Interview

Auf Augenhöhe

Die Erziehungspartnerschaft basiert auf einem respektvollen Umgang miteinander. Das bedeutet nicht nur eine gute Zusammenarbeit zwischen Eltern und Fachkräften, sondern auch die Sichtweise des Kindes einzubeziehen. Ein Interview von Tina Sprung

10.01.2020 Bundesweit Artikel Meine Kita
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Meine Kita: Warum ist Erziehungspartnerschaft so wichtig?
Tanja Betz: Vielen Fachkräften und Eltern ist es sehr wichtig, dass sie ein gutes Verhältnis zueinander haben und Eltern einbezogen werden.

Tanja Betz ist Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Ihre Forschungsschwerpunkte legt sie seit vielen Jahren auf die sozialwissenschaftliche Kindheitsforschung.

Welche Konflikte können dabei entstehen?
Konflikte können entstehen, wenn beide Seiten von unterschiedlichen Vorstellungen ausgehen, beispielsweise was gut für das Kind ist oder wenn eine Seite die andere dominiert. Konflikte entstehen auch, wenn Fachkräfte Spannungen erleben zwischen einerseits hohen Erwartungen an ihre Arbeit, wie die Kinder zu fördern, und andererseits den gegebenen Rahmenbedingungen.

 

Wie kann Erziehungspartnerschaft auf Augenhöhe gelingen?
Ob eine Partnerschaft ‚auf Augenhöhe‘ gelingt, können nur die unmittelbar Beteiligten einschätzen. Wichtig ist es, mit den Eltern in Dialog zu treten, um herauszufinden, ob sie sich in der Kita wertgeschätzt und anerkannt fühlen und ihre Anliegen ernst genommen werden. Gleiches gilt für die Fachkräfte. Klar ist, dass eine Partnerschaft als ein Prozess zu verstehen ist, der – sofern die Beteiligten das wollen und mit tragen – stetig weiterzuentwickeln ist.

Beim Thema Erziehungspartnerschaft zwischen Kitas und Familien gibt es kaum Diskussionen um die Frage Herausforderungen. In Ihrer Studie zeigen sie aber, dass es diese geben kann?
Ja, Erziehungspartnerschaft wird oft als einfaches Unterfangen dargestellt. Wenn die richtige Haltung da ist, dann geht es. Aber so etwas wie eine Partnerschaft ist anspruchsvoll; es braucht viel Zeit und Vertrauen. Elterngespräche müssen gut vorbereitet werden und im Gespräch müssen sich die Fachkräfte viel Zeit nehmen. Zudem brauchen Fachkräfte Kompetenzen in Gesprächsführungstechniken. Und die Gesprächssituation selbst ist anspruchsvoll. Eine große Herausforderung ist auch, dass Bildungspartnerschaft in einer Organisation realisiert wird, in der die pädagogische Fachkraft allen Anforderungen genügen muss.

Wie meinen Sie das?
Im Konzept Bildungs- und Erziehungspartnerschaft werden die Personen sehr stark in den Vordergrund gerückt: ihre Beziehung untereinander und die Haltung der Fachkräfte. Aber weniger stark wird berücksichtigt, dass Zusammenarbeit mit Eltern im typischen Arbeitsalltag stattfindet, der von konkreten Notwendigkeiten, Spannungsfeldern und Routinen geprägt ist. Da gibt es viele parallele Anforderungen: Eine Kollegin benötigt Unterstützung, Kinder sollen beobachtet werden, die Sprache soll gefördert werden. Diese Anforderungen und die üblichen Abläufe und Verfahren in der Organisation werden zu wenig bedacht.

Welche Sorgen gibt es seitens der Eltern?
Sie haben beispielsweise die Befürchtung, im Elternbeirat nicht gehört zu werden. Das betrifft auch Eltern, die Deutsch nicht als Muttersprache haben, sie stellen sich erst gar nicht zur Wahl – aus Angst, dass sie nicht ernst genommen werden. Diese Eltern einzubeziehen kann sich auch bei Tür und Angelgesprächen herausfordernd gestalten. Fachkräfte bemühen sich, Dolmetscher zu organisieren. Das nimmt auch viel Zeit in Anspruch.

Nun gibt es auch Eltern, die einfach keine Lust oder Zeit haben, sich zu beteiligen.
Wenn sich Eltern nicht beteiligen wollen, ist das legitim. Manche Eltern, die beispielsweise durch den Beruf stark eingebunden sind, haben kaum Zeit und wollen sich auch nicht verstärkt in der Kita engagieren. Die Fachkräfte in unserer Studie „Kinder zwischen Chancen und Barrieren“ (siehe Kasten, Anm. der Red.) bringen dafür auch Verständnis auf. Ich empfehle, mit den Eltern zu besprechen, welche Beteiligung sie sich wünschen und wie sie sich diese vorstellen. Auch gibt es klassische Formen wie Elternbeiräte, über die sich Eltern einbringen können, indem der Beirat ihre Interessen vertritt. Hinzu kommen Situationen wie Tür- und Angelgespräche, die sich für einen kurzen Austausch nutzen lassen.

Falls die Eltern und pädagogische Fachkräfte eine enge Partnerschaft aufbauen: Wie profitiert das Kind?
Wie Kinder von einer Partnerschaft profitieren, ist wissenschaftlich gesehen eine offene Frage. Zwar liest man in der Literatur, dass eine Partnerschaft gut oder sogar ideal für Kinder ist, aber dafür gibt es noch wenig empirische Belege. Wie das Kind konkret profitiert, lässt sich im Austausch zwischen Fachkraft und Eltern(teil) – und Kind – ermitteln. Wir haben in der Studie aber auch herausgearbeitet, dass eine Partnerschaft unter den Erwachsenen zu Lasten des Kindes gehen kann. Sie haben weniger Freiraum, werden in Entscheidungen nicht einbezogen – beispielsweise in einer Situation, in der das Kind spielt und darum bittet, noch kurz fertig spielen zu dürfen, der abholende Elternteil zusammen mit der Fachkraft das Spiel jedoch beendet und das Kind die Kita rasch verlassen muss. Wir wollen dafür sensibilisieren, die Position des Kindes bei der Partnerschaft mit zu berücksichtigen und es einzubeziehen, wenn möglich.

Wie?
Man kann sich in seine Perspektive versetzen oder auch fragen, was es will. Wir haben beispielsweise beobachtet, wie Eltern und Fachkräfte Kinder anund ausziehen, wenn es – aus deren Sicht – zu warm oder zu kalt ist. In einigen dieser Situationen wäre es möglich, das Kind genau dazu zu fragen. Deswegen müssen bei der Diskussion und Erforschung der Erziehungspartnerschaft viel stärker die Perspektiven der Kinder Beachtung finden.

Die Studie „Kinder zwischen Chancen und Barrieren“

In der Studie wurde über ein Jahr hinweg der Alltag in vier Kitas unterschiedlicher Träger beobachtet. Zudem wurden viele Interviews und Gespräche mit Fachkräften, Leitungen und Erziehungsberechtigten zur Zusammenarbeit zwischen Kita und Familie geführt.

Die Ergebnisse liefern Einblicke in die jeweiligen Perspektiven von Fachkräften und Eltern auf Bildungs- und Erziehungspartnerschaft und die Probleme ihrer Umsetzung sowie in die Perspektiven von Fachkräften, wie sie die Eltern als Gruppe und einzelne Elternteile sehen. Analysiert wurde auch, welche Erfahrungen Fachkräfte und Eltern mit Zusammenarbeit machen und wie sie diese erleben. Herausgearbeitet wurden dabei Passungen, Spannungen und Konflikte. Auch die strukturellen Rahmenbedingungen der Zusammenarbeit wurden beleuchtet und Situationen des Kita-Alltags, die deutlich werden lassen, wie übereinstimmend, aber auch spannungsreich Fachkräfte und Eltern aufeinandertreffen. Auch wurde der Frage nachgegangen, wie sozial unterschiedlich situierte Eltern sich gegenüber Fachkräften und Kitas positionieren und welche Rolle Kinder in der Zusammenarbeit zwischen Kita und Familie, aus Sicht von Fachkräften und Eltern, haben.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Meine Kita - das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 3/2019, S. 6-9, www.fruehe-bildung.online


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