Interview

„Verliert nicht die Liebe zu den Kindern“

Wenn es neue Corona-Ausbrüche gibt, schließen Politiker meist Kitas und Schulen. Für Eltern und Kinder kann das eine Belastung sein. Ein Interview von Tina Sprung

17.03.2021 Bundesweit Artikel Meine Kita
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Meine Kita: Frau Henry-Huthmacher, während des Corona-Shutdowns von März bis Mai 2020 untersuchten Sie, wie sich die Kita-Schließungen auf die Familien auswirken. Was haben Sie herausgefunden?
Henry-Huthmacher: Der Wegfall der Kita war für berufstätige Eltern eine enorme Belastung. Sorgen, Unsicherheit im Umgang mit dem Virus, fehlende Kontakte mit anderen Kindern und Familien und der fehlende Alltagsrhythmus überforderten die Eltern. Auch Kinder litten unter der Situation – Eltern berichteten auf ihren Blogs von ihren Überforderungen und auch von der Einsamkeit ihrer Kinder, da sie ihre Freunde viele Wochen nicht treffen konnten.

Christine Henry-Huthmacher ist Koordinatorin für Frauen- und Familienpolitik bei der KonradAdenauer-Stiftung. Sie wirkte an der Untersuchung „Corona – Familien am Limit“ mit, die die Auswirkungen der Kita- und Schulschließungen auf  Familien analysierte.

Können Sie hier ein Beispiel nennen?
Henry-Huthmacher: Sie gaben beispielsweise an, kurz vorm Durchdrehen zu stehen und dadurch für Kinder nicht mehr optimistisch sein zu können. Kinder weinten, weil sie ihre Freunde vermissten. 

Wehrmann: Die Schließungen von heute auf morgen waren unerträglich für Kinder. Vor allem Kinder aus bildungsfernen Schichten und Migrationsfamilien, bei denen die Sprachförderung fehlt, sind mit die größten Verlierer der Krise. Die Politik reagiert hier falsch, sie sollten nicht sofort die Kitas schließen.

Ilse Wehrmann berät bundesweit Kita-Träger beim Auf- und Ausbau betrieblicher Kindertageseinrichtungen. Sie macht sich für die Rechte von Kindern stark.

Sondern?
Wehrmann: Flächendeckend die pädagogischen Fachkräfte auf Corona testen und bei einem lokalen Lockdown, wie in Gütersloh im Juni, die Kitas offen lassen. Wir sollten allen Kindern ermöglichen, dass sie ein Stück Normalität in der Krise erleben. Auch die Fachkräfte haben unter der Situation gelitten und sind froh, wieder mit den Kindern arbeiten zu können.

Wie können pädagogische Fachkräfte einen reibungslosen Kita-Alltag gewährleisten?
Henry-Huthmacher: Hier brauchen wir kreative Lösungen! Es ist wichtig, Vertrauen bei Eltern aufzubauen und eine intensive und zugewandte Betreuung und Bildung zu ermöglichen. Vor allem Alleinerziehende brauchen Unterstützung. Für einen Neustart ist es notwendig, dass Kinder wieder Spaß daran haben, in die Kita zu gehen und ihre Freunde wiederzusehen. Weiterhin ist es wichtig, dass sie ihren Bewegungsbedarf in der Kita und ihren großen Erzählbedarf, was sie in der Corona-Krise erlebt haben, ausleben können. Zudem benötigen wir eine Mindestbetreuung von zwei Kita-Tagen pro Woche, wenn es zu einer weiteren Schließung der Kitas kommen sollte.

Wie kann das gelingen?
Wehrmann: Hier sind die Träger und Kommunen gefragt. Sie müssen Konzepte für erneute Schließungen erstellen: Welche Räume stehen in der Kommune zur Verfügung, damit die Kinder in kleinen Gruppen betreut werden können? Welche Schüler und Studenten von Fachschulen und Universitäten stehen uns zur Verfügung, die aushelfen können? Politik und Träger müssen gewährleisten, dass die Kitas nicht mehr schließen. Denn Kinder brauchen den Kita-Besuch.

Falls es doch wieder zu Schließungen kommt: Wie können pädagogische Fachkräfte in Kontakt mit Eltern und Kindern bleiben?
Henry-Huthmacher: Der Kontakt mit den Eltern sollte via Telefon oder E-Mail laufen. Untersuchungen haben gezeigt, dass der Kontakt zu den pädagogischen Fachkräften während der ersten Schließungen zu schnell abgebrochen ist. 

Wehrmann: Das darf nicht passieren. Kinder sollten während einer Schließung weiter die Kita erleben dürfen. In unseren Kitas waren wir täglich mit den Eltern und Kindern in Kontakt. Wir haben den Kleinen Bilder mit Aufgaben, wie beispielsweise die Projektaufgabe Knete, per E-Mail geschickt. Wichtig ist, dass Kinder Kontakt zu den pädagogischen Fachkräften haben. Denn sie können nicht einfach eine Whatsapp-Nachricht schreiben, um sich mit Freunden auszutauschen. Die Zukunft bleibt ungewiss, und wir müssen allen die Ängste nehmen: Kindern, Fachkräften und Eltern. Wir dürfen die Liebe zu den Kindern nicht verlieren.

Studie "Corona - Familien am Limit" 

Die Konrad-Adenauer-Stiftung untersuchte anhand von Familienblogs im Internet, welchen Mehrbelastungen Familien durch die Corona-Krise ausgesetzt sind. Die Untersuchung leitete Helen Knauf, Professorin an der Fachhochschule Bielefeld. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Mehrbelastung der Eltern bei unsicherer Perspektive.
  • Tendenzen einer Retraditionalisierung der Rollen aufteilung zwischen Männern und Frauen: Frauen haben die Arbeitszeit reduziert, die Verantwortung für Kinder und Haushalt lag vielfach bei den Müttern.
  • Familie wird wieder zur Privatsache: Betreuung und Bildung der Kinder sowie Vereinbarkeit von Familie und Beruf werden von der Familie individuell geregelt.
  • Der Wegfall der Unterstützungssysteme Kita und Schule ist für berufstätige Eltern eine enorme Belastung für ihr Familienleben.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Meine Kita - das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 3/2020, S. 4-6, www.meine-kita.de


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