Fanfarenmusik und Glumandasuppe
Nachhaltigkeit beginne bei der Haltung zum Kind, sagt Sandra Zimmerling von der Kita Regenbogenland. Sie und ihr Team denken BNE ökologisch, sozial und partizipativ – und erhielten für ihr Engagement den Deutschen Kita-Preis. Von Silvia Gallus
29.07.2025 Bundesweit Artikel Meine KitaMeine Kita: Herzlichen Glückwunsch zum Deutschen Kita-Preis! Was macht Ihre Einrichtung so besonders?
Sandra Zimmerling: Als ich vor acht Jahren die Leitung übernahm, stieß ich auf ein zersplittertes Team, zwölf überfüllte Gruppen und eine pädagogische Praxis, die Kinderrechten widersprach. Jede Pädagogin arbeitete isoliert hinter verschlossener Tür. Es herrschte keine gemeinsame Haltung, es gab keine Teamsitzungen und keinen Austausch – und teils grenzüberschreitendes Verhalten gegenüber Kindern. Wir arbeiteten hart daran, uns zum kompletten Gegenteil zu entwickeln: Heute sind wir ein Raum für Partizipation, nachhaltiges Denken und Beziehung auf Augenhöhe. Das zeichnet uns aus.
Natur tut gut - Doch der Kita-Alltag macht's oft schwer
„Man schützt nur, was man liebt, man liebt nur, was man kennt“, davon war der Zoologe und Nobelpreisträger Konrad Lorenz überzeugt. „Aber wie kann ich etwas lieben, zu dem ich kaum mehr Zugang habe?“, fragt Andy Schieler, Erziehungswissenschaftler an der Hochschule Koblenz auf der Pressekonferenz im März anlässlich der DKLK Studie 2025 mit dem Schwerpunkt Naturbildung. Ein Ergebnis: Drei von vier Kitas gehen nicht regelmäßig mit den Kindern in die Natur, vier von zehn seltener als einmal pro Woche. 2659 Kitaleitungen hatten sich von Oktober 2024 bis Januar 2025 am DKLK-Meinungstrend beteiligt – einer Umfrage von Fleet Education, dem Verband Bildung und Erziehung und einigen VBELandesverbänden. „Kinder brauchen Natur! Sie wollen draußen sein, entdecken und begreifen. Doch zu oft scheitert das nicht am Willen der Fachkräfte, sondern an den Rahmenbedingungen“, betont Tomi Neckov, stellvertretender Bundesvorsitzender des VBE. Die wichtigsten Erkenntnisse aus der Umfrage:
• Kinder prodtieren deutlich: Naturerfahrungen stärken Motorik, Gesundheit, Wohlbednden, Umweltbewusstsein – und sogar die Sprache.
• Auch Fachkräfte prodtieren: Mehr Ruhe, weniger Lärm, neue Impulse für die pädagogische Arbeit und mehr Wohlbednden.
• Kinder lieben Natur: Über drei Viertel der Kitaleitungen beobachten, dass Kinder Naturräume gegenüber dem Gruppenraum bevorzugen.
Aber Naturbildung scheitert oft an den Umständen:
• Personalmangel
• Fehlender Zugang zur Natur
• Keine geeignete Kleidung für Kinder und Fachkräfte
• Fehlende Konzepte und Qualifikationen
Meine Kita: Wie spiegelt sich das in Ihrer täglichen pädagogischen Arbeit wider?
Sandra Zimmerling: Die Kinder werden bei uns mit ihren Ideen, Interessen und Bedürfnissen ernst genommen. Wir arbeiten in offenen Strukturen, mit Funktionsräumen. Es gibt ein Kinderrestaurant mit einer funktionsfähigen Kinderküche, eine Werkstatt, einen Forschungsraum, ein Wissenszimmer, Sporträume. Wir reagieren fexibel auf das, was Kinder brauchen und möchten. Ein schönes Beispiel: Neulich haben wir einen Jungen in die Kita eingewöhnt, der alle mit seinem Pokémon-Fieber infiziert hat. Es entstand ein großes Pokémon-Projekt: Jede Fachkraft hat in ihrem Funktionsbereich das Thema aufgegriffen. Ich habe etwa meinen Thermomix mitgenommen und wir haben eine Kürbissuppe, eine Glumandasuppe*, gekocht.
Meine Kita: Was hat das mit Bildung für nachhaltige Entwicklung BNE zu tun?
Sandra Zimmerling: Wir verstehen unter BNE weit mehr als Umweltschutz. Natürlich achten wir auf regionale Produkte, Mülltrennung, auf unser naturnahes Außengelände und weitere ökologische Aspekte. Aber nachhaltige Bildung bedeutet für uns auch: Kinder stärken, ihre sozialen Kompetenzen fördern, ihnen Selbstwirksamkeit und Mitgestaltung ermöglichen. Nachhaltigkeit beginnt bei der Haltung zum Kind. Wir wollen empathische, selbstbewusste, refektierte Persönlichkeiten begleiten. Die Jury des Kita-Preises lobte besonders unsere Kinderkrisenteams.
Meine Kita: Erzählen Sie davon.
Sandra Zimmerling: Wenn ein Kind ein Problem hat, kann es mithilfe eines Signals – bei uns ist das Fanfarenmusik – andere Kinder zusammenrufen. Dann suchen sie gemeinsam nach einer Lösung. Ein Kind vermisste neulich sein gebasteltes Kunstwerk. Die Kinder diskutierten, wie so etwas künftig verhindert werden kann. Ihre Lösung: ein Tisch für besondere Werke im Foyer, den alle im Blick haben. Ein weiteres schönes Projekt sind unsere Waldtage. Unser Waldpädagoge geht mit interessierten Kindern an den nahegelegenen Stausee. Die Kinder packen dafür selbstständig ihre Rucksäcke mit dem, was sie brauchen – Lupe, Seil, Pfanzen-Bestimmungsbuch. Wir geben ihnen keine Aufgaben.
Meine Kita: Jedes Kind darf also selbst entscheiden, was es im Wald erforschen will.
Sandra Zimmerling: Genau. Es geht uns nicht um ein fixes Thema, sondern um individuelles Erleben. Manchmal entsteht aus einem Waldspaziergang dann ein Projekt. Kinder wollten im Herbst Kastanien verkaufen, bastelten Ketten daraus und übten, auf die Preisschilder 50 Cent zu schreiben. Nicht weil wir das wollten, sondern sie.
Meine Kita: Sie belegten den ersten Platz beim Deutschen Kita-Preis, der mit 25 000 Eurodotiert ist. Was haben Sie mit dem Geld vor?
Sandra Zimmerling: Das Preisgeld wollen wir in Lärmschutz investieren. Davon haben die Kinder, Kolleginnen und Kollegen auch etwas.
*Glumanda ist eine orangefarbene Figur aus dem Spiel Pokémon.
Dieser Artikel ist zuerst im Magazin Meine Kita Ausgabe 2/2025, S. 16f. erschienen: https://www.avr-emags.de/emags/Meine_Kita/Meine_Kita_02_2025/#26
- „Vorlesen ist eine Superkraft“: Wie Bücher Sprache und Selbstvertrauen fördern
- Die nächsten 1000 Tage
- „Der Staat muss den Investitionsstau bei Schulen und Kitas lösen"
Keine Kommentare vorhanden