Sylvia Löhrmann

"Das längere gemeinsame Lernen wächst landauf landab"

(red) Die größte Bildungsmesse im europäischen Raum findet in diesem Jahr in Köln statt. Wir haben die Schulministerin des Landes Nordrhein-Westfalen, Sylvia Löhrmann nach ihren bildungspolitischen Zielsetzungen gefragt.

14.02.2013 Artikel
  • © MSW NRW

Frau Löhrmann, vor Weihnachten gab es keine guten Nachrichten aus NRW: Die UN-Behindertenrechtskonvention wird vorerst nicht umgesetzt, die schulische Inklusion also verschoben. Andere Bundesländer sind da deutlich weiter. Warum ist NRW Schlusslicht? Immerhin wurde die Konvention bereits vor drei Jahren von Deutschland ratifiziert.

Sylvia Löhrmann: Die Bewertung über den Stand in NRW ist so nicht korrekt. Wir befinden uns bereits mitten in der Umsetzung der Inklusion! Die Landesregierung ist dabei von Beginn an zweigleisig vorgegangen. Einerseits arbeiten wir an einem ersten Gesetz zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Andererseits bauen wir parallel dazu das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Handicap aus.

Dieses Vorgehen zahlt sich bereits jetzt aus: Es gibt im laufenden Schuljahr 2012/13 erneut einen deutlichen Anstieg der Integrationsquoten. Allein in den Grundschulen ist die Integrationsquote im Vergleich zum Vorjahr von 28,5 auf 33,6 Prozent gestiegen. Inzwischen arbeitet jede dritte Grundschule inklusiv, jede dritte Schülerin und jeder dritte Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf besucht eine allgemeine Grundschule.

"Der Schulkonsens wirkt nachhaltig"

Der Schulkonsens zwischen CDU, SPD und Bündnis 90/DIE GRÜNEN in NRW ist nun fast zwei Jahre alt. Zeit, um eine Zwischenbilanz zu ziehen?

Sylvia Löhrmann: Der Schulkonsens wirkt nachhaltig. Die Kommunen in NRW nutzen die neuen Möglichkeiten des Schulgesetzes offensichtlich, Sekundarschulen als weitere Regelschulform des längeren gemeinsamen Lernens zu errichten. Zum Schuljahr 2012/13 haben 42 neue Sekundarschulen und 20 neue Gesamtschulen ihre Arbeit aufgenommen. Vor Ort ist eine große Aufbruchsstimmung spürbar. Für das folgende Jahr haben 58 Schulträger Anträge auf Errichtung von 54 Sekundarschulen gesellt, 39 Schulträger haben 35 neue Gesamtschulen beantragt.

Kölner Eltern haben jetzt in einer Umfrage die Sekundarschule nicht ganz oben auf ihre Wunschliste gesetzt. Wie erklären sie sich das?

Sylvia Löhrmann: Ich erkläre mir das mit der Wahlfreiheit der Eltern, die es ja aus gutem Grund gibt. Die Kölner Eltern wollen Schulen des längeren gemeinsamen Lernens, sie wünschen sich neue Gesamtschulen. Jede Kommune ist gut beraten, den Elternwillen abzufragen und ernst zu nehmen. Es ist nicht schlimm, wenn in Köln keine Sekundarschulen entstehen. Wir haben rechtlich auch für Gesamtschulen die Möglichkeit geschaffen, Teilstandorte zu bilden. Ich mache keine Planvorgaben für bestimmte Schulformen. Das längere gemeinsame Lernen wächst landauf landab, in all seinen Variationen.

"Wir wollen für jeden Jugendliche einen ´Anschluss an den Abschluss`"

Knapp jeder 4. Ausbildungsvertrag wird bundesweit vorzeitig gelöst und beinahe jeder dritte Studierende bricht den ursprünglich gewählten Studiengang ab. Am Übergangssystem zwischen Schule und Ausbildung scheint es also erheblich zu knirschen. Was tut NRW dagegen?

Sylvia Löhrmann: Für gelingende Bildungsübergänge haben wir uns im Ausbildungskonsens 2012 als erstes Flächenland auf ein umfassendes neues Übergangssystem von der Schule in den Beruf verständigt und setzen das systematisch Schritt für Schritt um. Es sieht unter anderem vor, dass spätestens ab Klasse acht alle Schülerinnen und Schüler eine verbindliche, systematische Berufs- und Studienorientierung erhalten. Wir wollen so dafür sorgen, dass jede und jeder Jugendliche einen ´Anschluss an den Abschluss` erhält und so eine Ausbildungsgarantie ermöglichen. Der Bildungsweg soll ohne sogenannte Warteschleifen in eine Ausbildung münden können.

