„Die Mittel müssen steigen“
Ist das Kita-Qualitätsgesetz ein Schritt nach vorn? Bildungsforscher Bernhard Kalicki sagt im Interview mit Meine Kita: Ja, aber dabei darf es nicht bleiben. Ein Interview mit Vincent Hochhausen
08.03.2024 Bundesweit Artikel Meine KitaMeine Kita: Das Kita-Qualitätsgesetz unterstützt die Frühe Bildung in Deutschland 2023 und 2024 mit insgesamt 4 Milliarden Euro. Ist das genug?
Bernhard Kalicki: Es ist zwar ein substanzieller Betrag, aber dem Vorschlag der damaligen Familienministerin Schwesig vom Frühjahr 2017 zufolge müssten die Mittel jährlich um eine zusätzliche Milliarde Euro steigen. Trotzdem ist das Gesetz ein Schritt nach vorn, weil es den Fokus auf die Qualitätsentwicklung legt. Ich begrüße es zum Beispiel, dass die Möglichkeit für die Länder, die Fördermittel zur Senkung der Kitagebühren einzusetzen, eingeschränkt wird. Dieser Fokus auf die Qualität muss auch nach dem Auslaufen der Förderung aus diesem Gesetz bestehen bleiben.
Meine Kita: Das Qualitätsgesetz legt einen Fokus auf die Personalgewinnung. Ist das sinnvoll?
Bernhard Kalicki: Ja, denn die Personalsituation in den Kitas ist das größte Hindernis für eine Verbesserung der Bildungsqualität. Das Problem der fehlenden Fachkräfte wird sich nicht kurzfristig lösen lassen, aber es muss unbedingt angegangen werden
Meine Kita: Wie zum Beispiel?
Bernhard Kalicki: Wie zum Beispiel? Indem man für einen begrenzten Zeitraum Ausbildungsprogramme mit niedrigeren Voraussetzungen konzipiert. Das darf aber nicht zu einer Dequalifizierung führen. Es braucht dafür gute Einarbeitungskonzepte und eine Pflicht zur Weiterqualifizierung. Und ich halte die praxisintegrierte Ausbildung für sinnvoll, bei der man bereits während der Ausbildung in der Kita arbeitet und eine Vergütung erhält. Am wichtigsten ist es aber, den Erzieherberuf insgesamt und nachhaltig attraktiver zu machen.
Bernhard Kalicki ist Professor für Frühkindliche Bildung an der Evangelischen Hochschule Dresden und Leiter der Abteilung Kinder und Kinderbetreuung am Deutschen Jugendinstitut DJI.
Meine Kita: Wie kann das gelingen?
Bernhard Kalicki: Mit einer höheren Vergütung und besseren Arbeitsbedingungen. Die Arbeitsbelastung kann zum Beispiel sinken, wenn man bestimmte Tätigkeiten an unterstützende Fachkräfte auslagert, etwa an Hauswirtschafts- und Verwaltungskräfte. Zudem brauchen Kita-Fachkräfte Entwicklungsmöglichkeiten, etwa durch die Schaffung von Funktionsstellen zur Sprachförderung oder Inklusion. Solche Stellen erhöhen nicht nur die Bildungsqualität, sondern ermöglichen den Fachkräften auch neue Karrierewege – wenn sie entsprechend vergütet werden.
Meine Kita: All das kostet viel Geld …
Bernhard Kalicki: Ja, aber das muss es uns wert sein. Wir haben spätestens in der Coronapandemie gesehen, dass Kitas systemrelevant sind. Wenn wir die Frühe Bildung weiterentwickeln wollen, dann bedeutet das auch, dass wir uns nicht an den Eckwerten der Vergangenheit orientieren können. Es steht fest: Die Mittel für Kitas müssen steigen.
Meine Kita: Das Programm Sprach-Kitas drohte zunächst wegzufallen, nun soll es den Bundesländern überlassen werden, es weiterzuführen. Ist das der richtige Weg?
Bernhard Kalicki: Ja. Es ist sinnvoll, dass die Länder nun selbst entscheiden können, ob sie das Programm weiterfinanzieren. Es war ein erfolgreiches Programm, das Einrichtungen mit besonderem Bedarf zusätzlich Fachkräfte mit dem Schwerpunkt Sprachentwicklung zur Verfügung gestellt hat und so jede achte Kita erreicht hat. Andererseits frage ich mich: Was ist mit all den anderen Kitas? Deshalb finde ich es richtig, dass das Kita-Qualitätsgesetz die Sprachentwicklung als Schwerpunkt für alle Kitas festlegt.
Meine Kita: Auf das Qualitätsgesetz soll das Qualitätsentwicklungsgesetz folgen. Was muss in ein solches Gesetz hinein?
Bernhard Kalicki: Ich sehe drei Hauptpunkte. Erstens muss die Betreuungsrelation in den Kitas weiter verbessert werden. Es ist eine Erfolgsgeschichte, dass es in Deutschland in den letzten zehn Jahren einen massiven Ausbau der Betreuungsplätze gab und sich gleichzeitig der Betreuungsschlüssel verbessert hat. Man darf dabei aber nicht stehen bleiben – etwa, indem man die in Zukunft sinkenden Kinderzahlen für weitere Verbesserungen des Personalschlüssels nutzt, insbesondere in den ostdeutschen Ländern. Zweitens muss das Gesetz fachliche Standards festlegen, damit durch eine immer weitere Öffnung der Ausbildung die Qualität in den Kitas nicht leidet. So könnte man zum Beispiel vorschreiben, dass Kitaleitungen eine akademische Ausbildung vorweisen müssen.
Meine Kita: Und drittens?
Bernhard Kalicki: Drittens muss das Qualitätsentwicklungsgesetz Bildungsziele definieren. Das dürfen aber keine starren Kompetenzniveaus sein, denn darauf hat das soziale Umfeld der Kinder und die Familie einen weitaus stärkeren Einfluss. Es geht ja nicht darum, die Sozialisierung von Kindern gleichzuschalten, sondern darum, sie zu fördern und zu unterstützen.
Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
Meine Kita - das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 4/2023, S. 26-27, www.meine-kita.de
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