Familienzentren – ein Treffpunkt für alle
Kindertagesstätte, Familienbildung, Jugendtreff, Schuldnerberatung oder Hausaufgabenhilfe: Im Zentrum für Aktion und Kultur (ZAK) im Bergisch-Gladbacher Stadtteil Bensberg wird bereits seit Jahren verwirklicht, was die Landesregierung in NRW intensiv fördern will. In so genannten Familienzentren sollen Tageseinrichtungen neben der Förderung von Kindern auch in verstärktem Maße Anlaufstelle für Familien sein.
23.01.2007 ArtikelDer Stadtteil gehört nicht gerade zu den angesehenen Wohngegenden: In den zehngeschossigen Hochhäusern des "Wohnparks Bensberg" leben viele Sozialhilfeempfänger, Alleinerziehende und Familien mit Migrationshintergrund. Ein kompletter Block ist von der Stadt für sozial schwache Familien angemietet worden.
Gegenüber der Hochhaussiedlung liegt das Zentrum für Aktion und Kultur (ZAK) des Vereins zur Förderung der Jugend- und Sozialarbeit. Unter dem Dach des vor sieben Jahren eröffneten Hauses befinden sich Kita, Familienbildungsstätte und Sportverein, Jugendtreff, Hausaufgabenhilfe und Beratungseinrichtungen. Es werden Kabarettabende, Lesungen und Konzerte angeboten, und einmal im Jahr kommen im Sommer die Anwohner zum großen Eistütenfest zusammen.
Impulsgeber
Im Mai 2006 wurde das ZAK zu einem von insgesamt sechs Best-Practice-Einrichtungen des nordrhein-westfälischen Landesprojektes "Familienzentren" gewählt. Diese Einrichtungen sollen für andere "Vorbild und Impulsgeber" sein.
Die Architektur des Hauses steht für seine Offenheit: Vom großzügig angelegten Foyer, das über die volle Gebäudehöhe reicht, gehen die Räume im Halbrund ab. Die Räume im ersten Stock werden über eine Galerie erreicht. In den hügeligen Garten, ausgestattet mit Spielgeräten und Torwand, gelangt man über verschiedene Zugänge.
Vom Kleinkind bis zum Rentner
Ein Ziel, so ZAK-Leiterin Mareike Boljahn, ist und war es, die Stigmatisierung der Bewohner aufzulösen. "Das haben wir noch nicht ganz geschafft, es heißt im Volksmund immer noch "Klein-Manhattan" als Synonym für einen Ort mit viel Kriminalität – aber das stimmt gar nicht. Hier ist es mittlerweile ruhig und unproblematisch." Gewiss auch ein Verdienst des Zentrums. Babys, Kinder und Jugendliche, Senioren, Familien mit und ohne Migrationshintergrund, die bürgerliche Mittelschicht und die Sozialhilfeempfänger – für alle kann das ZAK etwas bieten.
Ausländische Vereine mieten das Haus für ihre traditionellen Feste, Einheimische für runde Geburtstage. Hier werden Taufen und Hochzeiten gefeiert. Eltern und Kinder aus den schmucken Reihenhäusern jenseits der Hochhaussiedlung nutzen das Zentrum, und für Bildungs- und Kulturangebote reisen die Besucher aus einem Umfeld von rund zehn Kilometern an.
Ein Garten für alle
Der große Garten ist jederzeit für alle Anwohner geöffnet. Familien können hier picknicken oder gemeinsam spielen. Ein kleines Experiment, denn, so berichtet Uschi Roland, Leiterin der Kindertagestätte: "Anfangs wurde viel kaputt gemacht, aber das ist vorbei. Unser Problem sind nur noch die Katzen, die den Sandkasten benutzen. Aber die kommen auch, wenn der Garten abgeschlossen ist."
Rund 700 Menschen aus Bergisch Gladbach und Umgebung besuchen wöchentlich die Kurse der Familienbildungsstätte. Die Kinder und Jugendlichen des Stadtteils kommen zur Hausaufgabenhilfe oder in den Jugendtreff, wo es auch spezielle Angebote nur für Mädchen oder nur für Jungen gibt. Die Jugendlichen können sich im ZAK außerdem über die Jobs-4-U-Börse kleine Jobs in privaten Haushalten oder Betrieben suchen und sich im Bewerbungstraining fit für den Sprung in die Ausbildung machen.
Gegen Sprachbarrieren
Zweimal in der Woche treffen sich türkische Frauen im so genannten Rucksackprojekt. "Wir wollen die Frauen motivieren, mit ihren Kindern zu basteln oder ihnen vorzulesen. Dabei ist zunächst die eigene Sprache wichtig. Im nächsten Schritt kann dann die deutsche Sprache aktiviert werden", erläutert Mareike Boljahn. Für die Zweisprachigkeit sorgt außerdem eine türkische Erzieherin in der Kita. Immerhin kommen 60 Prozent der Kinder in der Kindertagsstätte aus Familien mit Migrationshintergrund.
Kontakt zwischen den Generationen
Im ZAK geht es beinahe zu wie in einer Großfamilie: Normalerweise bleiben Senioren unter sich, wenn sie zur Gymnastik in die Volkshochschule oder in eine Turnhalle gehen. Hier, unter einem Dach, kommen sie aber unweigerlich mit den Kindern in Kontakt. Und so entwickelt sich ein weiteres Projekt: Etliche ältere Menschen lesen den Kindern vor und helfen auf diese Weise ehrenamtlich bei der Sprachförderung. Auch zwischen den Jugendlichen und den Kindergartenkindern entstehen Kontakte von ganz allein. Die großen Jungs zeigen den Kleinen, wie man Tore schießt, und die großen Mädchen basteln mit den Kindergartenkindern oder spielen gemeinsam Puppentheater.