Rat an die Abiturienten: "Ruhig und konzentriert bleiben!"

In diesem Jahr haben die Hochschulen in NRW eine besondere Aufgabe zu stemmen, den doppelten Abiturjahrgang. Wie ist das Land darauf vorbereitet? Wie werden die Hochschulen vom Land unterstützt?

Sylvia Löhrmann: Die Gymnasien in NRW führen in diesem Jahr zwei Jahrgänge gleichzeitig zum Abitur. Das ist eine besondere Herausforderung, die von den Lehrerinnen und Lehrern angenommen und mit großem Einsatz umgesetzt wird. Wir unterstützen die Schulen dabei mit einem breiten Maßnahmenbündel. Die Schulleitungen und Oberstufenberater wurden landesweit vorbereitet. Die Vorgaben zur Vorbereitung auf die schriftlichen Aufgaben im Abitur 2013 wurden bereits zum Schuljahresbeginn 2010/11 zur Verfügung gestellt, damit die Schulen sich frühzeitig auf das Abitur vorbereiten können. Die Rahmen- und Fachprüfungstermine haben wir schon im Februar 2011 veröffentlicht.

Auch bei der Qualitätsanalyse gibt es Entlastung für den doppelten Abiturjahrgang: Sie wird zwischen Januar und Juli 2013 an Gymnasien nur auf freiwilliger Basis durchgeführt. Nach der jüngsten Prognose nehmen 2013 knapp 123.000 junge Menschen ein Studium in NRW auf. Damit die Hochschulen in NRW auch diesen zusätzlichen Studierenden ein erfolgreiches Studium ermöglichen können, erhalten sie alleine 2013 rund 820 Millionen Euro aus dem Hochschulpakt.

Und was raten Sie den Abiturienten?

Sylvia Löhrmann: Ruhig und konzentriert bleiben! Wir haben mit den 18 Gymnasien des Landes intensive Kontakte gepflegt, die das Doppelabitur schon in diesem Jahr durchgeführt haben. Die Ergebnisse sind sehr ermutigend. Die um ein Jahr jüngeren Schülerinnen und Schüler haben in allen Bereichen genauso gute Leistungen erreicht wie die Schülerinnen und Schüler des letzten G9 Jahrgangs. Abiturprüfungen fordern immer großen Einsatz und volle Leistung – aber wie die Beispiele zeigen, ist das zu schaffen.

Nach wie vor ist die Weiterbildungsbeteiligung in Deutschland - gemessen an den Zielen des Dresdner Bildungsgipfels 2008 - noch zu gering. Was tut NRW für mehr Teilhabe an der Weiterbildung, insbesondere der Menschen mit geringer Schulbildung?

Sylvia Löhrmann: Wir haben in Nordrhein-Westfalen in der Weiterbildungskonferenz einen intensiven Dialog über Wege und Instrumente geführt, um die Beteiligung an Weiterbildung zu erhöhen und Perspektiven für eine zukunftsfeste Weiterbildung zu entwickeln. Im November 2011 sind rund 70 Vertreterinnen und Vertreter aus der Weiterbildung, Kirchen, Gewerkschaften und Arbeitgebern und den kommunalen Spitzenverbänden erstmals zusammengekommen, um sich mit mir über zukünftige Entwicklungen auszutauschen. Dabei wurden zahlreiche konstruktive Vorschläge und Empfehlungen beraten, die im Oktober 2012 fertig gestellt und mit großer Mehrheit beschlossen wurden. Soweit vertretbar, werden wir die Empfehlungen umsetzen. NRW will seine Spitzenstellung in der Weiterbildung ausbauen, aber wir werden dabei den begrenzten finanziellen Spielraum des Landes beachten müssen.

Dazu auf der didacta

Forum didacta aktuell

Lehrer heute- Prellbock, Sündenbock, Alleskönner? Was können Lehrerinnen und Lehrer leisten?

19.02.2013, 12:00 - 12:45 Uhr
Viel wird über Schulreformen gesprochen, aber selten von den Personen, die letztlich alles umsetzen sollen - den Lehrerinnen und Lehrern. Die Erwartungen an sie sind sehr hoch, die Unterstützung aber gering. Was ist wirklich Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer und was nicht? Was brauchen sie an Aus- und Fortbildung, an Personalentwicklung, an Unterstützungsmaßnahmen durch Schulleitung und Bildungspolitik? Was kann die Wirtschaft beitragen? Diese Fragen sollen in der Podiumsrunde von Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Lehrer- und Schülerschaft kritisch und konstruktiv erörtert werden.

