Interview

Kinder brauchen Bullerbü-Erfahrungen

Kinderlieder sind wichtiger Seelenproviant. Davon ist Komponist Reinhard Horn überzeugt. Denn: Sie ermöglichen Selbstwirksamkeit.

31.08.2020 Bundesweit Artikel Silvia Schumacher, Meine Kita
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Meine Kita: Mit drei Millionen verkauften Tonträgern gehören Sie zu den erfolgreichsten Kinderliedermachern in Deutschland.
Was ist Ihr Geheimnis?

Reinhard Horn: Ich fnde eine Sprache, die ins Herz geht und arbeite mit den Kindern auf Augenhöhe. Bei meinen Konzerten lade ich sie zum Mitmachen, zum Singen, Lachen und Tanzen ein.

Reinhard Horn macht seit über 20 Jahren Musik für Kinder, mittlerweile hat er 2000 Songs komponiert und produziert. Davor war er Musiklehrer an einem Gymnasium.

Sie setzen auf Partizipation?
Genau. Kinder brauchen Bullerbü-Erfahrungen, das wissen wir aus der Lernpsychologie. Das bedeutet, wir müssen sie zu Subjekten ihrer eigenen Lerngeschichte machen, und sie nicht, wie häufg in der Vergangenheit passiert, als Objekte behandeln. Bei meinen Konzerten sind die Kinder keine Zuhörer, die auf dem Stuhl sitzen, sondern sie singen und bewegen sich mit, kommen mit mir auf die Bühne. So erleben sie sich selbstwirksam und nehmen sich als Teil der Geschichte wahr. „Lieder sind Seelenproviant für Kinder“, sagten Sie in einem anderen Interview.

Was meinen Sie damit genau?
Bildlich gesprochen tragen wir alle einen Rucksack auf dem Rücken, in den alles hineinkommt, was wir brauchen, um im Leben zu bestehen: Lesen, Schreiben, Rechnen. Aber auch Seelenproviant kommt dort hinein: Für Entwicklungspsychologen ist das
eine sichere Bindung und Beziehung zu Mutter und Vater, die man als Kind erlebt hat. Für mich gehören in den Rucksack außerdem noch Geschichten und Musik.

Warum sind diese so wichtig?
Musik und Geschichten sind Balsam für die Seele und Kraftfutter für das Gehirn – so sagt es der Neurobiologe Gerald Hüther – weil sie Kinder Ausdrucksmöglichkeiten erschließen, die Fantasie anregen und die Selbstwirksamkeit fördern. Ich bin musikalischer Botschafter des Vereins ‚Singende Krankenhäuser‘ und arbeite immer wieder mit Demenzerkrankten. Lassen sie mich es am Beispiel mit diesen Patienten verdeutlichen: Ich bin jedes Mal beeindruckt, wie sich deren Gesicht aufhellt, wenn wir ein Lied aus ihrer Kindheit singen. Der Patient weiß nicht, ob es zum Mittagessen Kartoffeln oder Nudeln gab, erinnert sich aber an das Lied. Gehirnforscher haben mir erklärt, dass der letzte Bereich im Gehirn, der erhalten bleibt, das musikalische Gedächtnis ist. Daher: Singt jeden Tag mit den Kindern.
Singt die Lieder wieder und wieder. Geben wir ihnen gute Lieder und Geschichten mit, an die sie sich auch mit 80 Jahren noch erinnern.

Sie komponieren selbst Kinderlieder. Wie entsteht bei Ihnen ein ‚gutes Lied‘?
Im Moment habe ich den Auftrag, einen Gartensong zu schreiben, in dem es um Nachhaltigkeit gehen soll. Im ersten Schritt suche ich einen Texter, bei dem das Thema gut aufgehoben ist. Dann arbeiten wir gemeinsam an dem Text: Wir hatten schnell die Idee für den Refrain „Mein Garten ist mein Paradies“, die Strophen drehen sich um Artenvielfalt. Ich lerne den Text der ersten Strophe und des
Refrains auswendig. Danach gehe ich durch den Garten, spreche den Text laut auf meine Gehschritte und probiere verschiedene Rhythmen aus. Danach setze ich am Klavier den Rhythmus in eine Melodie um, im Anschluss teste ich das Lied mit meinem Kinderchor. Es kommt vor, dass die Kinder beim Singen die Melodie an manchen Stellen unbewusst verändern, da denke ich mir: Das hat seinen
Grund und übernehme es.

Ihre neuesten Lieder drehen sich um Kinderechte. Wie kamen Sie zu dem Thema?
Vor einer Ausstrahlung des Eurovision Songcontests kam das Wort zum Sonntag, in der eine Ordensschwester mit ihrem Kinderchor sang – zur Prime Time. Das hat mich begeistert. Es stellte sich heraus, dass die Kinder des Chors in einem Kinderdorf leben. Ich wollte ihnen etwas schenken und besuchte sie mit einem Konzert. Da entstand die Idee für ein längeres Projekt – und zwar zum Thema Kinderrechte. Zwei Jahre lang haben wir mit den Kindern Ideen gesammelt für Lieder zum Thema Kinderrechte – und aus diesem Material ist die CD entstanden „Echte Kinderrechte“.

Gemeinsames Musizieren in der Kita - Tipps von Reinhard Horn:

  • Singt jeden Tag mit den Kindern.
  • Singt nicht täglich ein neues Lied – Kinder lieben die Wiederholung.
  • Nutzt die Möglichkeiten selbst zu singen, eine CD ist immer nur ein Hilfsmittel.
  • Nutzt Bewegungen zum Lied: Das hilft beim Lernen des Textes und unterstützt die Ausdrucksfähigkeit. Fragt die Kinder, welche Ideen sie für die Bewegung haben.
  • Als Instrumente lassen sich gut Percussion/Rhythmusinstrumente einsetzen. Wenn Instrumente fehlen, greift auf die Body-Percussion zurück: klatschen, patschen, trommeln.
  • Das Wichtigste: Habt Spaß und Freude beim Singen – dann haben es auch die Kinder

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Meine Kita – Das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 2/2020, S. 20-22, www.fruehe-bildung.online



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