Schulbücher sind lohnende Objekte historischer Forschung
Nur wenige Bücher werden so genau geplant wie Schulbücher. Dennoch führt die Schulbuchforschung ein Schattendasein. Abhilfe schaffen soll die 1997 an der Augsburger Universität gegründete "Internationale Gesellschaft für historische und systematische Schulbuchforschung e.V.". Carsten Heinze, Mitorganisator des Fachsymposions, das der Verein alljährlich im Schulmuseum Ichenhausen veranstaltet, beschreibt Aufgaben und Ziele der wissenschaftlichen Gesellschaft.
16.09.2005 ArtikelSchulbuchforschung ist gemessen an der Bedeutung und Verbreitung von Schulbüchern ein eher vernachlässigter und gesellschaftlich wenig wahrgenommener Forschungsbereich. Das hängt damit zusammen, dass einerseits die Schulbuchforschung keiner Wissenschaftsdisziplin eindeutig zuzuordnen ist und andererseits das gesellschaftliche Interesse an Schulbüchern sowie das Bewusstsein ihrer Bedeutung - im Vergleich zu den 1960er- und 1970er-Jahren - stark abgenommen hat.
Schulbücher sind mehrdimensional
Schulbuchuntersuchungen werden aus fachdidaktischen, fachwissenschaftlichen, erziehungswissenschaftlichen, historiographischen, soziologischen u.a. Perspektiven vorgenommen und damit dem Erkenntnisinteresse der jeweiligen Fachwissenschaft untergeordnet. Häufig wird dem Schulbuch dabei ein partielles - auf die Darstellung bestimmter Inhalte in Schulbüchern bezogenes - Forschungsinteresse entgegengebracht, wobei die Gefahr besteht, das Schulbuch selbst, "in seiner Mehrdimensionalität als Pädagogicum, Informatorium und Politicum aus dem Blick zu verlieren", so der Duisburger Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Gerd Stein. Dadurch erweist sich die institutionelle Verankerung und Vernetzung der Schulbuchforschung als schwierig. Eine Ausnahme bildet in diesem Zusammenhang das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig, das bereits auf über 30 Jahre erfolgreiche Schulbuchforschung und -revision mit den Schwerpunkten Konfliktbewältigung und Friedenserziehung zurückblicken kann.
Wissenschaftliche Fachgesellschaft
In dem gemeinsamen Interesse und dem Wissen um die Bedeutung der Schulbuchforschung haben sich 1997 Schulbuchforscher zusammengefunden und unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Dr. Werner Wiater, Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, die "Internationale Gesellschaft für historische und systematische Schulbuchforschung e.V." als wissenschaftliche Fachgesellschaft gegründet. Dabei wurde das Ziel verfolgt, die interdisziplinäre Schulbuchforschung umfassend zu fördern und deren Bedeutung nachhaltig in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu heben. Durch regelmäßige Tagungen und Publikationen soll Schulbuchforschern, vor allem auch dem wissenschaftlichen Nachwuchs, ein Forum geboten und gleichzeitig die Möglichkeit geschaffen werden, Einzeluntersuchungen stärker aufeinander zu beziehen und zu vernetzen sowie im internationalen Kontext zu diskutieren. Hierbei sollen sowohl schulbuchtheoretische und -forschungsmethodische Fragestellungen verfolgt als auch Probleme der Schulbuchentwicklung und -revision reflektiert werden. Ferner ist die Gesellschaft bestrebt, einen Dialog zwischen Schulbuchforschen, -autoren und -verlagen, Lehrenden, Schülern und der interessierten Öffentlichkeit anzuregen.
Jährliches Fachsymposion
Seit Gründung der Gesellschaft, die sich aus Spenden und Zuschüssen wissenschaftsfördernder Institutionen finanziert, findet jährlich ein internationales Fachsymposion statt, auf dem die neuesten Ergebnisse zur Schulbuchforschung vorgestellt und diskutiert werden. Schwerpunktthemen waren in den letzten Jahren "Didaktische Innovationen im Schulbuch" (2002), "Kulturelle Integration durch das Schulbuch? Die Auseinandersetzung mit dem Fremden" (2003) und "Das Schulbuch zwischen Lehrplan und Unterrichtspraxis" (2004). Die Ergebnisse der Tagungen werden in der Reihe "Beiträge zur historischen und systematischen Schulbuchforschung", herausgegeben von Marc Depaepe, Carsten Heinze, Eva Matthes und Werner Wiater, publiziert. Derzeit ist der vierte Band "Das Schulbuch zwischen Lehrplan und Unterrichtspraxis" in Vorbereitung. Gegenwärtig zählt die "Internationale Gesellschaft für historische und systematische Schulbuchforschung e.V." 43 Mitglieder, die zum großen Teil aus Deutschland, aber auch aus Belgien, Italien, den Niederlanden, Norwegen, der Schweiz, Serbien und Montenegro, Spanien, der Russischen Föderation und Ungarn kommen. Als erste Vorsitzende führt Frau Prof. Dr. Eva Matthes, Ordinaria für Pädagogik an der Universität Augsburg, seit 2001 die Geschicke der Gesellschaft; zweiter Vorsitzender ist Prof. Dr. Marc Depaepe, Ordinarius für Historische Bildungsforschung an der katholischen Universität Leuven (Belgien).
Infotipp Internationale Tagung:"Die Familie im Schulbuch"
Die Aufgaben und Funktionen der Familie werden derzeit im politisch-gesellschaftlichen Diskurs wieder intensiv diskutiert. Ein Beispiel hierfür ist die Initiative "Allianz für die Familie" des "Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend". In der Auseinandersetzung kommt allerdings die pädagogische Dimension zu kurz. Es wird kaum berücksichtigt, wie bereits Kinder und Jugendliche in schulischen und außerschulischen Bildungsprozessen mit der Problematik vertraut gemacht werden können.
Vor diesem Hintergrund führt die "Internationale Gesellschaft für historische und systematische Schulbuchforschung" vom 30. September bis 2. Oktober ihre diesjährige Tagung zum Thema "Die Familie im Schulbuch" im "Bayerischen Schulmuseum Ichenhausen" durch. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Belarus, Deutschland, Norwegen, der Schweiz, Serbien und Montenegro, Spanien und der Türkei werden dort vor dem Hintergrund historischer Entwicklungen Voraussetzungen, Möglichkeiten und Grenzen der Darstellung der Familie im Schulbuch unter einer international vergleichenden Perspektive diskutieren. Dabei soll die Fragestellung nicht auf einzelne Problemfelder, wie z.B. die Analyse geschlechtsrollenspezifischen Verhaltens, reduziert werden. Es müssen auch das komplexe Beziehungsgeflecht der Familie und ferner die Hintergründe des gesellschaftlichen und soziokulturellen Bedingungsgefüges Berücksichtigung finden.
Um die Tagungsthematik stärker in der Öffentlichkeit bekannt zu machen, wird im Rahmen der Tagung am 30. September eine Ausstellung eröffnet, die von Studierenden der Universität Augsburg in einem Projektseminar erstellt wird. Das aktuelle Programm steht im Internet unter: www.philso.uni-augsburg.de/.
Autor
Dr. Carsten Heinze
Universität Augsburg
Lehrstuhl für Pädagogik
Universitätsstraße 10
86159 Augsburg
Telefon: 08 21-5 98 55 64-55 73
Fax: 08 21-5 98 56 30
Erstveröffentlichung und alle Rechte: Klett Themendienst
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