Frühkindliche Bildung

"Ich bin ein kompetentes Kind"

Sie heißen "Haus der kleinen Forscher", "Natur-Wissen schaffen", "Versuch macht klug" oder "Initiative PHYSIK in Kindergarten und Grundschule"- bundesweite oder regionale Projekte und Initiativen, die helfen wollen, das umzusetzen, was die Bildungspläne der Bundesländer für die naturwissenschaftliche Bildung in den Kindergärten vorgeben. Allein die beiden Projekte "Haus der kleinen Forscher" und "Natur-Wissen schaffen", die seit Mitte 2010 kooperieren, haben bundesweit mit Weiterbildungsangeboten, Fortbildungen von Multiplikatoren und einer sechsbändigen Fachbuchreihe mehr als 12.000 Kitas erreicht. Was heißt eigentlich naturwissenschaftliche Bildung im Kindergarten und wie kann sie überhaupt in den Alltag dieser Einrichtung integriert werden? Das wollten wir von Andreas Eitel wissen. Der Mitarbeiter des Projekts "Natur-Wissen schaffen" war an der Entwicklung der Fachbuchreihe beteiligt.

22.12.2010 Artikel
  • © Telekom Stiftung

Herr Eitel, wie muss man sich naturwissenschaftliche Bildung im Kindergarten vorstellen?

Andreas Eitel: Naturwissenschaftliche Bildung in der Kita setzt an naturwissenschaftlichen Phänomenen an, die sich im Alltag von Kindern finden lassen beziehungsweise an den Fragen, die sich für die Kinder aus dem Erleben dieser Phänomene ergeben.

Und das heißt konkret?

Andreas Eitel: Aktuell könnten das beispielsweise Fragen zu Schnee sein: Was ist Schnee? Woher kommt er? Was kann man damit machen? Die Kinder zeichnen sich durch eine starke intrinsische Motivation aus, diesen Fragen nachzugehen und sich ihre Umwelt zu erklären.

Es geht also nicht darum, bestimmte Themen mit den Kindern nach einem vorgefertigten Lehrplan abzuarbeiten?

Andreas Eitel: Nein, Ausgangspunkt einer weiteren Beschäftigung mit diesen Phänomenen oder Fragen sind vielmehr die sogenannten Grunderfahrungen der Kinder. Diese Erfahrungen sammeln die Kinder, wenn sie beginnen, sich aktiv und bewusst mit einem Phänomen wie dem Schnee auseinanderzusetzen: Wie fühlt sich der Schnee an? Wie sieht er genau aus? Aus diesen Grunderfahrungen ergeben sich viele Fragen der Kinder: Warum schmilzt Schnee? Wieso wird Schnee schmutzig? Wie bekommen wir ihn wieder sauber? In der Interaktion mit Fachkräften und anderen Kindern können diese Grunderfahrungen und Fragen zunächst reflektiert und anschließend vertieft werden.

Fragen, die aber auch Erzieherinnen nicht unbedingt umfassend beantworten können …

Andreas Eitel: Dazu könnte gemeinsam überlegt werden, welche Vorgehensweise geeignet ist, um die Fragen der Kinder zu beantworten: Wen könnte man fragen, wo könnte man nachschauen oder was könnte man tun, um mehr über den Schnee herauszufinden? Frühe naturwissenschaftliche Bildung geht somit über den Aufbau von Wissen und Verständnis für die belebte und unbelebte Natur hinaus: Denn eine Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Inhalten sollte die Kinder auch immer darin unterstützen, systematische und effektive Wege zur Erschließung und Erforschung von Wissen zu entwickeln.

Es geht also um mehr als um naturwissenschaftliche Bildung?

Andreas Eitel: Ja, es ist auch immer zu bedenken, wo und wie sich die lernmethodische Kompetenz der Kinder stärken lässt. Naturwissenschaftliche Bildung in der Kita sollte - wie alle anderen Bildungsbereiche auch - bereichsübergreifend und ganzheitlich umgesetzt werden. Bereichsübergreifend meint, auch immer andere Bildungsbereiche einzubeziehen. Eine ganzheitliche Beschäftigung mit einem naturwissenschaftlichen Thema spricht möglichst viele Sinne an.

Nun haben Sie in dem Projekt "Natur-Wissen schaffen" Handreichungen entwickelt. Das klingt doch eher nach Lehrplänen, ähnlich wie für die Schule, an die sich Erzieherinnen mehr oder minder streng halten müssen.

Andreas Eitel: Die Handreichungen des Projekts "Natur-Wissen schaffen" der Deutsche Telekom Stiftung an der Universität Bremen sind keine Lehrpläne, sondern darauf ausgerichtet, die Lücke zwischen den Anforderungen der Bildungspläne im Elementarbereich und ihrer Umsetzung in der Praxis zu schließen. Die verschiedenen Bildungspläne stecken zwar einen Rahmen ab, gehen dann aber meist nicht weiter ins Detail. Diese detaillierten Informationen zur Umsetzung der Bildungsbereiche Mathematik, Naturwissenschaften, Technik und Medien sowie zur Arbeit mit Portfolios liefern die Handreichungen des Projekts. Sie bauen auf dem Ansatz der Ko-Konstruktion auf.

Das bedeutet?

Andreas Eitel: Unter Ko-Konstruktion versteht man eine kooperative und kommunikative Aktivität, an der Kinder und Erwachsene aktiv beteiligt sind und bei der gemeinsam Sinn konstruiert wird und Kompetenzen neu aufgebaut werden. Die Fachkräfte stehen den Kindern bei der Umsetzung ko-konstruktiver Bildungsaktivitäten als mitdenkende, mitwirkende und mitfühlende Bildungspartner zur Verfügung. In diesem Zusammenhang wird Bildung nicht als Weitervermittlung von bereits bestehendem, "fertigem" Wissen verstanden, sondern als Ergebnis sozialer Prozesse, die sich in der Interaktion zwischen einzelnen Personen vollziehen.

Und welche Kompetenzen im naturwissenschaftlich-mathematischen Bereich sollten Kinder am Ende ihrer Kindergartenzeit besitzen?

Andreas Eitel: Kinder sollten die Kita vor allem mit einem positiven Selbstkonzept verlassen, das sich beispielsweise durch eine hohe Selbstwirksamkeit auszeichnet: "Ich weiß was, ich kann was; wenn es ein Problem gibt, habe ich gute Ideen, wie es gelöst werden kann: Ich bin ein kompetentes Kind." Das ist eine wichtige Voraussetzung, um zukünftige Herausforderungen optimistisch anzugehen und zu bestehen. In den Handreichungen des Projekts "Natur-Wissen schaffen" werden für den jeweiligen Bildungsbereich Bildungsziele beschrieben, die auf einer Metaanalyse der Bildungspläne für den Elementarbereich aller 16 Bundesländer aufbauen. Diese Auflistung von Bildungszielen hilft den Fachkräften, Interessen und Fragen der Kinder zu vertiefen. Sie sind nicht als Checkliste zu verstehen, die mit den Kindern abgearbeitet werden muss. Ausgerichtet sind die Bildungsziele auf die Stärkung von Kompetenzen, weniger auf Wissenserwerb. Im Bereich der naturwissenschaftlichen Bildung sind das beispielsweise Kompetenzen zum wissenschaftlichen Denken und Handeln, wie etwa genaues Beobachten, Beschreiben oder Vergleichen.

Wie geht es dann in den Grundschulen weiter - wird auf das vorhandene Wissen aufgesetzt?

