Elementarerziehung

Mehr männliche Erzieher

Die Erziehung in den Kitas ist nach wie vor Frauendomäne. Männer kommen in diesem Berufsfeld auf einen bescheidenen Anteil von unter drei Prozent. Das könnte sich in den nächsten Jahren ändern. Dann werden mindestens 40.000 neue Erzieherinnen und Erzieher gebraucht, insbesondere weil die Betreuung der unter 3jährigen ausgebaut werden soll. Verschiedene Programme und Projekte wollen jetzt insbesondere Männer für diesen Beruf gewinnen.

03.02.2011 Artikel
  • © bikl.de

"Wir wollen mehr Männer in Kindertagesstätten", bekundete Bundesfamilienministerin Kristina Schröder bei der Vorstellung des Modellprogramms "Mehr Männer in Kitas". "In den meisten Kitas gibt es fast nur Erzieherinnen. Dabei brauchen gerade Kinder in diesem Alter unterschiedliche Rollenvorbilder, an denen sie sich orientieren können." Das Bundesfamilienministerium und der Europäische Sozialfonds stellen dafür in den nächsten drei Jahren rund 13 Millionen Euro bereit. Bundesweit wurden jetzt für die Umsetzung 16 Modellprojekte ausgewählt. Sie sollen unterschiedliche Konzepte erproben: Info-Busse, Schüler-Praktika, Schnuppertage, Freiwilligendienste, Mentorenprogramme, die Einbindung von beruflichen Quereinsteigern, aktive Väterarbeit sowie Runde Tische.

In Brandenburg hat man schon seit einigen Jahren Erfahrung mit derlei Projekten. Unter dem Titel "Männer für Kitas" bietet das Bundesland seit 2007 einen Ausbildungsgang für langzeitarbeitslose Männer mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung an. "Männliche Erzieher in der Kita sind für die Entwicklung und Identitätsbildung von Mädchen und Jungen eben so wichtig wie Erzieherinnen. Darüber hinaus sind männliche Fachkräfte wichtig, weil im Kita-Alltag jungentypische Interessen und Bedürfnisse wie die Begeisterung für Technik oder auch das Austesten körperlicher Grenzen manchmal zu kurz kommen", erklärte der damalige Jugendminister von Brandenburg, Holger Rupprecht, als er im vergangenen September 19 ehemaligen Dachdeckern, Fliesenlegern, Köchen, Gerüstbauern, Elektrikern und Industriemechanikern die Zertifikate als Kita-Erzieher überreichte.

Der Modellversuch wurde zum regulären Projekt in Brandenburgs Bildungslandschaft erklärt – mit einer entscheidenden Änderung: Inzwischen können auch Frauen an dieser Qualifizierungsform teilnehmen.

"Der Ruf nach mehr Männern in der Frühpädagogik", so schreibt Prof. Dr. Hilde von Balluseck, die an der Alice Salomon Hochschule Berlin für den ersten grundständigen Studiengang für Erzieherinnen in Deutschland verantwortlich war, " ist psychologisch und insbesondere psychoanalytisch gut zu begründen, wenn man davon ausgeht, dass Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit in der Kindheit zu entsprechenden Identitäten führen. Jungen, die das Glück haben, einen sorgenden, liebevollen Vater zu erleben, entwickeln andere Eigenschaften als jene, deren Vater prügelt und ein autoritäres Familienregime führt. Und sie sind sich ihrer Männlichkeit weitaus sicherer als solche, die keinen Vater und keine wirklich bedeutsame männliche Bezugsperson positiv erlebt haben."

Zur Absicht der Politik, die männliche Präsenz in Kitas zu stärken, wendet sie allerdings ein, es sei nicht davon auszugehen, "dass erwerbslose Männer, die ohnehin schon einen Bruch in ihrer Identität haben, in Massen in die Frühpädagogik flüchten, um eine bezahlte Arbeit zu haben. Denn auch dort ist ja ihre Identität, und diesmal auch die Geschlechtsidentität, einer Belastung ausgesetzt." Außerdem, so Ballusek, sollten Sonderkonditionen in der Ausbildung von Männern vermieden werden, um nicht qualifizierten Erzieherinnen in der Praxis Missachtung entgegenzubringen.

Und noch eines sollte man nicht vergessen: Geringer Verdienst und teilweise schlechte Rahmenbedingungen prägen den Arbeitsalltag von Erzieherinnen. "Von einem attraktiven Beruf, für den man nur werben muss, um den enormen Fachkräftebedarf zu decken, kann keine Rede sein", betont denn auch der Leiter des Organisationsbereichs Jugendhilfe und Sozialarbeit der GEW, Norbert Hocke. Laut einer GEW-Studie aus dem vergangenen Jahr haben nur 50 Prozent der Erzieherinnen und 30 Prozent der Kinderpfleger eine Vollzeitstelle. Insbesondere Nachwuchskräfte erhalten zudem lediglich befristete Stellen: Lediglich 49 Prozent der Fachkräfte unter 25 Jahren sind unbefristet eingestellt. Fast 20 Prozent der Berufsanfänger sind armutsgefährdet: Sie verdienen weniger als 786 Euro netto. Acht Prozent der Kinderpflegerinnen erhalten zu ihrem Verdienst Hartz IV. Mit diesem schlechten Verdienst gewinnt man weder junge Frauen noch Männer für diese Berufe", betonte Hocke. Ein Drittel aller Beschäftigten wechselt den Beruf, bei den Männern sind es sogar 40 Prozent.

Dazu auf der didacta

22. – 26.02.2011
Kita-Seminare 2011
ICS

22.02.2011, 14:00 - 16:00 Uhr
Bündnis frühkindliche Bildung
Gesprächsteilnehmer: Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis (Präsident des Didacta Verbandes), Anette Stein (Bertelsmann Stiftung), Norbert Hocke (Mitglied des GEW-Hauptvorstandes), Eva Hammes - Di Bernardo (Vorsitzende des Pestalozzi-Fröbel-Verbandes). Moderator Herr Dr. Matthias Degen
Forum didacta aktuell, Stand 5G12

24.02.2011, 14:00 - 15:15 Uhr
Frühkindliche Bildung in Baden-Württemberg – Chancen, Grenzen, Möglichkeiten
Gesprächsteilnehmer: Prof. Dr. Marcus Hasselhorn, Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung, Frankfurt, Norbert Hocke, Leiter des GEW-Vorstandsbereichs Jugendhilfe und Sozialarbeit, Hans-Peter Vogeler, Vorsitzender des Bundeselternrates, Georg Wacker, Staatssekretär im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg. Moderator Christoph Link, Redakteur der Stuttgarter Zeitung
forum bildung Stand 1K72

24.02.2011, 14:00 - 15:00 Uhr
Professionalisierung von Erzieherinnen und Erziehern – aber wie?
Gesprächsteilnehmer: Bernhard Arnold, BLV-Referatsleiter "Hauswirtschaft, Pflege, Sozialpädagogik, Landwirtschaft (HPSL)", Christian Lauer, Ausbilder am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung (BS) Freiburg, MR´in Hildegard Rothenhäusler, Kultusministerium Baden-Württemberg, Referatsleiterin, zuständig für Erzieheraus- und -weiterbildung, Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen, Prof. Dr. Ursula Stenger, PH Ludwigsburg, Professorin für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt "Frühe Bildung"
Marktplatz "Beruf ist Zukunft" Stand 1G76

Links

Hilde von Balluseck : Qualifikationsrahmen, Quereinstiege und die (Männer-) Quote - Aktuelle Herausforderungen an die Ausbildung von ErzieherInnen
In diesem Jahr gibt es erstmals den boys` day – das Pendant zum girls` day.
Qualifizierung von langzeitarbeitslosen Männern zu Erziehern im Land Brandenburg - Evaluation ihrer pädagogischen Praxis im Berufsfeld


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