich stellt sich ohnehin die Frage, wie erfolgreich das dreigliedrige Schulsystem ist, wenn den Absolventen einer bestimmten Schulform anschließend so wenig berufliche Chancen offen stehen. Nach und nach wandelt sich allerdings die Drei- in eine Zweigliedrigkeit und vereint bereits in vielen Bundesländern die Haupt- und Realschulen zu „Erweiterten Realschulen“, „Sekundarschulen“, „Mittelschulen“ oder „Regionalschulen“. Etwa im Saarland, in Bremen, in Sachsen oder in Brandenburg. Jüngst hat sich auch Schleswig-Holstein für ein solches Modell entschieden.
Doch ein Problem bleibt. „Wenn wir Beschäftigungsprobleme haben, kriselt es auf dem Lehrstellenmarkt“, rechnet Ulrich vor. „Wir haben in den letzten fünf Jahren 1,7 Millionen sozialversicherungspflichtige Jobs verloren. Sechs bis sieben Prozent davon sind Ausbildungsplätze – da kann man sich vorstellen, was verloren ging.“
DAZU AUF DER DIDACTA 2007:
- Im „forum bildung“ diskutieren Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung in Nordrhein-Westfalen, Dr. Wolfgang Meyer-Hesemann, Staatssekretär im Bildungsministerium Schleswig-Holstein, Prof. Dr. Jürgen Oelkers, Erziehungswissenschaftler an der Universität Zürich, und Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologenverbandes Nordrhein-Westfalen, am 2. März 2007, 12 Uhr, Halle 9 über „Die Hauptschule in der Sackgasse – Brauchen wir ein Zwei-Wege-Modell im Schulsystem?“
- Über „Perspektiven der Hauptschule zwischen sozialen Brennpunkten und Bildungsauftrag“ diskutieren u. a. Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Leiter der Abteilung Berufliche Bildung im Zentralverband des Deutschen Handwerks und Dr. Ernst Rösner, Institut für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund, im Forum „didacta aktuell“ am Samstag, 3. März 2007, 11–12.30 Uhr, Halle 9.
- Der Verband Bildung und Erziehung NRW informiert am 28. Februar 2007, 12-13 Uhr, Halle 6, über das Modell der Allgemeinen Sekundarschule.
- Am 3. März, 15 Uhr, Halle 10, referiert Henrik Schwarz im „Forum Ausbildung/Qualifikation“ über „2-jährige Ausbildungsberufe – ein Konzept“?
Keine Kommentare vorhanden