"Wir haben eine mögliche Lösung"
(red) Ab August 2013 hat jedes Kleinkind nach vollendetem ersten Lebensjahr in Deutschland das Recht auf einen Betreuungsplatz. Wenige Monate vorher zeichnet sich ab: Die vorhandenen Plätze werden nicht reichen. Gibt es noch Möglichkeiten, die Situation zu entschärfen? Antworten dazu vom Leiter des Deutschen Jugendinstituts, Prof. Dr. Thomas Rauschenbach.
13.12.2012 ArtikelHerr Rauschenbach, Deutschland braucht dringend mehr Frühpädagogen, denn nach aktuellen Zahlen fehlen immer noch bis zu 20 000 Fachkräfte, wenn der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz ab August 2013 greift. Wie steht es gegenwärtig um diesen Arbeitsmarkt?
Thomas Rauschenbach: Der Arbeitsmarkt Frühpädagogik ist in den letzten Jahren durch ein enormes Wachstum gekennzeichnet, was wir in diesem Ausmaß noch nie hatten. Das hat zuletzt mit dem kommenden Rechtsanspruch U3 zu tun. Aber auch schon mit dem Kindergarten-Rechtsanspruch in den 90er Jahren. Ein kontinuierliches Wachstum also, das in den letzten Jahren noch einmal einen zusätzlichen Push erhalten hat. Es ist inzwischen so, dass wir von einer eigenen Branche Frühpädagogik sprechen können mit über 500 000 Beschäftigten. Das war vor 20 Jahren völlig undenkbar.
Heißt das auch, die beruflichen Bedingungen sind gut?
Thomas Rauschenbach: Das kann man an der Statistik nicht ablesen. Aber es ist zunächst einmal insofern eine gute Botschaft, als dass die Arbeitnehmer nachgefragt werden. Wenn es zu viele Beschäftigte gibt und zu wenig Plätze, dann kämpfen immer viele Bewerber um einen Arbeitsplatz. Das ist viel schwieriger. Ich glaube, jetzt sind sozusagen die sieben fetten Jahre für die Erzieherinnen angesagt, die dann auch mal auswählen können und möglicherweise auch ihrerseits gewisse Bedingungen gegenüber dem Arbeitgeber formulieren können. Und das stärkt natürlich die Position.
Gibt es dafür denn schon Anzeichen?
Thomas Rauschenbach: Es gibt erste Fälle. Soweit ich weiß, zahlt zum Beispiel die Stadt Frankfurt generell eine Tarifgruppe besser, weil sie einfach einen Erziehermangel hat und nicht mehr genügend gute Fachkräfte bekommt. Gerade die großen Städte stehen hier unter Druck, weil dort das Wohnen zum Beispiel teuer ist. Dann sagen Erzieherinnen nicht ohne weiteres: Ich arbeite in Frankfurt und nehme beispielsweise teure Mieten oder einen langen Arbeitsweg in Kauf. Also müssen die Arbeitgeber finanziell nachlegen.
Nun werden wir ja beinahe täglich mit beängstigend hohen Zahlen über fehlende Plätze konfrontiert. Wie ernst ist die Lage?
Thomas Rauschenbach: Da muss man mehrere Dinge festhalten: Erstens werden diese 200 000 Plätze nicht im Jahre 2013 fehlen sondern es fehlen im Moment noch 200 000 Plätze, um dieses Ziel zu erreichen. Die spannende Frage wird sein: Was passiert im letzten Jahr? Oder genauer: in den letzten 18 Monaten, weil das die Zahlen aus dem März 2012 sind. Man kann es mit einem Endspurt vergleichen. Auch ein 1000-Meter-Lauf wird am Schluss schneller. Ähnlich ist es hier, auch weil die Kommunen sagen: Warum soll ich vorher ausbauen, es reicht ja, wenn ich zu dem festgelegten Zeitpunkt meine Plätze habe. Insofern habe ich immer noch eine gewisse Hoffnung, dass in diesem Jahr noch viel Dynamik drin ist.
Trotzdem: Über Nacht werden ja keine neuen Erzieherinnen in dieser Größenordnung verfügbar sein.
Thomas Rauschenbach: Mit den Erzieherinnen und dem Bedarf, das ist eine komplizierte Frage. All unsere Berechnungen haben ergeben, dass immer noch knapp 20 000 Fachkräfte im nächsten Jahr fehlen werden – rechnerisch. Aber wenn man dagegen stellt, dass wir insgesamt 500 000 Beschäftigte haben, dann ist diese Zahl auch nicht so extrem hoch gemessen am Gesamtarbeitsmarkt. Man muss auch zur Kenntnis nehmen, dass die Ausbildungskapazität in den letzten Jahren enorm angestiegen ist. Wir bilden inzwischen ein Drittel mehr Erzieherinnen aus als noch vor fünf, sechs Jahren. Das heißt, das Ausbildungsangebot hat längst reagiert auf diesen wachsenden Bedarf – und offenbar die jungen Menschen auch. Insofern ist die Gesamtlage etwas kompliziert. Meine Prognose ist: Wir werden überall dort Personalknappheit haben, wo die Lebenskosten teuer sind. Das wird in den Metropolen sein.