Mit Donate Kluxen-Pyta, "Starke Schule", diskutieren Sylvia Löhrmann, Kultusministerin NRW, Dr. Gerhard F. Braun, BDA-Vizepräsident, Dieter Mattik, Preisträger "Lehrer des Jahres" 2012 und der Schüler Leopold Born, Schüler-Union.

Forum Bildung

Der Referenzrahmen Schulqualität NRW

19.02.2013, 13:30 - 14:45 Uhr
Durch den Schulkonsens hat das Land Nordrhein-Westfalen einen klaren, im breiten Übereinkommen ausgehandelten Rahmen für die strukturelle Weiterentwicklung seines Schulsystems. In NRW gibt es darüber hinaus eine breite Palette von inhaltlichen Qualitätsaspekten, die schon jetzt in vielen Entwicklungskonzepten der Schulen und Bildungsregionen sowie in zahlreichen Landesvorhaben erfolgreich verfolgt werden. Hieran möchte das Land anknüpfen. Für eine systematische und nachhaltige Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung aller Schulen ist es wichtig, dieses Qualitätsverständnis offenzulegen und die vielfältigen Qualitätsaspekte systematisiert zusammenzufügen und aufeinander zu beziehen. Deshalb entwickelt das Land Nordrhein-Westfalen den Referenzrahmen Schulqualität, mit dem nicht nur Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler und deren Eltern, sondern auch die Beratungs- und Unterstützungssysteme der Schulen, die Schulaufsicht, die Aus- und Fortbildung, einen gemeinsamen Orientierungsrahmen erhalten werden. Das schafft Klarheit und Transparenz, macht die Qualitätsaspekte reflektierbar und diskutierbar und gibt Orientierung und Verbindlichkeit.

Referentin: Sylvia Löhrmann, Ministerin für Schule und Weiterbildung Nordrhein-Westfalen

Schule der Zukunft – leistungsstark, vielfältig, gerecht?

20.02.2013, 14:00 - 15:15 Uhr
Von einem sozial gerechten und leistungsfördernden Schulsystem, das alle Talente nutzt, Verschiedenheit schätzt und kein Kind zurücklässt, ist Deutschland gegenwärtig noch recht weit entfernt. Doch wie kann man diesem Ziel näher kommen? Kann Schule mit gezielten Schritten reformiert werden - oder muss das System völlig revolutioniert werden? Auf dem Forum Bildung diskutieren Sylvia Löhrmann, Ministerin für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen, Bestsellerautor und Philosoph Richard David Precht, dessen neues Buch "Anna, die Schule und der liebe Gott" im April 2013 erscheint, sowie Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung für den Bereich Bildung, über die Zukunft der Schule in Deutschland.

Teilnehmer: Dr. Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung für die Bereiche Bildung, Integration und Demokratie , Sylvia Löhrmann, Ministerin für Schule und Weiterbildung und stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen, Prof. Dr. Richard David Precht, Philosoph, Publizist und Bestseller-Autor

Inklusion – Herausforderung für Kirche, Schule und Gesellschaft

21.02.2013, 14:00 - 15:00 Uhr
Das Thema Inklusion ist das bildungspolitische Thema der Stunde. Unsere komplexe Gesellschaft steht durch die Übereinkunft der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (BRK) vor vollkommen neuen Herausforderungen. Seit März 2009 ist die BRK gültiges Bundesrecht. Die Schlüsselbegriffe Heterogenität, Selbstbestimmung, Vielfalt und Normalisierungsprinzip sind die Triebfedern einer neuen Entwicklung. Diese Veränderungen in der Gestaltung des Zusammenlebens in Vielfalt und Verschiedenheit werden auf dem Podium debattiert.

Teilnehmer: Prof. Dr. Bernd Ahrbeck, Institut für Rehabilitationswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin, Prälat Prof. Dr. Peter Beer, Generalvikar des Erzbischofs von München und Freising, Sylvia Löhrmann, Ministerin für Schule und Weiterbildung des Landes NRW, Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Düsseldorf.

VBE-Forum

Aktuelle Themen der Bildungspolitik

21.02.2013, 11:00 - 12:00 Uhr Sylvia Löhrmann, Ministerin für Schule und Weiterbildung, NRW und Udo Beckmann, Vorsitzender VBE NRW im Gespräch.

Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden