Interview

„Der Raum muss rufen!“

Kreativitätsfördernd für Kinder sollte laut Experte Roland Seeger ein gutes Außenspielgelände sein. Er baut auf naturnahe Konzepte und bezieht bei seinen Planungen besondere Experten mit ein: die Kinder. Ein Interview von Silvia Schumacher

17.03.2021 Bundesweit Artikel Meine Kita
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Meine Kita: Was zeichnet ein gutes  Außenspielgelände für Kinder aus?
Roland Seeger: Da lohnt sich ein Blick in die Geschichte: Der Kinderspielplatz hat seinen Ursprung in den 50er-Jahren in Mittelhessen. Der Verkehr nahm zu, da wollte man den Kindern etwas bieten. Es wurden Spielplätze gebaut – von Erwachsenen für Kinder. Gute Außenspielanlagen orientieren sich aber an den Bedürfnissen der Kinder.

Roland Seeger, Erziehungswissenschaftler und Lernforscher, ist Gründer und wissenschaftlicher Leiter der Forschungsstelle für Frei- und Spielraumplanung.

Sie entwickeln naturnahe Spielanlagen für Kitas. Welche Elemente sind dort zu finden?
Zunächst gibt es dort viel Grün. Es gibt Steine und Mauern zum Klettern, Nischen und Höhlen, um sich zu verstecken. Bei den Rutschen greifen wir auf Spielgeräte zurück, das meiste entwickeln wir aus der Natur. 

 

Zum Beispiel?
Klettern: Klassisch ist auf Spielplätzen eine Wackelbrücke oder eine Spielkombination 
zu finden. Beim naturnahen Konzept nutzen wir Natursteine, bauen einen Hügel zu einer Kletterwand und befestigen dort Seile. Bis zu zwei Meter Höhe sind in der Kita zulässig. Oder der Sandbereich. Klassisch wird ein Sandkasten mit einer Umrandung angeboten, damit die Kinder darauf bauen und Sand ablegen können. Der Sand landet dann außerhalb des Sandkastens. Beim naturnahen Konzept buddelt der Bagger ein Loch. Zusätzlich wird eine Drainage angelegt, damit das Regenwasser auch versickern kann. So entsteht ein Sandsee. Die Ablagefläche für das Bauspiel liegt in dieser Sandspielbereichskonzeption innen. Zum Beispiel über einen Wasser-MatschTisch oder über einen abgeflachten Naturstein. Wichtig ist, dass die Spielanlagen nicht von den Erwachsenen vorgedacht sind, sondern die Kinder dabei auch kreativ werden können.

Es geht darum, dass die Kinder experimentieren und selbst entdecken können?
Kinder sind Weltentdecker und der Spielplatz sollte ihnen dazu die Möglichkeit geben. Dafür braucht es sinnliche Anregungen, was die Natur in einem umfassenden Maß leisten kann. Es braucht Elemente, die Bewegungsanregungen bieten und zum Experimentieren herausfordern wie Nischen und geheimnisvolle Rückzugsbereiche. Der Raum muss dabei rufen! Dann können die Kinder ihre Basiskompetenzen wie Motorik, Sprache und kognitive Aspekte stärken.

Wenn eine Einrichtung ihren  Außenbereich neu gestalten möchte, was sind die ersten Schritte?
Die Kita sollte ihr pädagogisches Konzept mit dem Außenraum ergänzen und darin festlegen, wofür dieser Raum zukünftig genutzt werden soll, – und sich überlegen, wer sie fachlich unterstützen kann. Wird die FFS von Einrichtungen kontaktiert, besuchen wir die Kita in einer ‚Planerrunde vor Ort‘ und entwickeln gemeinsam ein Diskussionspapier mit den Fachkräften, den Elternvertretern und den Kindern. Diesen Vorentwurf stimmt die Kita dann mit dem Träger ab.

Es ist also auch wichtig,  die Eltern mit ins Boot zu holen?
Unbedingt. Es müssen sich alle im Klaren sein, dass es im Außengelände beispielsweise Rückzugsorte geben kann, wo die Kinder auch einmal unbeobachtet sind. Man muss den Eltern ihre Sorgen nehmen, etwa dass die Pflanzen nicht gefährlich sind und es normal ist, dass Kinder mit Benutzerspuren heimkommen, wenn sie draußen spielen. 

Wie genau beziehen Sie die  Kinder bei der Planung mit ein?
Wir haben einen Fragebogen, Fotos und Grafiken entwickelt. Damit besprechen wir mit den Kindern, wie der Spielraum aussehen kann. Die Größeren malen ihre Wünsche, die dann ebenfalls Teil der Planerrunde sind und in der Konzeptionsentwicklung berücksichtigt werden. 

Welche Wünsche  haben die Kinder?
Meistens malen sie erst einmal ein Spielgerät. Wenn wir ihnen Fotos von naturnahen Spielgeländen mit Hügeln, Steinen und Naturstämmen zeigen, werden sie ganz aufgeregt.  Vor allem Wasser finden sie toll. Wichtig ist, dass man bei der Planung des Geländes sowohl die Bedürfnisse und Entwicklungsschritte der Dreijährigen als auch der Sechsjährigen berücksichtigt. Gleiches gilt auch für die U3-Kinder. Orientiert man sich ausschließlich an den Jüngeren, bleibt für die Älteren kaum etwas übrig, was Spannung erzeugt und Risikokompetenzen weiterentwickelt. 

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Meine Kita - das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 3/2020, S. 22-24, www.meine-kita.de


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