Wir haben das in Hessen auf Kreisebene analysiert und dort ist es das Rhein-Main Gebiet. Alle anderen Teile in Hessen zum Beispiel werden kein massives Problem haben. Es wird eine sehr ungleiche Situation in Deutschland sein. Wir haben aber auch eine mögliche Lösung: Es gibt ganz viele Teilzeitkräfte im frühpädagogischen Bereich. Da müssten die Arbeitgeber Anreize schaffen, damit diese Kräfte möglicherweise für eine gewisse Zeit ihre Stundenzahl erhöhen, soweit das im Rahmen von Vereinbarkeit von Beruf und Familie möglich ist. Es gibt also durchaus Strategien, insofern würde ich jetzt noch nicht ganz schwarzmalen.
Aber richtig rosig ist es auch nicht. Oder sind die Befürchtungen über drohende Qualitätseinbußen überzogen?
Thomas Rauschenbach: Wir haben in den letzten Jahren die Qualitätsentwicklung beobachtet, und es zeigt sich, dass wir bislang, ich muss betonen: bislang, keine Qualitätseinbußen feststellen können. Der Personalschlüssel ist in den letzten Jahren besser geworden, es ist insgesamt die Zahl derjenigen, die ohne Ausbildung in diesem Bereich arbeiten, in den letzten 30 Jahren deutlich gesunken. Das ist nur noch eine ganz kleine Gruppe von 2,3 Prozent. Das gilt immer bis zum letzten messbaren Zeitpunkt, das ist März 2012. Andererseits muss man sagen, in den 90er Jahren, als wir den Kindergarten-Rechtsanspruch eingeführt haben, konnte man beobachten, dass in dieser Phase tatsächlich eine gewisse Dequalifizierung stattgefunden hat. Man hat auch die weniger Qualifizierten eingestellt. Das wird man nicht ganz ausschließen und auch nicht ganz verhindern können. Wenn man Allen einen Platz bieten will und nicht genügend Personal da ist, muss man Zugeständnisse machen. Oder man muss den Eltern sagen, ihr könnt leider die Kita nicht nutzen, weil wir zu wenig Personal haben.
Allerdings halte ich insgesamt die Zahl der ausgebildeten Erzieherinnen in Deutschland für so groß, dass die Länder zum Beispiel versuchen könnten, viele Erzieherinnen, die nicht im Arbeitsmarkt tätig sind, wieder zu reaktivieren. Etwa mit Wiedereinstiegskursen für Mütter, die zehn Jahre ausgestiegen sind, weil sie selbst Kinder großgezogen haben und jetzt eher sagen: ´Der Arbeitsmarkt hat sich so verändert, ich traue mir das nicht zu`. Wenn diese Fachkräfte allerdings eine Chance bekommen, einen vom Arbeitsamt bezahlten vier- oder achtwöchigen Einstiegskurs etwa, dann ist ein Wiedereinstieg möglich. Eigentlich existiert bei uns in Deutschland genügend Potential, um einigermaßen gut über diese schwierige Klippe im nächsten Jahr zu kommen.
Dazu auf der didacta, 19.-23. Februar 2013 in Köln
Kita-Seminare, Congress-Center
19. – 22. Februar 2013
Traditionell wird sich Europas größte Bildungsmesse über den Marktplatz der Aussteller hinaus auch wieder als Ort der Weiterbildung und des kontroversen fachlichen Austauschs präsentieren. Besonders im Jahr der Bundestagswahl gilt es, brisante Themen wie die Ausstattung und Qualität von Kitas vor dem Hintergrund des Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr und dem prognostizierten Fachkräftebedarf kontrovers zu diskutieren. Es gilt mehr denn je, die Öffentlichkeit auf die Bedeutung der frühkindlichen Bildung aufmerksam zu machen. Konkrete Praxishilfen für die pädagogischen Fachkräfte runden das Programm ab. Die didacta bietet die gelungene Plattform dafür. Zusammen mit Partnern hat der Didacta Verband ein informatives Rahmenprogramm zusammengestellt. Tagesthemen zugeordnet, werden die Kita-Seminare mit einem Auftaktvortrag in das jeweilige Thema einführen. Acht anschließende Workshops werden dann Einzelaspekte konkretisieren:- Kindliche Entwicklungen verstehen
- Was Kinder unter drei Jahren brauchen
- Kitas im Jahr 2013 – was macht eine gute Kita aus
- Vielfalt als bereichernd erleben
Das Programm zum Downloaden als PDF
Marktplatz "Beruf ist Zukunft, Halle 9
Das kompetenzorientierte Qualifikationsprofil für die Erzieherinnen- und Erzieherausbildung19.02.2013, 14:00 – 14:30 Uhr
Der Referent Lutz-Walter Müller-Till stellt in seinem Vortrag das kompetenzorientierte Qualifikationsprofil der KMK und die darin enthaltenen Handlungsfelder vor. Das Qualifikationsprofil dient inzwischen als Grundlage für die Erarbeitung eines bundesweiten und länderübergreifenden Rahmenlehrplans in der Erzieherausbildung. Ein Vergleich mit den Studiengängen der Frühpädagogik und die Einordnung in den Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) soll ebenfalls erleichtert werden.