Andreas Eitel: Wichtig wäre, dass in der Grundschule und in der Kita auf der Grundlage des gleichen Verständnisses von Bildung gearbeitet wird. Hier bietet sich ein Bildungsverständnis an, das auf dem Ansatz der Ko-Konstruktion aufbaut. Wenn es also auch in der Grundschule darum geht, eigene Ideen zu entwickeln und auszudrücken, sich mit anderen auszutauschen und gemeinsam Probleme zu lösen, können die Kinder zum Beispiel ihre Kompetenzen zum wissenschaftlichen Denken und Handeln einbringen, um neu auftauchende Fragen beispielsweise durch Beobachten, Beschreiben und Vergleichen zu bearbeiten. Auch auf die lernmethodische Kompetenz der Kinder kann aufgebaut werden, wenn es zum Beispiel darum geht, wie man an gewünschte Informationen kommt.

Zum Abschluss noch einmal zurück zum Kindergarten: Gibt es auch Anstrengungen, mehr MINT in die grundständige Erzieherinnenausbildung zu implementieren?

Andreas Eitel: Ja, aktuell wird im Projekt an der Erstellung eines Kompetenzmodells gearbeitet, das als Grundlage für die Ausbildung von elementarpädagogischen Fachkräften in Fachschulen, Fachhochschulen und an Universitäten dienen soll.

Hintergrund

Mit dem Projekt "Natur-Wissen schaffen" an der Universität Bremen unterstützt die Deutsche Telekom Stiftung Erzieherinnen und Erzieher dabei, die Bildungsbereiche Mathematik, Naturwissenschaften, Technik und Medien in ihrer täglichen pädagogischen Arbeit umzusetzen und die Bildungsprozesse von Kindern zu dokumentieren und zu reflektieren.

Dazu auf der didacta 2011

Mittwoch, 23. Februar 2011, 10:30 – 17:00 Uhr
Gestaltung von Bildungsprozessen Kita-Seminare
ICS

Donnerstag, 24. Februar 2011, 10:00 - 11:00 Uhr
Kita - Grundschule: 'Anschlussfähige Bildung - Naturwissenschaften und Technik für Kinder von 3 bis 10 Jahren'
ICS, Raum C9.2.2

Donnerstag, 24. Februar 2011, 10.00 - 12.00 Uhr
Projekt "Natur-Wissen schaffen"
Präsentation des Films "Natur-Wissen schaffen - Bildungsqualität im Elementarbereich stärken", anschließend Diskussion mit dem Projektteam
Konferenzraum VIP-Lounge

Freitag, 25. Februar 2011, 10:00 - 11:00 Uhr
Best Practise BaWü: "Den Alltag erforschen - Beispiele aus der Kita-Praxis für naturwissenschaftliche Frühbildung in Baden Württemberg"
ICS, Raum C7.3

Freitag, 25. Februar 2011, 10.00 bis 17.00 Uhr
Aktionstag 2011: Alles nach Plan? Eine bildungspolitische Bestandsaufnahme
Mit folgenden Fragen will sich der Aktionstag kritisch auseinandersetzen:

  • Welche Voraussetzungen sind notwendig, damit die Inhalte der Bildungspläne in Kindertageseinrichtungen umgesetzt werden können?
  • Sind die Bildungspläne geeignet, mehr Chancengerechtigkeit für benachteiligte Kinder sicherzustellen?
  • Gefährden die Bildungspläne und die vielfältigen bildungspolitischen Projekte das in Kindertageseinrichtungen seit vielen Jahren etablierte ganzheitliche Bildungsverständnis?
    ICS

Freitag, 25. Februar 2011, 12:45 - 13:45 Uhr
Früh fördern statt spät reparieren - (Ein-)Blick in die Kita-Landschaft
Podiumsdiskussion
Forum didacta aktuell, Halle 5, Stand G12

Samstag, 26. Februar 2011, 13:00 - 14:00 Uhr
Mathematische Experimente und Einsichten
Forum Unterrichtspraxis, Halle 3, Stand C81


Weiterführende Links

  • Das Projekt "Natur-Wissen schaffen"
  • Telekom Stiftung
  • Universität Bremen
  • Projekt Haus der kleinen Forscher
  • didacta 2011

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