Die Angebote im ZAK sind vielfältig. Neben dem Herzstück des Zentrums, der Kita, neben Familienbildung und Jugendtreff gibt es auch eine Bibliothek für Eltern und Kinder. Ratsuchende finden Hilfe bei der Erziehungs- und Familienberatung oder bei der Rechts- und Schuldnerberatung. Außerdem ist das Zentrum Treffpunkt für Selbsthilfegruppen.
Weitere Projekte
Daneben entstehen immer wieder neue Projekte und Ziele. So sollen die Öffnungszeiten der Kindertagesstätte stärker an den Bedarf angepasst werden. Etwa für Eltern mit Spät- oder Wochenenddienst.
Auch wollen die Mitarbeiterinnen diejenigen Senioren in den Blick nehmen, die bisher die Bildungsangebote des Zentrums nicht genutzt haben. Ältere alleinstehende Frauen etwa, die sich nicht trauen, einen Kurs zu besuchen, die aber vielleicht Lust auf ehrenamtliche Mitarbeit haben.
"Man muss auf die Leute zugehen", meint Mareike Boljahn. Immer wieder ist zusätzliches Engagement neben der täglichen Arbeit nötig. Die vielschichtige Arbeit in einem Familienzentrum lässt sich daher kaum mit der in einer einzelnen Kindertagesstätte vergleichen – Dienste, die sich bei weitem nicht allein durch Engagement abdecken lassen. "Familienzentren", sagt daher Uschi Roland, "sind wichtig und gut. Aber solche Konzepte sind auf Dauer nicht ohne mehr Geld und zusätzliches Personal machbar." Eine Erkenntnis, die sicher auch in die Auswertung der Pilotphase einfließen wird.
Die weiteren Best-Practice-Einrichtungen
Neben dem ZAK in Bergisch-Gladbach wurden in NRW fünf weitere Best-Practice-Einrichtungen ausgewählt.
- Caritas-Kindertagesstätte im Haus der Familie, Dormagen
- Kinderhaus Blauer Elefant, Essen-Katernberg
- Familienzentrum im Berliner Viertel (Moki), Monheim
- Familienzentrum Köln-Kalk in Zusammenarbeit mit dem "Kalker Netzwerk" , Köln
- AWO-Kindergarten Am Bruchheck, Dortmund Hörde
Ihnen allen gemeinsam ist die Vernetzung frühkindlicher Betreuung, Bildung und Erziehung mit der frühen Unterstützung der Familien. Daneben zeichnet sich jede Einrichtung durch weitere Besonderheiten aus. Dazu gehören Freizeit- und Bidungsangebote für Kinder und Jugendliche, Migrationsberatung, Wohnmodelle für Alleinerziehende und junge Familien, erweiterte Öffnungszeiten der Kindertagesstätten, Familienfreizeiten oder internationale Krabbelgruppen.
Familienzentren
Mit den Familienzentren will NRW Kindertagesstätten unterstützen, erweiterte Aufgabenstellungen wahrzunehmen. Damit wird eine Entwicklung aufgegriffen, die im Kern immer schon Bestandteil der Arbeit von Tageseinrichtungen war. Durch die vorgesehene Kooperation mit anderen Leistungsträgern, vor allem mit der Familienberatung und der Familienbildung, können jedoch neue Wege beschritten werden. Das Land NRW hat zunächst begonnen, ab Mai 2006 mit 251 Pilotprojekten Erfahrungen für die weitere Umsetzung zu sammeln. Im Sommer 2007 sollen weitere 750 Einrichtungen in das Projekt einbezogen und dann auch mit zusätzlichen Mitteln gefördert werden. Eine sinnvolle Entwicklung, die unter anderen Bezeichnungen auch in anderen Bundesländern gefördert wird – etwa die Eltern-Kind-Zentren in Brandenburg – und die unter dem Begriff Mehrgenerationenhaus auch durch das Bundesjugendministerium auf den Weg gebracht worden ist. Allerdings werden aus der Praxis zusätzliche Anforderungen an die Ausgestaltung von Familienzentren gestellt.
DAZU AUF DER DIDACTA 2007:
- "Im Dialog mit der Praxis: Zentren für Kinder und Familien – ein Modell oder die Bildungsorte der Zukunft?" Eine offene Gesprächsrunde des Forums Elementarstufe/Kindergarten am 28. Februar 2007, 14–15 Uhr, Congress Centrum (CC), Konrad Adenauer Saal.
- Entscheidertag des Landschaftsverbandes Rheinland: "Stark im Netzwerk – Familienzentren NRW". Am 1. März 2007, 10–16 Uhr, Congress Centrum (CC), Nord, Rheinsaal, unter anderem mit Armin Laschet, Minister für Generationen, Familien, Frauen und Integration in NRW.
- In der Sonderschau "Bildung ist mehr als Schule – Kinder und Familienzentren" (Halle 7, Stand: B-020/C-021) präsentieren sich vor allem Einrichtungen, die Erfahrungen als Zentrum für Kinder und Familien haben und sich auf einem Entwicklungsweg befinden. Auf dem Forum der Sonderschau informieren Wissenschaftler und Praktiker an allen Messetagen über neue Ideen, Praxiserfahrungen und Forschungsergebnisse.
Weiterführende Links
- Familienzentren NRW
- ZAK
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