didacta 2011

"Wir wollen die Liebe von der Bewegung auf die Liebe zur Sprache übertragen"

Spätestens seit den ersten PISA-Ergebnissen ist allgemein bekannt, wie wichtig die Sprache für die Bildungskarriere ist. Seither steht die frühe Sprachförderung ganz oben auf der Agenda der Bildungspolitik. Insgesamt aber präsentiert sich die Sprachförderung eher diffus. Zu 17 verschiedenen Tests in den 16 Bundesländern gesellt sich eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Förderprogramme. Viele dieser Programme, so kritisiert die Direktorin des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe), Prof. Dr. Renate Zimmer, seien zu lebensfern.

25.01.2011 Artikel
  • © nifbe

Frau Prof. Zimmer, mittlerweile gehört Sprachförderung beinahe zum Standardprogramm in allen Kindergärten. Das ist doch eigentlich eine gute Nachricht.

Renate Zimmer: Ja – die Förderung sprachlicher Kompetenzen gehört zweifelsfrei zu den wesentlichen Aufgaben frühkindlicher Bildung. Aber leider läuft hierbei vieles zu funktionsorientiert ab, Sprachförderung wird zu wenig in den pädagogischen Alltag des Kindergartens integriert. Viele dieser Programme sind nicht dazu angetan, den Alltag zu bereichern. Sie sind oftmals sehr aufgesetzt und lebensfern.

Sie setzen dem ein anderes Konzept entgegen: "Bewegte Sprache – Sprachförderung durch Bewegung". Was ist daran besser?

Renate Zimmer: Wir haben nach für die Kinder sinnvollen Handlungen gesucht, bei denen sie auch die Sprache benutzen. In den ersten Lebensjahren spielt Bewegung dabei die wichtigste Rolle. Dort erfahren Kinder, dass sie etwas können und sie erleben lustvoll ihr eigenes Tun. Wir haben ein Konzept entwickelt, in dem Bewegungsanlässe als Sprachanlässe genutzt werden. Das darf allerdings nicht einfach dem Zufall überlassen werden, also z.B. davon auszugehen, dass die Kinder "irgendwie beim Plumpsack einen Reim aufsagen" werden, wir haben vielmehr ein gezieltes Konzept mit theoretischer Grundlage erstellt.

Und wie sieht dies dann im Kindergartenalltag aus?

Renate Zimmer: Wenn ich einen Ball eine schräge Ebene hinunterrollen lasse - dann ist diese Handlung für das Kind sinnhaft und wird von ihm sinnlich erlebt. In der sprachlichen Begleitung der Bewegungshandlung ergeben sich viele Anlässe für die Erweiterung seines Wortschatzes: ´Der Ball rollt hinunter` ermöglicht das Finden und Erweitern von Bewegungsverben aber auch die Benennung von Raumrichtungen. Der Ball im Bilderbuch hingegen rollt nicht, den kann ich nur benennen. Oder wir gestalten Bewegungssituationen für die Kinder, bei denen es ganz gezielt um Präpositionen geht, also "unter dem Tunnel hindurch", "über die Bank", "um den Kasten herum", "zwischen den Matten". Dazu haben wir Spielregeln eingeführt, etwa "Wie heißt die Eintrittskarte, um auf die andere Seite zu gelangen?" Wie muss ich mich bewegen: zwischen den Matten, unter dem Tunnel hindurch und so weiter. Die Kinder brauchen also die Sprache, um die Situation im Sinne der Spielregel bewältigen zu können. Das Problem ist doch, wenn ein Kind spürt, dass es ein sprachliches Defizit hat, wird es sich kaum zum Sprechen herausfordern lassen, sondern wird eher das Sprechen vermeiden. Genau das wollen wir verhindern. Wir wollen die Liebe von der Bewegung auf die Liebe zur Sprache übertragen.

Liegen denn bereits Projektergebnisse vor?

Renate Zimmer: In einer vorgeschalteten Pilotstudie konnten wir nachweisen, dass alle Kinder der teilnehmenden Gruppen von dem Konzept profitierten. Am größten waren die Fortschritte aber bei den Kindern, die bei der Überprüfung ihrer Sprachkompetenzen die am niedrigsten Werte hatten. Die Auswertung des aktuellen Projekts hat erst begonnen. Die Erzieherinnen haben aber bereits zurückgemeldet, dass sie sehr viel mehr auf ihre eigene Sprache geachtet haben und dass sie sehr viel sensibler sprachförderliche Situationen wahrgenommen und initiiert haben.

Hintergrund

Am Projekt "Bewegte Sprache – Sprachförderung durch Bewegung", das im Fachgebiet Sportwissenschaft der Universität Osnabrück (Arbeitsgruppe Prof. Dr. Renate Zimmer) durchgeführt wird, nehmen rund 50 Kindergärten aus der Stadt und dem Großraum Osnabrück teil. Es wird vom Ministerium für Wissenschaft und Kultur des Landes Niedersachsen gefördert. Zielgruppe sind sowohl Kinder im Alter von 3-6 Jahren als auch Kinder im Krippenalter.

Dazu auf der didacta 2011 in Stuttgart

Freitag, 25.02.2011, 10:00 – 17:00 Uhr
Aktionstag des KTK-Bundesverbandes und der BETA: Alles nach Plan? Eine bildungspolitische Bestandsaufnahme
Landauf, landab entstanden in den vergangenen Jahren Bildungspläne für die Arbeit in Kindertageseinrichtungen. Die meisten Bildungspläne beschreiben den pädagogischen Reichtum einer Kindertageseinrichtung. Sie systematisieren deren Arbeit und geben gleichzeitig Impulse für die Weiterentwicklung. Dabei stellen sich mehrere Fragen, mit denen sich die Referenten und Teilnehmer des Aktionstages auseinandersetzen wollen - unter anderem auch mit "Sprachbildung jenseits kurzatmiger Trainingsprogramme". Prof. Dr. Renate Zimmer wird dort über "Bildungspläne zwischen Verbindlichkeit und Beliebigkeit - ein Überblick" referieren.
ICS, Raum C1.1.2

Freitag, 25.02.2011
Vom 22. bis 26. Februar 2011 finden die Kita-Seminare 2011 auf der didacta statt. Am Freitag, 25. Februar 2011, haben sie das Schwerpunktthema "Sprache und Literacy". Dazu werden von 10:30 bis 17:00 Uhr Vorträge und Workshops angeboten.
ICS

Freitag, 25.02.2011, 11:00 bis 17:00 Uhr
Symposion Basiskompetenzen "Zuhören und Sprechen: Zuhörfreundliche Kitas und Grundschulen"
Zuhören ist eine Basiskompetenz für das Sprachlernen und andere Lernprozesse. Im Rahmen des eintägigen Symposions werden Konzeptionen, Anregungen und Praxisbeispiele vorgestellt, die anschaulich machen, wie in Kitas und Grundschulen eine zuhörfreundliche Atmosphäre geschaffen und verankert werden kann. Für die Konzeption und Moderation sind Marion Glück-Levi (Bayerischer Rundfunk & Stiftung Zuhören), Prof. Dr. Joachim Kahlert (Ludwig-Maximilians-Universität München) und Eva Reichert-Garschhammer (Staatsinstitut für Frühpädagogik IFP, München) verantwortlich. Die Teilnahme ist im Rahmen der didacta kostenlos.
ICS, Raum C5.2/C5.3


Weiterführende Links

  • Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe)
  • didacta 2011

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