Forum didacta aktuell, Halle 4
Bündnis frühkindliche BildungBildungsgerechtigkeit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, für die es sich unermüdlich einzusetzen gilt. Eltern, Fachkräfte, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft insgesamt müssen ihren Beitrag leisten. Das "Bündnis frühkindliche Bildung" bietet die Plattform dafür. Die didacta lädt ein, diese Verantwortung zu leben und sich mit namhaften Gesprächspartnern für hohe Bildungsqualität stark zu machen:
20. Februar 2013: Kita-Ausbau und Fachkräftemangel –Herausforderungen der frühkindlichen Bildung
Teilnehmer:
- Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis
- Marion von zur Gathen, Paritätischer Wohlfahrtsverband •- Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Deutsches Jugendinstitut
- Bernd Neuendorf, Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport NRW
- Prof. Dr. Stefan Sell, Hochschule Koblenz
21. Februar 2013: Professionalisierung der Erzieher/-innenausbildung – angemessene Ausbildung für Alleskönner
Teilnehmer:
- Prof. Dr. Rahel Dreyer, Alice Salomon Hochschule Berlin,
- Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis, Präsident des Didacta Verbandes
- Prof. Dr. Bernhard Kalicki, Evangelische Hochschule Dresden
- Prof. Dr. Anne Levin, Universität Bremen
- Gerhard Merget, Fachakademie für Sozialpädagogik
22. Februar 2013: Bildungsdiversität gerecht werden –Umgang mit Vielfalt Congress-Centrum
Teilnehmer:
- Prof. Dr. Friedrich Schweitzer, Universität Tübingen
- Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis, Präsident des Didacta Verbandes e.V.
- Prof. Dr. Rosemarie Tracy, angefragt
- Sibylle Fischer, Evangelische Hochschule Freiburg, Pädagogik der Frühen Kindheit (Programm "Chancen gleich" der Robert Bosch Stiftung), angefragt
Fachtage frühe Bildung
Wege zur Mehrsprachigkeit – Immersion in Krippe, Kita und Schule Welche Rolle spielt die Erzieherin in bilingualen und mehrsprachigen Einrichtungen? Wie wichtig ist die Erstsprache für weitere Sprachen? Wie gelingt es, Eltern verschiedener Kulturen auf den Wegen zur Mehrsprachigkeit zu beteiligen? Fragen, die auf diesem Fachtag zur Sprache kommen. Die Teilnehmenden lernen Bücher und Spiele für Kitas mit zahlreichen Sprachen kennen und können zwischen elf Workshops wählen.
21.02.2013, 09:00 – 16:00 Uhr, Offenbachsaal, Congress-Centrum
Ost,Veranstalter: Verein für frühe Mehrsprachigkeit (FMKS)
Aktionstag: Inklusion praktisch
Die kirchlichen Trägerverbände KTK-Bundesverband und BETA laden auch in Köln wieder zum Aktionstag ein. Das Thema Inklusion steht diesmal im Fokus: Was ist Inklusion und welche Herausforderungen bedeutet sie für die Kirche? Wie wird diese gesamtgesellschaftliche Aufgabe von kirchlichen Trägern und ihren Kitas verstanden und umgesetzt?
22.02.2013, 10:00 – 14:00 Uhr, Konrad-Adenauer-Saal, Congress-Centrum Nord
Veranstalter: KTK-Bundesverband, BETA, Didacta Verband der Bildungswirtschaft
Bildungstag: Interaktion als Schlüssel zu Bildung und Demokratie – Bildungspartnerschaften in Kitas aufbauen und leben
Voraussetzung für eine erfolgreiche Bildungsarbeit ist eine Interaktion der unterschiedlichen Beziehungspartner. Kinder, Eltern, pädagogische Fachkräfte und Träger sollten sich als Partner gegenüberstehen. Wie das auf den verschiedenen Ebenen rund um den Kita-Alltag aussehen kann, beleuchten ein Auftaktvortrag und anschließende konkretisierende Foren.
23.02.2013, 10:00 – 16:30 Uhr Konrad-Adenauer-Saal, Congress-Centrum Nord
Veranstalter: Landschaftsverband Rheinland (LVR), Didacta Verband der Bildungswirtschaft
Tag der Kindertagespflege
Mit dem Rechtsanspruch für alle Kinder vom vollendeten ersten bis zum vollendeten dritten Lebensjahr profiliert sich auch die Kindertagespflege. Der Bundesverband für Kindertagespflege wird an diesem Samstag filmisch und anhand von Vorträgen und Foren die aktuellen Themen der Kindertagespflege behandeln.
23.02.2013, 11:00 – 14:00 Uhr, Ort: Kristallsaal I, Congress-Centrum West
Veranstalter: Bundesverband für Kindertagespflege
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