Kitas

„Das Haus gehört den Kindern“

Das pädagogische Konzept der Offenen Arbeit rückt die Selbstbestimmung und Kreativität der Kinder in den Fokus. Was das für Kita-Fachkräfte und die Raumgestaltung bedeutet, erläutert Expertin Ulrike Rennhack-Dogan im Interview.

26.06.2023 Bundesweit Artikel Meine Kita
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Meine Kita: Ihre Einrichtungen arbeiten nach dem Konzept der Offenen Arbeit. Wie sieht ein typischer Tag dort aus?

Ein Kita-Tag in der Offenen Arbeit kann sehr individuell gestaltet sein. Die Einrichtungen öffnen morgens – zum Teil schrittweise – ihre Räume und den Garten. Dann gehört den Kindern das Haus. Sie dürfen sich frei in der Kita bewegen. Damit die Kinder eine gleichbleibende Ansprechperson haben, legen wir Bezugserzieher/-innen fest, die für bestimmte Kinder verantwortlich sind und sie in der Phase der Eingewöhnung begleiten. Es gibt lange Freispielzeiten und die Kinder dürfen frei entscheiden, wann sie frühstücken, Mittag essen und sich ausruhen wollen. An manchen Tagen finden Morgenkreise in kleinen Gruppen statt oder andere Gruppenaktivitäten und -projekte. Nachmittags können die Eltern ihre Kinder zu flexiblen Zeiten abholen – dadurch können sie ihre Kinder mitten beim Spielen erleben und einen Eindruck vom Kita-Alltag bekommen.

Das Haus gehört den Kindern – können Sie die Rolle des Kindes noch näher erklären?

Das Kind soll immer im Mittelpunkt stehen, ob bei der Offenen Arbeit oder der gruppenbezogenen. Nur hat das Kind in der Offenen Arbeit mehr Möglichkeiten, seinen Alltag aktiv und individuell zu gestalten und Selbstständigkeit zu entwickeln. Weil es keine festen Gruppen gibt, hat es mehr Kontaktmöglichkeiten, um andere Kinder kennenzulernen, die seinem Entwicklungsstand und seinen Interessen entsprechen. Das Kind kann jeden Tag aufs Neue für sich entscheiden, wo es sich heute in der Kita aufhalten und mit wem es spielen möchte. Welche Rolle spielen die Räume in Kitas bei der Offenen Arbeit? Im Gegensatz zur gruppenbezogenen Arbeit gibt es nicht einen großen Gruppenraum mit verschiedenen Ecken, sondern mehrere Räumlichkeiten im Haus mit verschiedenen Funktionen: Beispielsweise ein Bewegungs-, Lese-, Ruhe-, Rollenspieloder Kreativraum.

Ulrike Rennhack-Dogan ist Gesamtleitung der neun städtischen Kindertageseinrichtungen in Lauffen am Neckar. Dort werden Kinder im Alter von einem Jahr bis zum Schuleintritt aufgenommen. Die ehemalige Erzieherin ist überzeugt vom Konzept der Offenen Arbeit in Kitas. Als Referentin trat sie zuletzt auf der didacta Messe 2023 in Stuttgart für den Kita-Aktionstag „Offene Arbeit“ auf.

Welche Vorteile bietet dieses Raumkonzept?

Wenn ich in einem gewöhnlichen Gruppenraum Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren betreue, befinden sich dort 20 bis 25 Kinder. Dies kann eine andere Gruppendynamik entwickeln als in einem großen Raum, der auf ein Thema spezialisiert ist. Das Angebot in einem Raum ist in der Offenen Arbeit überschaubarer für die Kinder und für die Erzieher/-innen. Wenn ich beispielsweise ein Zimmer als Atelier nutze, kann ich diesen mit Staffeleien und Farben ausstatten, die jederzeit zur Verfügung stehen. In einem geschlossenen Gruppenraum hole ich nur gelegentlich die Wasserfarben raus.

Wo sehen Sie weitere Vorteile der Offenen Arbeit?

In der Offenen Arbeit kann die Fachkraft individuell auf jedes Kind eingehen und besser auf dessen Bedürfnisse und Interessen achten. Der Anspruch ist, die Themen der Kinder aufzugreifen, um ihnen eine angenehme und herausfordernde Lernumgebung zu schaffen. Wenn die Kinder in ihrer Tätigkeit aufgehen, werden auch Konflikte reduziert. Dadurch habe ich als Fachkraft mehr zeitliche Kapazitäten, die ich für die Arbeit an den Themen der Kinder nutzen kann.

Was bedeutet dieses offene Konzept für die Arbeit der Fachkraft?

Die Methode erfordert von Fachkräften eine offene Haltung und die Fähigkeit, loszulassen und den Kindern Freiräume zu geben. Die Fachkraft übernimmt die Verantwortung für einen einzelnen Raum. Das bedeutet, dass sie diesen je nach Thema einladend für die Kita-Kinder gestaltet, aber auch herausfordernd.

Wie lässt sich ein Raum herausfordernd gestalten?

Nehmen wir zum Beispiel einen Bau- und Konstruktionsraum. Hier können nicht nur Lego, Bausteine und Autos, sondern auch Bücher, Plakate von Bauwerken und Skizzen von Architekten Platz finden. Eine Idee ist auch, einen Tisch mit Lineal, Bleistift und Zirkel aufzustellen, damit die Kinder ihre Bauvorhaben erst skizzieren können. Kreativität kennt in den Räumen keine Grenzen und die Fachkraft kann ihn so vielseitig gestalten, wie sie möchte.

Was sollten Einrichtungen beachten, die Offene Arbeit umsetzen möchten?

Offene Arbeit erfordert eine Leitung, die überzeugt und in der Lage ist, gute Strukturen zu schaffen und auch einzufordern. Dies kann bedeuten, dass Absprachen in der Anfangszeit nur in Teamsitzungen stattfinden und nicht im Alltag oder dass sie in der Lage ist, ihre Mitarbeiter/-innen an Absprachen zu erinnern.

Welche Regeln zum Beispiel?

Wenn eine Fachkraft morgens anfängt, geht sie in ihren Raum und lässt die Tür geöffnet. Dort bleibt sie. Damit ist klar, dass dieser Raum für die Kinder nun offen ist und sie darin spielen können. Fachkräfte wechseln in der Regel nicht zwischen den Räumen. Wenn Fachkräfte viel durch die Einrichtung laufen, machen die Kinder das auch und sind weniger konzentriert bei der Sache. Mit dieser Regel wird es nicht chaotisch.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:

Meine Kita - das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 2/2023, S. 36-38, www.meine-kita.de



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